Top 5-Spezial 2006: Wer hört welche Musik – und warum? Ein Rätsel der Redaktion der SZ-Jugendseite / Folge II

von Ein Gemeinschaftsprojekt der Jugendseite

Jahr: 2006, Woche: 51

Beginnen wir heute einmal mit Musik. Mit Vorlieben. Und mit einem Rätsel. Jeder hat seine Lieblingsbands, seine Lieblingssongs, die jetzt im Winter ständig laufen. Doch was passiert, wenn andere diese Musik anhören. Wird es auch deren Lieblingsmusik? Und können sie vor allem erraten, wer diese Bands hört. Lea Hampel, Dominik Weiß, Jojo Drosdowski, Nadine Raffler [...]


Beginnen wir heute einmal mit Musik. Mit Vorlieben. Und mit einem Rätsel. Jeder hat seine Lieblingsbands, seine Lieblingssongs, die jetzt im Winter ständig laufen. Doch was passiert, wenn andere diese Musik anhören. Wird es auch deren Lieblingsmusik? Und können sie vor allem erraten, wer diese Bands hört. Lea Hampel, Dominik Weiß, Jojo Drosdowski, Nadine Raffler , Andrea Pientka, Thi-le Thanh Ho, Sabrina Gläß, Susanne Krause, Annika Willer, Hedwig Thomalla, Claudia Lastro, Eva-Maria Bader, Dennis Ballwieser, Katja Görg, Anna Pataczek, Carmen Wegge, Hannah König , Chris Helten, Bernhard Hübner, Johannes Pömsl und Michael Bremmer haben sich diesem Test unterzogen – haben jeweils eine Playlist zusammengestellt, die dann per Zufallsprinzip verteilt wurden. Dann begann das Rätseln: Wer hört denn so etwas? Auf welchen Menschentyp kann man anhand dieser Musikauswahl schließen? Auf welche Eigenarten?


Fragen über Fragen – letztendlich lagen immerhin sechs mit ihrem Tipp richtig. Aber auch so ist der Überblick über unterschiedlichen Musikgeschmack spannend, immerhin erfährt man, warum ein Song für einen jungen Menschen ,,das Glück ist nach einem tausend Jahre alten Winter‘‘ und was es mit diesem ,,Penis-Lied‘‘ auf sich hat. Das Spiel geht weiter . . .


 


Runde 13) Die Playlist, die Susanne Krause bekommen hat:


 


The Velvet Underground & Nico – Sunday Morning


The Raconteurs – Broken Boy Soldier


Architecture in Helsinki – It’5


The Rifles – Peace and Quiet


Kante – Die Tiere sind unruhig


 


Was Susanne über diese Musik sagt: Da meint es jemand gut mit mir. Erstmal werde ich ganz lieb mit Glockenspiel und einem guten, alten Stück Wohlfühlmusik begrüßt, bei dem meine Zehen fröhlich mitwippen. Ruhig, liebenswürdig und dank des Glockenspiels dennoch irgendwie schräg.


Schräg geht es dann auch weiter. Denn ich meine in meinem Wohltäter eine Vorliebe für extravagante musikalische Mittel zu wittern. Die Stimme von Jack White, dem Sänger der ‚Raconteurs’ gehört definitiv dazu; genauso wie diese seltsamen Klänge im Hintergrund, die mich streckenweise stark an einen Dudelsack erinnern.


Das lässt sich allerdings noch steigern. Als ich den Einstiegschoral des nächsten Lieds höre, denke ich unweigerlich: ,,Scheiße, dass ist doch nicht etwa ‚Boney M’?!‘‘ Ich werde jedoch schnell besänftigt. Trotz ,,Uuuuuhuuuhuuhuu‘‘-Lauten, rhythmischem Klatschen und Kinderstimmen klingt das Ganze sehr sympathisch. Ich komme aus dem Wippen wohl nicht heraus. Während ,,Architecture in Helsinki‘‘ zwischen verschiedenen Stimmen, Instrumenten und Motiven herumhüpft, bescheinige ich meinem Wichtel endgültig eine Liebe für verspielte Musik.


Gerade da bekomme ich etwas Geradlinigeres. Ebenfalls rhythmisches Klatschen, dazu jedoch eine eingängige Melodie und eine tolle E-Gitarre im Hintergrund. Man gönnt mir weiterhin meine gute Laune.


Aber da ist jetzt endlich das Lied, das mir sofort aufgefallen ist, als ich den ersten Blick auf die Playlist warf. ,,Die Tiere sind unruhig.‘‘ Was zum Teufel soll denn das sein? Zuerst einmal setzt der Song einen Hauch Melancholie an das Ende meiner Wippsession: Hamburger Schule mit einem ziemlich abstrakten und doch sehr poetischen Text. Und während der Sänger mehr rezitiert denn singt, fallen mir im Hintergrund erneut interessante Klänge auf.


Der letzte Ton der CD verklingt schon nach knapp 15 Minuten. Leider. Meiner Meinung nach suche ich nun jemanden, der die kleinen Merkwürdigkeiten in Musik zu schätzen weiß und dafür durchaus Glockenspiele und singende Kinder in Kauf nimmt. Jemand, der generell eine positive Einstellung hat; genau wie die Grundstimmung der meisten Songs auf dieser CD. Außerdem spreche ich einem Liebhaber des schrägen Gute-Laune-Songs auf Position Nummer 3 einfach mal pauschal Humor zu. Mein Jemand ist scheinbar durchaus für einen Hauch von Nostalgie zu haben, die nicht nur bei dem einzigen wirklichen ,,Oldie‘‘, sondern auch den beiden nachfolgenden Songs durchsickert. Obwohl ich mir in dem Punkt nicht sicher bin, glaube ich, es mit einem weiblichen Menschen jenseits der zwanzig zu tun zu haben. Nach einem sehr langen und leider sehr ahnungslosen Blick auf die Namensliste tippe ich jetzt einfach mal auf Anna Pataczek.


 


Der Tipp: Anna Pataczek


Die richtige Lösung: Bernhard Hübner


 


Was Bernhard selbst über die Musik sagt: Kante sind mir immer auf den Sack gegangen. Zumindest seit ich sie einmal live erlebt habe, beim Puch-Openair im Dachauer Hinterland. Sie brauchten damals ungefähr eine halbe Stunde, dann hatten sie sämtliche Festival-Besucher mit ihrer depressiven Stimmung angesteckt. Und als auch der letzte Zuschauer nicht mehr tanzen wollte, machte der Sänger diese unfassbare Ankündigung:


,,Jetzt spielen wir noch einen zum Runterkommen‘‘.


Worauf es noch depressiver wurde. Ich wollte also nie wieder etwas von Kante hören. Bis zu diesem Sommer. Da kam ,,Die Tiere sind unruhig‘‘ heraus. Es klingt so lebendig und nach Aufbruch, dass es einfach mit auf die CD musste.


Eigentlich wollte ich ein Lied aus der ,,Sesamstraße‘‘ darauf packen. Das wäre aber irgendwie recht kindisch gekommen. Deswegen habe ich mich für Architecture in Helsinki entschieden. Die klingen beinahe genauso und werden trotzdem allgemein als nicht-peinliche Indie-Musik anerkannt. Zu beachten ist auch meine Referenz an die späten 1960er, mit Velvet Underground, die fast vierzig Jahre vor Pete Doherty schon die Maßstäbe für kaputt-schöne Drogen-Musik gesetzt haben. Und das Lied von The Raconteurs könnte auch fast aus dieser Zeit stammen. Es ist aber von 2006. Ebenso wie der Beitrag der Rifles: klassischer Britpop, zur Ausnahme einmal nicht aus Schweden, sondern wirklich aus England.


 


Runde 13: Diese Playlist hat Lea Hampel bekommen:


 


Farin Urlaub – Abschiedslied


Ray Charles – Fever


White Stripes – It’s true that we love one another


Yuhki Kuramoto – Second Romance


 


Was Lea über diese Musik sagt: Nur vier Songs statt fünf auf der CD – das fällt mir als erstes auf. Das wirft mehrere Varianten auf – der ,,Verfasser‘‘ ist Purist, Geizhals, hatte ein langweiliges Jahr, versinkt im Chaos oder beschränkt sich nur auf das Allerbeste. Zur Puristentheorie würde auch die Aufmachung passen – einfach nur in Papier gepackt, die Titel gleich auf die CD geschrieben. Das lässt auf einen Jungen schließen, wiederum widerspricht dieser Theorie die rundliche Handschrift.


Geizig wird in Zeiten moderner Brenntechnologien von vorne herein ausgeschlossen – (leider) kostet Musik heut fast nix mehr, und aus finanziellen Gründen nur vier Songs auf die CD zu brennen, scheint unlogisch. Also auf zur nächsten These.


Das langweilige Jahr scheint auch unwahrscheinlich – 365 Tage hat es ja im Normalfall, dass sich im Lauf des Jahres nur vier Songs von Bedeutung ansammeln ist daher unwahrscheinlich.


Umso wahrscheinlicher also die vierte These – dieser Mensch ist ein Chaot, hat die Mail vom Chef nicht richtig gelesen oder die CD mit dem fünften Song drauf gerade an jemanden verliehen, weiß aber nicht mehr, an wen.


Schmeichelnd ist die letzte Theorie – der Auswähler ist ein Musikgourmet, und würde niemals und unter keinen Umständen einen nicht 100%ig tollen Song auf die CD brennen, nur um sie voll zu kriegen. Jedes Lied ist mit Liebe, Bedacht und zahlreichen Assoziationen ausgewählt, einfach nur ,,tolles Musikstück‘‘ langte nicht als Kriterium. Und so sind es nun die allerbesten vier, die auf dieser CD in meine Hände fielen – ob sie das in der Tat sind, bleibt fraglich. Das erste Lied – im Vorjahr bereits von Katja Görg ausgewählt – könnte von so gut wie jedem sein, denn den Farin mag ja jeder ein bisschen. Und ist das nun ein Hinweis auf Katja, weil ihr persönlicher Dauerbrenner, oder kann ich sie mit Sicherheit ausschließen, weil sie ja nicht zweimal das Gleiche wählen wird?


Fragen über Fragen, die auch der zweite Song nicht beantwortet. Ebenso universell einsetzbar (positiv ausgedrückt) wie nichtssagend (negativ ausgedrückt). Ist das jemand, dessen Eltern seit Jahren Ray Charles hören, der selbst Klavier spielt oder ein Kino-Fan?


Die White Stripes bieten jedenfalls einen angenehmen Kontrast dazu – allerdings mit romantischem Text. Was Verliebtheit genauso wie akutes Indiegeschrammelsyndrom begründen könnte . . . auch das vierte und letzte Lied – mir zuvor völlig unbekannt – gibt keine Aufschlüsse.


Diagnose: Von allem etwas und das mit Geschmack – dennoch schwer zu definieren. Entweder zeitlos klassisch oder eine akute Persönlichkeitsspaltung. Meine Tipp: Katja Görg, Dennis Ballwieser oder Bernhard Hübner. Im Zweifelsfall Dennis.


Der Tipp: Dennis Ballwieser


Richtige Lösung: Thi-le Thanh Ho


 


Was Thi-le Thanh selbst über diese Musik sagt: Musik ist für mich der Soundtrack zum Leben. Diese vier Songs haben vier intensive Stationen meines Lebens untermalt.


Farin Urlaub “Abschiedslied”: Mein Abitur in der Tasche und vor mir erstrecken sich tausende Wege, die darauf warten, begangen zu werden. Aber welchen Weg wählen? Welchen Weg gehen? Druck. Zukunftsangst. Fluchtgedanke. Zerrendes, zerreißendes Fernweh. Jeder geht seinen Weg. Und ich will weg. Ganz weit weg. Wo mich keiner kennt. Ich will die Welt sehen. Aber es hält mich so vieles zurück. Und so stehe ich nur an den Gleisen und sehe den Zügen nach, wie sie ohne mich den Bahnhof verlassen.


Ray Charles “Fever”: Das Casting bestanden, bin ich nun Mitglied eines Jugend Musiktheater Ensembles. Ich betrete ein für mich völlig neues Ufer. Dort lerne ich einen Menschen kennen, der mich fasziniert. Fever… Mit drei anderen jungen Frauen des Ensembles studiere ich “Fever” ein. Fever… markiert für mich einen ersten Schritt in ein Leben außerhalb der Schule nach dem Abitur. Ein Versuch, meinen persönlichen Weg ins Leben zu finden.


White Stripes “It’s true that we love one another”: Ich lerne also diesen einen besonderen Menschen kennen und lieben. Es ist eine intensive Beziehung, wie ich sie noch nie erleben durfte. “It’s true that we love one another” spiegelt unsere Beziehung so treffend wider, dass es mehr Worte an dieser Stelle kaum bedarf.


Yuhki Kuramoto “Second Romance”: Turbolente Monate sind vergangen, die mich in die Knie zwangen. Ich sehe zurück auf Trauer, Verzweiflung, enormen Kraftaufwand, Anstrengung, Angst und Panikattacken. Ich sehe zurück auf einen Nervenzusammenbruch vom Feinsten. Haltlos. Kraftlos. Fast schon hoffnungslos. Meine Nerven sind mir entlaufen. Aber ich stehe wieder auf. Und geh sie suchen. Weit können sie ja nicht sein. Gehe sie suchen. Gehe aus mir raus. Bin mir selbst entlaufen und gehe in mich zurück. Suche mich selbst. Wo bin ich? Wer war ich? Wer bin ich? Wohin will ich? Was will ich? Suche mich selbst, bis ich mich wieder gefunden habe. Und halte mich daran fest.


 


Runde 14) Diese Playlist hat Sabrina Gläß bekommen:


 


Jack Johnson – Cookie Jar


Nelly Furtado – Say it right


Azad feat. Cassandra Stehen – Eines Tages


DJ Shadow feat. Mos Def – Six Days RMX


Jay-Z feat. Chrissette Michelle – Lost one


 


Was Sabrina zu dieser Musik sagt:


Beim ersten Blick auf die Interpreten ist mir aufgefallen, dass Jack Johnson eher weniger zum Rest der CD passt. Ich dachte, die anderen vier gehen in die Richtung Hip Hop/R’n’B. Jack Johnson schien da total deplaciert.


Aber als ich mir die ganze CD zu Hause angehört habe, war ich ganz anderer Meinung. Jack Johnson passt irgendwie doch zum Rest, weil nicht alles Hip-Hop ist. Das Lied von Jack Johnson würde ich in die Kategorie Soft-Rock einteilen, Nelly Furtado in Pop, Azad in Hip-Hop/Rap, DJ Shadow in Electronic und Jay-Z ebenfalls in die Kategorie Hip Hop/Rap.


Keines der Lieder ist hektisch, deshalb passen sie gut zusammen. Die Hip-Hop-Songs sind auch eher von den Ruhigen. Mir ist aufgefallen, dass die Lieder alle eine Bedeutung haben. Ich möchte kurz auf das Lied von Jack Johnson hinweisen: Es gefällt mir am besten und der Text ist sehr gefühlvoll. Er handelt von der Verantwortung verschiedener Menschen über die Tat eines Jungen, der, denke ich, ein Attentat verübt hat.


Die Zusammenstellung gefällt mir gut, obwohl ich persönlich nicht alles hören würde.


Alles in allem schätze ich, dass die CD einem älteren Jungen gehört. Schon allein deswegen, weil die Lieder etwas bedeuten und die Sänger nicht irgendwas singen.


 


Der Tipp: Dominik Weiß


Die richtige Antwort: Dominik Weiß


 


Was Dominik zu dieser Musik sagt: So, nun gilt es also, meine fünf Lieblingstitel des Jahres 2006 vorzustellen: Wegen meiner Vorliebe für gute Rap-Musik ist der Schwerpunkt meiner Zusammenstellung schon einmal klar. Die Alternative gleich zu Beginn: Jack Johnson ist einfach ein großartiger Musiker und bei ,,Cookie Jar‘‘ überzeugt mich der Text noch ein bisschen mehr als sonst. Titel Nummer 2 ist der Beweis dafür, dass Popmusik 2006 entgegen anders lautender Behauptungen nicht nach Standard-Brei klingen muss: Ein Brett von einem Beat, gebaut von meinem Lieblings-Produzenten Timbaland, und die einzigartige Stimme von Nelly Furtado, ergibt eine Bombe. Nun aber wirklich zum gepflegten Sprechgesang: Zunächst einmal liefert Azad, unterstützt von Cassandra Steen den Beweis, dass deutschsprachiger Rap nicht gleichbedeutend mit dem lyrischen Durchfall eines Fler oder Bushido sein muss. Zum Schluss dann noch meine zwei Comebacks des Jahres 2006. Zunächst einmal wurde für den Soundtrack zu ,,Miami Vice‘‘ DJ Shadow`s vier Jahre alter ,,Six Days‘‘-Remix wieder ausgegraben; ganz großer Sport! Weniger überraschend kam dagegen die Rückkehr des wahrscheinlich besten Rappers der letzten Jahre. So hatte Jay-Z doch eigentlich kaum jemand geglaubt, dass er nie mehr ein Solo-Album veröffentlichen will. ,,Lost one‘‘ von seinem neuen Tonträger ,,Kingdom come‘‘ (mit einer unglaublichen Chrissette Michelle in der Hook) ist mein aktueller Lieblingstrack.


 


Runde 15: Diese Playlist hat Thi-le Thanh Ho bekommen:


 


Jushua Radin – Winter


The Streets – Never went to church


The Raconteurs – Yellow Sun


The Kooks – She moves in her own way


The Guillemots – Sao Paolo


 


Das schreibt Thi-le Thanh über diese Musik: Allgemein eine sehr melancholische und verträumte Liederzusammenstellung, welches mich auf ein Mädchen schließen lässt. Passend zur Advents- und Weihnachtszeit.


Joshua Radin – Winter


Zarte, leise und romantische Klänge. Erinnert an Abende am knisternden Kamin. An dicke Wollpullover mit Sternchenmotiven. An dampfende heiße Schokolade in großen Tassen. Ein wenig kitschig. Aber zu dieser Jahreszeit… kitschig schön.


The Streets – Never went to church


Ein trauriges Lied. Wie nach Trost und Hoffnung suchend. Das Klingeln im Hintergrund assoziiert man leicht mit Weihnachten.


The Raconteurs – Yellow Sun


Ein Lied, das man laufen lässt, wenn man die Autobahn entlang fährt. Es hat dreißig Grad, die Sonne lacht, man kurbelt das Fenster hinunter und der Wind fährt einem durchs Haar.


The Kooks – She moves in her own way


Später Sommer. Laue Sommernacht. Grill wird ausgepackt, der Garten voller Freunde. Kästen von Bier. Gute Laune. Leichtigkeit. Gelächter. Aus den Boxen The Kooks.


The Guillemots – Sao Paolo


Dramatisch fängt das Lied an. Weicht dann dem fast schon Märchenhaften. Geigen. Glocken. Man denkt an eine Kirche. Man denkt an fallenden Schnee. Eine wunderschöne, traurig, melancholische Stimme. Bedrückend schöne Ballade. Ein wenig kitschig. Aber das haben alle Balladen an sich. Alles klingt groß, große Gefühle. Großes Orchester. Ein wenig herzzerreißender Weltschmerz. Geigen. Ein Klavier. Eine kleine Reise durch die große Gefühlswelt eines kleinen Dramatikers. Traumhaft.


 


Der Tipp: Hedwig Thomalla.


Die richtige Lösung: Katja Görg


 


Das sagt Katja über diese Musik: Fünf Lieder im Jahr 2006? Ich hätte 50 nennen können! Entschieden habe ich mich für Songs, die 2006 herausgekommen sind und mir trotzdem eine Menge bedeuten, was bemerkenswert ist, weil ich musiktechnisch meistens meinen Blick zurück werfe (also: 2006 = gutes Musikjahr). Außerdem hat ein Großteil der Bands seine Wurzeln in London. Ich bin verliebt in London, schon immer. Und dieses Jahr ganz besonders. Egal, meine Playlist beginnt mit Joshua Radin. Niemand schuf 2006 eine schönere Winterstimmung in mir: ,,Winter‘‘ ist ein einsamer Spaziergang durch die Kälte – Melancholie pur, sanft, ruhig, herzzerreißend schön.


Weiter geht’s mit den Streets, lauter, aber immer noch balladenhaft. Ich habe auch 2006 vermieden, einen Song von den Beatles auszuwählen, weil die Erkennung sonst so leicht ist, aber meine vier Helden sind trotzdem dabei. Beatles bei den Streets, verwundert? Hört mal auf das Piano . . . genau, Mike Skinner hat geklaut, bei Let it be! Nicht nur darum ist dieser Song Pflicht, sondern auch, weil Skinner so knallhart ehrlich vom Tod und dem Glauben singt, dass es einem selbst richtig weh tut. Und dieser Akzent, göttlich!


Zeit für etwas rockigere Stimmung mit ,,Yellow Sun‘‘. Der Song ist unendlich optimistisch und nicht nur der Titel strahlt in mir immer wieder Wärme und gute Laune aus.


,,She moves in her own way‘‘ von den Kooks – das war mein Sommer! Der Song versprüht eine solche Leichtigkeit, dass man mit den Hüften wackelt und den Füßen wippt, wenn man nur die ersten Takte hört. Ein bisschen wie Jack Johnson, nur schneller, jünger und mit schönerem Akzent – ooh la! Den Abschluss machen The Guillemots mit ,,Sao Paolo‘‘. Entweder man liebt diesen Song oder man hasst ihn. Bei mir war es pure Liebe, vom ersten Ton an. Piano, Gitarren, Geigen, Trompeten, Hörner – ein ganzes Orchester tritt hier an, erst leise, später fast chaotisch laut, überladen, verrückt, schräg. Beim Hören sehe ich stets Bilder vor mir: Brasilianische Landstraßen, verrauchte Bars, Eisenbahnen – ein einziger Traum, dieser Song! Genau wie 2006. Danke! Und 2007 dann bitte die Zugabe!


 


Runde 16) Diese Playlist hat Nadine Raffler bekommen:


 


Green Day – ‘‘Wake me up when September ends‘‘


Christina Aguilera, Lil’ Kim, Mya, Pink - ‘‘Lady Marmelade”


Limp Bizkit – ‘‘Take a look around”


Pink – ‘‘Centerfold”


Gwen Stefani – ‘‘Rich Girl


 


Das sagt Nadine über diese Musik: Das erste Lied kommt mir sehr bekannt vor – habe ich selber in meiner Sammlung. Melodische Klänge, traurige Stimmung und eine wunderschöne Melodie – kennt man von Green Day gar nicht. Wer hört dieses Lied? Wann hört man es? Ich denke, es ist ein Lied, das Hoffnung macht, ein Lied, das Aggression in dieses bedeutsame Gefühl des Hoffens umwandelt. Man kann es hören, wenn einem alles anwidert, wenn nichts so läuft, wie man es will. Oder wird das Lied favorisiert, weil es einfach nur schön ist?


Das zweite Lied ist mir ebenfalls durchaus bekannt – vor allem der zugehörige Musikclip. Ein bisschen R’n’B, ein bisschen Französisch und viele Stars. Ein allseits beliebtes Lied, gemocht von vielen – doch wirklich geliebt? Wieso kann dieses Lied von großer Bedeutung sein? Ich verstehe es nicht.


Nächstes Lied – ,,Take a look around‘‘ von Limp Bizkit. Irgendwie passt das jetzt nicht. Rock, Pop/R’n’B, Rock? Allerdings sollte hinzugefügt werden, dass es sich hier ebenso um eines der ruhigeren Lieder der Rockband handelt. Nach circa eineinhalb Minuten kommt dann endlich der gewohnte Limp Bizkit-Sound. Darauf habe ich gewartet – irgendwann muss man seinen Hass auch rauslassen. Wie auch das zweite Lied ist der Song mit zahlreichen Rap-Parts – da allerdings jegliche Art des Raps oder Hip-Hops auf der CD fehlt, nehme ich an, dass es sich eher um einen R’n’B-Fan handelt… mit Zug zum Rock.


Das Muster R’n’B/Rock/R’n’B zieht sich doch durch – Pink. Typischer Pink-Song, durchaus verplant, sehr schrill und irgendwie immer klagend – aber auf eine gewisse Weise. Das Lied lebt von Wiederholungen. Nein, damit kann ich mich wohl doch nicht anfreunden.


Nun zu guter Letzt Gwen Stefani mit ,,Rich Girl‘‘ – ,,Nananana‘‘ . . . so fängt es an. Und so geht es weiter. Ab und an der Versuch, ein bisschen fremde Melodien hinzufügen – man scheitert. Letztendlich basiert das Lied auf den immer selben Hip-Hop-Beats. Dazu kommen die meines Erachtens gar nervtötenden Rap-Versuche Gwen Stefanis. Wie so oft sehne ich mich nach der No Doubt-Stefani. Wieso hört man das Lied? Hm…schwer. Wirklich schwer.


Allgemein muss ich sagen, dass die Lieder allesamt in den Charts vertreten waren – Independent-Fans scheiden also schon einmal aus. Des Weiteren vermute ich nicht, dass die CD jemandem gehört, der seinen Musik-Style schon gefunden hat. Ich tippe auf Sabrina, da sie die einzige ist, die ich mit der (unterschiedlichen) Art von Musik verbinden würde.


 


Der Tipp: Sabrina Gläß


Die richtige Lösung: Sabrina Gläß


 


Das sagt Sabrina selbst über diese Musik: Bei mir läuft eigentlich den ganzen Tag Musik, ob Radio oder CD ist dabei egal. Wirkliche Lieblingslieder habe ich nicht. Aber die fünf sind einfach fünf Stücke von vielen, die ich gerne höre. Sie sollen einen kurzen Einblick in die Musikrichtungen, die ich höre, geben.


Wake me up when september ends: Ich finde das Lied ist, wenn man genau hinhört, ein bisschen traurig. Außerdem kommen Schlagzeug und E-Gitarre drin vor, was ich total gerne mag.


Lady Marmelade: Das Lied ist eigentlich nur dazu da, gute Laune zu verbreiten – während es nebenbei vor sich hinträllert.


Take a look around: Der Anfang ist wirklich geil. Das Lied drehe ich dann laut auf, wenn ich mich abreagieren muss. Und ich muss sagen: es hilft.


Centerfold: Das Lied ist ein nicht so bekanntes von Pink auf ihrem neuem Album. Ebenfalls ein gute-Laune-Pusher.


Rich Girl: Gwen Stefani habe ich Anfang des Jahres relativ oft gehört. Man kann gut mitsingen, weil des im Prinzip immer dasselbe ist.


 


Runde 17) Diese Playlist hat Michael Bremmer bekommen:


 


Billy Vera – Rockin’ Pneumonia and the Boogie-Woogie Flu


John Lennon – New York City


Kettcar – Deiche


Scissor Sisters – Paul McCartney


The Puppini Sisters – Bei Mir Bist Du Schön


 


Das sagt Michael über diese Musik: Trallala und cha-cha-cha: Hier ist ein Weltmeisterschaftsanwärter. In der Disziplin, mich vor ein nahezu unlösbares Rätsel zu stellen – beim Musikwichteln. Wer im Himmel hat diese Playlist zusammengestellt? Ein Sammelsurium aus Boogie-Woogie-Melodien, Rock `n` Roll-Themen, Deutschrock, ein bisschen Disko-Funk, trallala und cha-cha-cha.


Trallala und cha-cha-cha – das macht die Sache nicht einfacher. Und wenn Emotionen nicht weiterhelfen, kann ein bisschen Logik nicht schaden. Von wegen – versucht wird trotzdem alles. Billy Vera kenne ich nicht, die Musik klingt nach irgendeiner US-amerikanischer Sitcom, aber wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht erinnern, an welche. Bringt mich auch nicht weiter. John Lennon kenne ich – aber das macht die Sache nicht einfacher, weil man mit John Lennon auf eine Compilation nichts falsch machen kann.


Die Auswahl des Songs “New York City” sagt mir aber, dass diese Zusammenstellung von keinem jungen Menschen stammt. Auch, dass wenige Zeit später ein Song Paul McCartney heißt, ist sicher eine Finte – aber dazu später. Denn davor brettert noch Kettcar durch den Raum – eine satte Ladung Deutschrock, und wenn ich einmal ehrlich bin: Kettcar ist eine der wenigen deutschen Bands, die ich noch hören kann bei all diesen Silbermonden und den anderen Tränendrüsen. Kettcar hat jedenfalls noch genügend Power – bestens für einen lange ersehnten Feierabend, um sich den Kopf durchblasen zu lassen . . . trallala und cha-cha-cha: ein Ansatzpunkt. Ein nicht mehr ganz junger Mensch, der so viel um die Ohren hat, um sich den Kopf immer mal wieder durchblasen lassen zu müssen. Passt auch zu den Scissor Sister: weißgekachelte Tanzfläche, Diskokugel – aber kann Paul McCartney tanzen? Zugegeben, es gibt sicherlich wichtigere Fragen . . . etwa, wer diese Musik zusammengestellt hat . . . und weil mir die Puppini Sisters auch nicht weiterhelfen, gleich die Vermutung, trallala und cha-cha-cha: Hedwig Thomalla oder Dennis Ballwieser. Ich entscheide mich für Hedwig!


Der Tipp: Hedwig Thomalla


Die richtige Lösung: Dennis Ballwieser


 


Das sagt Dennis selbst über diese Musik: Wenn ich Musik höre, will ich das auch fühlen, verdammt. Eigentlich wollte ich den Titelsong von “King of Queens”, leider gibt’s den aber nicht, weil nur die Zeile existiert, die auch im Vorspann gesungen wird. Wie das im amerikanischen Fernsehen so ist, lassen sie selbst dafür nur Profis ran. Deshalb findet man bei der Suche das Soul-Album von Billy Vera, das noch besser ist, als der Vorspann von King of Queens.


Ich kann Yoko Ono nicht ausstehen, vermutlich konnte das nicht mal John Lennon. Trotzdem habe ich ein von ihr produziertes Lennon-Album gekauft. “New York City” ist Rock, der diesen dämlichen Beatles-Stones-Clinch seiner Sinnlosigkeit überführt. Lennon rocks. Und ich bleibe in New York.


Von New York nach Norddeutschland, dahin, wo’s weh tut. Kettcar ist neben den Bananafishbones die beste deutsche Band. Interessant wäre ein Doppelkonzert im Tölzer Kurpark vor Rentnern, die in Begleitung ihrer Zivis kostenlos reinkommen. Bei “Deiche” kann ich nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen bleiben und habe das dringende Bedürfnis, große Dinge zu tun.


Wenn ich dann stehe, zwingen mich die Scissor Sisters zum Laufen. Ich habe eine Schwäche für treibende Musik, ich gebe es zu. Schön wäre mal eine Beschallung der Münchner U-Bahn mit “Paul McCartney”. In einer Ecke müssten sich dann ganz viele Soziologen verstecken und beobachten, was passiert. In der anderen Ecke stünde ich und fände es lustig.


Die drei Puppinis haben mehr Feuer im Arsch als sämtliche hüftschwingenden Latinas dieser Tage. Das finde ich ganz ohne Kulturpessimismus wunderbar. Mit iPod in der Innenstadt besteht Tanzgefahr in der Neuhauserstraße, also Vorsicht.


 


Runde 18) Die Playlist, die Bernhard Hübner bekommen hat:


 


Pauline Croze – Dans la chaleur des nuits…


Element Of Crime – Delmenhorst


Mariha – It Hurts


Benabar - L’itineraire


Fafü-ai – Cha Cha


 


Das sagt Bernhard über diese Musik: Ich muss gestehen: Von den fünf Bands und MusikerInnen auf dieser CD kannte ich vor dem Hören nur eine: Element Of Crime – aber das auch nur, weil der Sänger Sven Regener schon ein paar ziemlich bekannte Bücher geschrieben hat. Auf dieser CD singt die Band vom Versacken in der Provinz. Das Lied heißt ,,Delmenhorst‘‘ und hat diesen wunderbaren Refrain ,,Da kommt gleich Getränke Hoffmann. Sag Bescheid wenn du mich liebst‘‘. Auch die anderen Songs sind richtig gut. Eine Frau namens Mariha singt eine schöne Alternative-Rock-Pop-Ballade. Pauline Croze und Benabar klingen irgendwie nach Urlaub und Fafü-ai bekommt den Extra-Preis für die schrägsten Heavy-Metal-Dots im Bandnamen seit Motörhead. Ich schätze, die Compilation kommt von einer Frau, eher Richtung Mitte Zwanzig. Das heißt, Carmen kann es ausnahmsweise nicht sein. Ich setze auf Anna Pataczek.


 


Der Tipp: Anna Pataczek


Die richtige Lösung: Anna Pataczek


 


Und das sagt Anna selbst zu dieser Musik: Es gibt Lieder, die wollen in mein Ohr und in meinen Besitz. Schon beim ersten Mal, als ich Pauline Croze und ihr ,,Dans la chaleur des nuits de pleine lune‘‘ hörte, fiel sie mir angenehm auf. Irgendwann wurde sie eine gute Bekannte, die mich alle paar Wochen über das Radio besuchte. Wer hätte ahnen können, dass Pauline bereits bei meiner besten Freundin wohnte? Erst kürzlich lief durch Zufall die Scheibe in deren CD-Player. Ich habe Pauline natürlich sofort erkannt an ihrer coolen, sexy Art, umschmeichelt vom vehementen Takt und den unaufdringlichen Bläsern. Ich habe mich sehr gefreut über dieses schöne Treffen und sie dann zu mir mitgenommen. Endlich muss Pauline nicht mehr zu Besuch kommen, sondern kann bei mir bleiben.


Ebenfalls bei mir wohnt der Song ,,Delmenhorst‘‘ von Element of Crime, ein treuer Begleiter. Der erklärt das Leben in drei Minuten siebenundfünfzig. Mit der Erfahrung eines Altrockers und der Neugier eines Wortsuchers. ,,Sag Bescheid, wenn Du mich liebst‘‘ – die Zeile aus dem Refrain ist jedes Mal traurig, schön und klug. Und wenn von ,,Getränke Hoffmann‘‘ in Delmenhorst gesungen wird, dann muss ich immer an meinen ,,Obst Hoffmann‘‘ aus meinem Ort denken. Im entspannten Sound der trägen Bläser, den folkigen Gitarren und den jauligen Gitarren dreht sich seine und meine Welt.


Nun folgt ein Aufruf: Wer vermisst seine wundervolle Bénabar-CD? Nicht dass ich sie gerne hergeben würde, sie hat es sehr gut bei mir… Meine beste Freundin (die von vorher und deshalb zur Musiklieferantin des Jahres gekürt), brachte sie mir einmal vorbei, weil sie dachte, ich hätte sie ihr geliehen. Das stimmte zwar nicht, aber weil die Herkunft leider ungeklärt blieb, behielt ich sie. Ich habe es nicht bereut: Bénabars ,,L’itinéraire‘‘ hilft mir im Dreivierteltakt, mit seiner sanften Stimme und dem französischen-Amelie-Soundtrack-Sound beim Teetrinken, Lesen und Einschlafen. Dass der Text überhaupt nicht verträumt, sondern eher lustig ist, habe ich erst später festgestellt: Es geht darum, wie Freunde, in ein kleines Auto gequetscht, versuchen zu einer Party zu kommen und sich ständig verfahren. Passt auch: Die Melodie klingt nach Kreisverkehr. Ein guter Autosong wäre es aber trotzdem nicht.


Da kenne ich einen besseren: ,,It hurts‘‘ von Mariha. Ich weiß nicht, wer schon mal mit dem Auto durch ein deutsches Mittelgebirge gefahren ist – von Wildemann nach Clausthal-Zellerfeld zum Beispiel -, aber für diese Zwecke ist das Lied echt geeignet. Es geht langsam los, und dann steigert sich das Ganze zu gut gelauntem Gitarrenpop mit eingängigem Schlagzeugrhythmus. Währenddessen fliegen Tannen am Beifahrersitz vorbei, die Serpentinen schlängeln sich nach oben und es ist ein schönes Wochenende. Dabei konnte ich das Lied anfangs gar nicht leiden, weil ich eifersüchtig auf den Akzent von Mariha war, die eine Deutsche ist, aber trotzdem ganz toll kaugummimäßig englisch singen kann – wie mein Fahrer fand. Aber Dinge ändern sich eben. Ich kurve nicht mehr durch Mittelgebirge. Mariha singt nun bei mir zu Hause. Und ich bin nicht mehr eifersüchtig.


Außer vielleicht auf diejenigen Menschen, die in diesem heißen Juli jeden Tag zum Baden gehen konnten. Ich konnte das nicht, dafür hatte ich aber eine musikalische Neuentdeckung: fufü-ai, eine Mestizo-Band aus Barcelona. Das Lied ,,Cha Cha‘‘ zum Beispiel macht luftig-leicht und urlaubig. Das habe ich gleich gemerkt, als ich den Song zum ersten Mal zwischen Kleiderständern eines großen Bekleidungsgeschäftes gehört habe. Statt eines Sommerkleides, weswegen ich eigentlich im Laden war, habe ich mir dann die CD gekauft. Für zu Hause und für das Gefühl, im Liegestuhl am Strand zu liegen. Es gibt Lieder, die wollen in mein Ohr und in meinen Besitz.


 


Runde 20) Diese Playlist hat Andrea Pientka bekommen:


 


Charles de Goal – Exposition


Matha& The Muffins – Echo Beach


Ruth – Polaroid Roman Photo


Current93 – Bloodstream runs


Stephan Eicher – Miniminiminijupe


 


Das sagt Andrea zu dieser Musik: Eine schöne, unerwartete Eröffnung. ‘‘Exposition” überrascht mich vor allen Dingen mit einem französischen Text. Es ist ein Song, dem man sowohl zuhören kann, auch wenn man auf Grund mangelnder Französischkenntnisse nichts versteht, oder der auch einfach nur im Hintergrund laufen kann, ohne zu stören. Manche Elemente sind irgendwie rockig, aber es klingt im Großen und Ganzen nach Elektro.


,,Echo Beach‘‘ beginnt beinahe so, wie ,,Exposition‘‘ aufhört. Der Übergang ist fließend. Allerdings singt dieses Mal eine Frau und der Text ist auf Englisch. Ich beginne mich zu langweilen und hoffe, dass der nächste Song Abwechslung bringt.


Welch eine Überraschung! Der Text ist wieder französisch. Sehr ausgeglichen und auch der Stil gleicht den ersten beiden Songs so, dass mich das Lied nicht aus meinem tranceartigen Zustand zu reißen vermag. Eine Steigerung ist bei genauerem hinhören dann doch zu erkennen: zwei Sänger – ein Mann und eine Frau.


Ok, die Hoffnung stirbt zuletzt. ,,Bloodstream runs‘‘: Englischer Text, männliche und weibliche Stimme, Sprechgesang und Geige im Hintergrund. Meiner Meinung nach aber mit Abstand der schönste Song, weil er Wehmut ausdrückt und das meiner momentanen Stimmung entspricht.


Sehr ruhig und gefühlvoll, gliedert sich vom Stil allerdings nahtlos in die übrigen Stücke ein.


Stephan Eicher macht meine Rest-Hoffnung schon mit den ersten Klängen zunichte. Warum muss dieser Song am Schluss kommen und dieser durchaus annehmbaren CD einen so faden Nachgeschmack verleihen? Nein, dass ist nun überhaupt nicht mein Musikstil. Der Text beschränkt sich fast ausnahmslos auf den Titel und auch als Musik würde ich das Ganze nicht bezeichnen. Eine blechern klingende Stimme krächzt zu irgendwelchen monotonen Klängen, die von Handyklingelton ähnlichen Geräuschen durchbrochen werden.


Fazit: Eine interessante Erfahrung und fünf sehr neue, mir absolut unbekannte Songs, die gut aufeinander abgestimmt sind, wenn auch manchmal etwas langweilig und wenig abwechslungsreich. Mein Tipp: Dominik Weiß


Der Tipp: Dominik Weiß


Die richtige Lösung: Eva-Maria Bader


 


Und das sagt Eva-Maria selbst über die Musik: Industrieruine in Münster, Batcave-Festival. Gemütlich steigen ein paar ältere Herren in Wollpullovern auf die Bühne – Roadies? Nein, Elektropunk-Pionier Charles de Goal persönlich im Kreise seiner französischen Rocker-Recken. Das erste Konzert seit 20 Jahren, er ist aufgeregter als wir. Doch trotz Brille und grauem Schnurrbart rockt er das dreißig Jahre jüngere Publikum in Grund und Boden. Eine Gnade für mich Spätgeborene. Und Bestätigung meiner grundlegenden Überzeugung, dass es Musik, die jünger ist als ich, nur in den seltensten Fällen bringt. Die Neunziger zum Beispiel kannste doch komplett knicken.


Mein Freitagslied. ,,Echo Beach‘‘ spielt DJ Marc im Lost Club (Prager Frühling) absolut immer. Während der WM sind da besoffene Normalos total auf Joy Division oder Siouxsie and the Banshees abgegangen, weil die Mischung einfach stimmt. Dazu bisschen Interpol, bisschen Avantgarde-Britpop… passt super. So soll Disco sein: Mit dem Kassenmann ratschen, Augustiner trinken, wertvolle Mucke für alle.


,,Polaroid Roman Photo‘‘ geht als letzter Gruß an den laut Werbung im IN ,,legendary independent club‘‘ Pulverturm. Dass er jetzt angeblich tatsächlich endgültig abgerissen wird, ist doch traurig und macht mich äußerst sentimental. So wie dieses Lied. Dazu ist es erstaunlich tanzbar. Ich mag französische Texte. Wenn man nur höchstens die Hälfte versteht, ist so ein Songtext gleich viel cooler, weil mysteriöser! Der da zum Beispiel, der singt was von Pussies und Flaschen, oder…?


2006 war wieder eines meiner Alte-Haudegen-live-sehen-bevor-sie-abkratzen-Jahre. 2004 hatte ich schon Alien Sex Fiend und meine persönlichen Rumhupf-Heroen DAF, 2005 immerhin Rammstein (kleiner Scherz). Im Februar bin ich für eins der seltenen Current93-Konzerte nach Berlin geflogen, eine einzigartige Stimmung im ehrwürdigen Volkstheater. Der hagere Sänger-Springteufel von David Tibet zusammen mit dem bierbäuchigen, transsexuellen Harfenisten Baby Dee (,,Why do you laugh? I’m not here to make you happy!”) und einem halben Dutzend klassischer Instrumente. Irrsinnig, extravagant. Apocalyptic-Folk für die besinnliche Jahreszeit, räusper…


Stephan Eicher hat den Minimal-Electro quasi erfunden. Zusammen mit seinem Bruder war er Grauzone und hat uns den NDW-Knaller ,,Eisbär‘‘ geschenkt. Einzeln zündet er noch besser, finde ich. Die Miniplatte von 1980 mit so hingerotzten kurzen Bonbons wie ,,Noise Boys‘‘ oder eben ,,Miniminiminijupe‘‘ – sagenhaft. Da zuckt alles. Meine Sommerhymne! Wer danach jemals wieder etwas anderes als eben einen Minirock anzuziehen gedenkt, verdient eins auf die Löffel.


 


Runde 21) Die Playlist, die Jojo Drosdowski bekommen hat:


 


Social Distortion – Winners and Losers


Cerry Poppon Daddies – Drunk Daddy


Mad Sin – Houdinis Pool (ship of fools)


Distillers – Gypsy Rose Lee


Kaisers Orchestra -Veterans Klage


 


Das sagt Jojo über diese Musik: Katja Görg. Definitiv. Denke ich zumindest. Also ich habe eben irgendwie das Gefühl, dass es ihre CD ist, auch wenn ich es nicht wirklich begründen kann.


Das unglaubliche Spektakel, das man hier zu hören bekommt, beginnt mit dem wunderbaren Song ,,Winners and Losers‘‘, der einfach nur eine schöne rockige Ballade und – meiner Meinung nach – eine Liebeserklärung an das Leben ist.


Weiter geht es mit gut tanzbarer Musik: Da zuckt es sogar beim unbegabtesten Tänzer in den Zehenspitzen und niemand sitzt mehr still. Tests zufolge verlassen 70 Prozent der Bewegungskünstler außer Atem und mit einem seligen Grinsen im Gesicht die Tanzfläche oder auch wahlweise das Wohnzimmerparkett, um sich von Mad Sin in Houdinis Welt entführen zu lassen, die einen mit schnellen Rhythmen und eigenartigen Harmonien verzaubert, nur um kurz danach von der rauchigen Leadstimme von den Distillers in die Realität zurückgeholt zu werden. Eine wunderbare Band mit einem wunderbaren Lied, das sich wunderbar dazu eignet, überraschend so etwas wie Liebesbekundungen loszuwerden.


Genauso genial geht es dann auch mit dem Kaisers Orchestra weiter, das einen Tango (ich hoffe jetzt einfach mal, dass es wirklich einer ist) der ganz besonderen Art spielt. Ein klein wenig kommt man sich vor wie auf der Kirmes im Spiegelkabinett, so verzogen ist alles, aber gerade dieses kuriose macht ja bekanntlich besonders viel Spaß.


Alles in allem eine wunderbare CD, die unter Garantie noch oft die vorweihnachtliche Stille zerreißen wird.


Der Tipp: Katja Görg


Die richtige Lösung: Claudia Lastro


 


Das sagt Claudia selbst über diese Musik: Die Zeit der Plätzchen, der Bratäpfel, des Glühweins und der kuscheligen Tage im Kreise der Liebsten ist und wieder angebrochen. Anstatt mich mit einer Packung Spekulatius auf dem Sofa einzulullen, wie es sich gehört, stehe ich in der unerbittlichen Winterkälte, in Mitten einer vom Weihnachtseinkaufsfieber gepackten Menge am Bahnsteig und warte auf meine verspätete S-Bahn. Nur eine zusehends schrumpfende Schachtel Zigaretten und mein Walkman halten mich am Leben.


Neben mir wünschen sich zwei Frauen ,,einen guten Rutsch‘‘, sollten sie sich vor dem ersten Januar nicht noch einmal begegnen.


Das Jahr geht dem Ende entgegen; das macht nachdenklich. Es war geprägt von Freude und Kummer, von Erfolg und Rückschlägen, von Gewinn und Verlust. ,,Winners and Losers, which one will you be today?‘‘, fragt mich Mike Ness, der Sänger von Social Distortion, mit seiner rauen Stimme aus seiner romantisch verklärten, schwarz-weiß gezeichneten Rock’n’ Roll-Welt heraus.


Kurz darauf sind die Minusgrade vergessen, denn die beschwingten Klänge der Cherry Poppin Daddies, meinen absoluten Favoriten diesen Sommer, hallen durch meine Kopfhörer.


Auf meiner Rechten messen sich gerade zwei Jungen im Weitspucken. Passend dazu der Psychobilly-Sound von Mad Sin in meinen Ohren. ,,Houdini’s Pool(ship of Fools)‘‘. Ich muss schmunzeln.


Ich stecke mir die nächste Zigarette an, nun gänzlich in meine eigene Welt versinkend. ,,..under pink laquered skies…‘‘, haucht mir Brody, die Frontfrau der Distillers, mit ihrem Song ,,Gypsy Rose Lee‘‘ ins Ohr. Eines der schönsten und zugleich tragischsten Liebeslieder, wie ich finde. Die Trauer in ihrer rauchigen, abbrechenden Stimme ist förmlich zu greifen.


Endlich, meine S-Bahn fährt in den Bahnhof ein, begleitet von den schrägen Klängen der Norwegischen Band Kaizers Orchestra. ,,Veterans Klage‘‘, den ich hiermit zu meinen Lieblingssongs 2006 rechne.

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