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Liebeserklärung an die Heimat

von Melissa Ludstock

Jahr: 2013, Woche: 16

Franziska Glück wollte am Münchner Flughafen arbeiten. Nun hat sich die 21-Jährige gegen Fernreisen und für den Laden ihrer Großmutter in der Dachauer Altstadt entschieden – und eröffnet dort ein Café.

Eine kleine Gasse, ein Bauernmarkt um die Ecke am Samstag, Kirchenbesucher am Sonntag. Mitten in dieser beschaulichen Umgebungen ein Schmutzfleck. Anders gesagt: eine Baustelle. Eine Baustelle, die sich im Mai als Café und Laden von nebenan entpuppen soll. Aber nicht etwa in einer schicken, jugendlichen Ecke in Schwabing, am Viktualienmarkt oder in Giesing. Nein, Franziska Glück (Foto: Toni Heigl) eröffnet ihr Café in Dachau: eine Liebeserklärung an ihre Heimat.

Der Weg zum eigenen Café war für Franziska fast vorherbestimmt. Als die Großmutter ankündigte, in den Ruhestand zu gehen, war für die Dachauerin klar, dass sie den Laden übernehmen möchte. Sie hatte ihn schon immer geliebt, wollte nicht, dass er verschwindet – sind es doch Kindheitserinnerungen und die Verbundenheit zur Oma, die ihn zu etwas Besonderem machen. So erscheint es für Franziska Glück fast selbstverständlich, ihn nach 40 Jahren unter der Leitung ihrer Großmutter selbst weiterzuführen.

Allerdings möchte die 21-Jährige den Laden in ein Café umbauen, in dem man aber weiterhin die wichtigsten Dinge für den Alltag einkaufen kann: Brot, Eier, Käse, Bier. Den Stammkunden zuliebe, die, so hofft sie, auch weiterhin dort einkaufen. Eines ist ihr bei den Produkten wichtig: Sie sollen aus der Region kommen, schließlich will sie hinter dem, was sie verkauft, auch stehen. Außerdem soll das Café auch abends geöffnet sein. Franziska möchte selbst gebackene Kuchen, Suppen und kleine Gerichte anbieten. Ihr Ziel ist es, einen Ort für junge Menschen zu schaffen, „damit man sich im Sommer einfach auf einen Sprizz treffen kann.“ Unkompliziert und gemütlich – erklärt Franziska, so etwas gebe es nämlich kaum in Dachau. Die Lage ist etwas versteckt, nur am Wochenende verirrt sich die Laufkundschaft häufiger in diese Ecke der Altstadt. Doch Franziska vertraut auf die Mundpropaganda. Und ein wenig vertraut sie auch auf den Namen Glück, der Dachauern durchaus bekannt ist.

Dass sie für dieses Vorhaben bei ihrer eigenen Freizeit kürzer treten muss, ist ihr bewusst. Auch, dass sie keine kaufmännische Ausbildung hat, die sie eigentlich bräuchte, um einen solchen Laden zu führen. Doch auch da ist sie sich einiger Unterstützung sicher: Die 21-Jährige möchte die Oma unbedingt im Laden haben, immerhin hat sie ihn vier Jahrzehnte lang geführt und kann der Enkelin vieles beibringen.

Franziska sieht all das als Herausforderung. Angst davor zu scheitern? Keineswegs. Den Satz „wird schon werden“ sagt die Cafébesitzerin des Öfteren während des Gesprächs. Sie findet, jeder solle das machen, was er will – ganz einfach formuliert. Einen Plan B gibt es nicht. Und noch etwas reizt sie an ihren Zukunftsplänen: der eigene Chef sein zu können. Franziska behält den Überblick über die Baustelle, weiß genau, wie ihr Laden aussehen soll, später wird sie den Einkauf machen und ihre Gäste bedienen. Obwohl sie wohl nie richtig allein sein wird, steht doch ihre Familie hinter ihr und hilft, wo sie kann.

Familie und Heimat sind Franziska Glück wichtig. Sonst hätte sie wohl kaum dazu entschieden, das Familienunternehmen weiterzuführen. Eine Entscheidung, die im Jahr 2013 nicht gerade typisch ist für einen jungen Menschen. Schon die Ur-Oma stand im Laden, auch eine Franziska Glück. Einerseits erscheint der jungen Frau das Leben in der Kleinstadt manchmal kleinkariert. Andererseits fühlt sich Franzi ihrer Heimat Dachau verbunden. Sie ist über und mit dem Laden der Oma aufgewachsen, die gesamte Familie wohnt in der Dachauer Altstadt. „Ich bin hier daheim, ich kann es mir gar nicht anders vorstellen“, sagt Franzi.

Auch wenn es so viele andere in ihrem Alter in die deutschen Großstädte oder ins Ausland zieht, legt sie sich fest – für lange Zeit. Sie denkt so wie nur wenige andere in ihrem Alter, die sich auch dazu entschieden haben, daheim zu bleiben. Als das Gefühl, gern in München zu sein, sich aber jedes Mal ein Stückchen mehr zu freuen, wieder in Dachau zu sein, beschreibt sie das. Für jemanden, der nicht von dort kommt, sei das schwer zu erklären, diese Verbundenheit zur Heimat. Ein Umzug stand für Franziska noch nie zur Debatte. Familie und Freunde, alles hat sie hier. Doch was macht man, bevor man sich endgültig festlegt, bevor man den Job als Ladenbesitzer antritt?

Als die Zukunft im eigenen Geschäft immer näher rückte, verkürzte Franziska ihre Ausbildung zur Luftverkehrskauffrau am Flughafen München. Der Job beim Bodenpersonal am Flughafen habe ihr für eine begrenzte Zeit zwar Spaß gemacht, auf ihre neue Arbeit freue sie sich jedoch mehr. Dann reiste sie nach Australien, wollte noch einmal etwas von der Welt sehen, bevor sie sich ganz der Arbeit verschreibt. Es ist ihr klar, dass das womöglich die letzte große Auszeit für sie sein könnte. Doch für das Café auf ein Stück jugendlicher Freiheit zu verzichten, ist für Franziska kein Problem, sagt sie. Dennoch, eine Option lässt sie sich offen: Wenn der Laden läuft und sie Lust hat, kann sie immer noch studieren, sich weiterbilden.

Zunächst möchte sie aber all ihre Leidenschaft für das Geschäft nutzen, endlich hinter dem Tresen stehen. Schief gehen kann wenig, glaubt sie: Schließlich wird die Baustelle bald dem neuen, alten Laden weichen und einem Schild, auf dem in großen Lettern „Glück“ steht. Es drückt vor allem eines aus: Die Familientradition geht dank Franziska weiter.

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