Tauschbörse

Kaffee, Kuchen, Kleiderkreisel

von Kerstin Noack

Jahr: 2013, Woche: 28

Der Kleiderschrank ist voll und trotzdem hat man nichts zum Anziehen: Die Onlineplattform Kleiderkreisel will diesem Problem Abhilfe schaffen und verhilft seinen User durch das Prinzip des Tauschens neue, individuelle Kleider zur Erweiterung ihrer Garderobe. Nun haben sie eine Kleidertauschparty in der Glockenbachwerkstatt veranstaltet. SZ-Autorin Kerstin hat sich ins Getümmel gestürzt und mit anderen modeaffinen Münchnern um die Wette getauscht.

Samstagmittag auf dem Bolzplatz der Glockenbachwerkstatt: Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normaler Trödelmarkt. Spitzenkleider, bunte Herrenwesten und alte Lederstiefel liegen auf Tischen sortiert. Mit dem letzten Handgriff wird ein hautfarbenes Manner-Waffel-Kleid an eine Kleiderstange gehängt, um es attraktiv zu präsentieren. Dann wünscht Glocken-Mitarbeiterin Babette der wartenden Menge viel Spaß und öffnet das Tor. Die jungen Leute stürmen auf den Bolzplatz.

Grund dafür ist aber kein neuer Szenetrödelmarkt, sondern die Klamottentauschbörse „Kreisel im Viertel! Kleiderkreisel meets Tauschkultur.“ Gesponsert wird sie von der Onlineplattform Kleiderkreisel, die mit freiem Eintritt in die Glockenbachwerkstatt lockt. Martin Huber, der Gründer von Kleiderkreisel, erklärt: „Die Kleiderkreisel-User tauschen generell nur online ihre Kleidung aus. Die Tauschparty hier in der Glockenbachwerkstatt ermöglicht, sich persönlich bei Kaffee und Kuchen kennenzulernen und Kleiderkreisel ein Gesicht zu geben“.

Die „Kleiderkreisel-User“ sind Modeliebhaber – Mode repräsentiert für sie ihre Persönlichkeit. Doch dafür muss es nicht immer der neuste Fummel von H&M sein: Das 2009 gegründete Onlineportal bietet die Möglichkeit, gebrauchte Kleidungsstücke zu verkaufen und zu tauschen, die man sonst in der hintersten Ecke des Kleiderschranks verstaut oder möglicherweise ganz wegschmeißt. Nichts wegschmeißen, das ist ein wichtiges Prinzip des Kleiderkreisels: Oft wandern Klamotten in den Müll, die anderen noch gefallen – im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens versteht sich die Plattform also auch als Antwort auf schnelllebige Trends und eine damit verbundene Weg-Werf-Mentalität, wenn das Kleidungsstück nicht mehr gefällt.

Das Tauschprinzip ihres Onlineportals holen sie an diesem sonnigen Juli-Tag auch in die Glockenbachwerkstatt: Anders als beim Flohmarkt erhält man bei dieser Veranstaltung kein Geld für seine Kleider, sondern die Sachen der anderen. Als zusätzliches Schmankerl gibt es zum Schluss die Möglichkeit die neuen Lieblingsteile mit Siebdruck und Co. zu individualisieren. Klingt einfach und praktisch. Doch wie sieht es in der Umsetzung aus, wenn 150 Leute gleichzeitig nach den schönsten Kleidungsstücken suchen? Da ich weder auf Flohmärkten Schnäppchen jage, noch jemals eine Tauschparty besucht habe, bin ich gespannt, was mich an diesem Nachmittag erwartet.

Die Schlange junger Menschen mit vollgepackten Einkaufstaschen ist kaum zu übersehen, sie reiht bis um die nächstgelegene Straßenecke. Ich stelle mich mit meiner gut gefüllten Tragetasche an und reflektiere noch einmal meine Mitbringsel: Stiefeletten, die dann doch 3 cm zu hoch sind, dem gestrickten Weihnachtspulli von Omi sowie etlichen Accessoires, an denen nach zwei Jahren immer noch das Preisschild hängt, werde ich heute endgültig „Lebe wohl“ sagen. Hinter mir stehen drei Münchnerinnen, die, wie die meisten hier, vor allem aus einem Grund gekommen sind: Spaß haben. „Ich möchte meine Sachen loswerden, die ich schon so häufig getragen habe und nicht mehr sehen kann. An erster Stelle steht aber der Spaß, mal schauen was einem aus der Auswahl bleibt“, erzählt mir Svenja.

Langsam geht es voran und im Innenhof der Glockenbachwerkstatt startet die Klamottenannahme der Teilnehmer. Maximal zehn gut erhaltende Kleidungsstücke und beliebig viele Accessoires kann jeder Tauschwillige abgeben. Von High Heels bis zur Herrenweste wird alles gemustert, um anschließend die mitgebrachten Sachen in Tauschpunkte einzuwechseln. Diese dienen später als Währung für die Tauschparty.

Dann geht das große Stöbern auch schon los. Anders als erwartet, läuft alles recht gesittet ab. In meiner Vorstellung reißen Frauen einander an den Haaren, um den Kampf das beste Cocktailkleid zu gewinnen. Tatsächlich ist der Andrang zwar groß, aber statt Kampfgeschick ist vor allem Schnelligkeit gefragt: Innerhalb der ersten zehn Minuten wird klar, dass man flink sein muss, um die besten Unikate zu ergattern. Schließlich bleibt meine Tasche leer und bis auf Omas Weihnachtspulli ist am Ende kaum etwas an Auswahl übrig.

Ich  treffe, breit grinsend, Svenja wieder, die sich das Manner-Waffel-Kleid und andere Accessoires geschnappt hat. Ihr Gesicht ist nicht das einzige, das strahlt: Viele haben etwas einzigartiges gefunden. Die Freude ist umso größer, weil niemand mit wirklich hohen Erwartungen an die Auswahl gekommen ist. Enttäuschung? Fehlanzeige! Am Ausgang zeigt ein Mädchen ihrer Freundin ihre neue Eroberungen, unter anderem auch meine Ohrringe. Zwar kann ich keine neuen Schmuckstücke mit nach Hause nehmen, aber dafür weiß ich nun, dass meine Fehlkäufe in guten Händen aufgehoben sind – besser als bei mir in der hintersten Ecke des Kleiderschranks.

Weitere Veranstaltungen und Informationen findet ihr unter www.kleiderkreisel.de

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