Traumwelten im Schuhkarton

von Veronika Dräxler (Jahrgang 1986)

Jahr : 2010, Woche : 6

Ann-Sophie verschwindet gerne mal in ihrer eigenen Welt. Mit Schere, Papier und viel Phantasie bastelt sich die 22-jährige kunterbunte Orte, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Dabei wird die Fotografin selbst zum Teil des Kunstwerks.

Die Welt ist Ann-Sophie Wanninger nicht genug. München? Zu klein! Deutschland? Langweilig! Europa? Reicht nicht aus! Die 22-Jährige erlebt stets neue Abenteuer – aber in immer neuen Welten, die sie sich selbst ausdenkt. Ann-Sophie aus Wolfratshausen ist in rauen Urzeitwäldern genauso souverän anzutreffen wie unter Wasser. Wie das funktioniert? Mit einer Schuhschachtel, Schere und Kleber. Die Fotodesign-Studentin hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre ungebändigte Phantasie mit Bastelmaterialien handzahm zu machen.

Wenn eine Welt sie nicht mehr loslässt, greift sie schon Mal spontan zu Nähmaschine und Stoffen, um für einen von Mary Poppins inspirierten Ort Sterne und Wolken zu nähen. Wenn ihr Phantasiereich fertig gebastelt ist, fotografiert sie erst dieses – dann verkleidet sich Ann-Sophie, macht ein Foto von sich und lässt sich mittels Photoshop in diese Welt hineinversetzen.

„Ich wüsste nicht, was ich ohne Phantasie machen würde“, sagt sie und erzählt begeistert von ihren Traumwelten im Schuhkarton, von der reizvollen Ablenkung von Routine und Alltag. Schier unerschöpflich sind ihre Ideen für neue Kulissen. „Eigentlich bin ich ja die ganze Zeit in meiner eigenen Welt“, sagt sie: „Das heißt aber nicht, dass ich nicht aufmerksam beobachte, was um mich herum passiert!“ Ann-Sophie redet lieber weniger und träumt dafür. Oft ist sie im Gespräch auf einmal woanders – in einer Phantasiewelt, die ihr gerade eingefallen ist.

Menschen, die Ann-Sophie noch nicht gut genug kennen, sind manchmal genervt von ihrer gelegentlichen Abwesenheit während intensiver Gespräche. Das ist nicht böse gemeint – Ann-Sophie hat eben ständig ihre Welten im Kopf. Sie kann dabei Dinge sehen, die andere nicht sehen, das ist einfach so. Wie träumen. Nur, dass Ann-Sophie nicht nachts träumt, sondern am liebsten und am besten tagsüber.

Für Ann-Sophie ist das nichts Außergewöhnliches. Für sie ist es einfach die Folge ihrer Kindheit, die sie häufig in der Natur verbracht hat. Mit Puppen hatte sie früher nicht gerne gespielt, vielmehr hat sie am liebsten im Wald Lager gebaut – oder kleine Papierschiffchen in Bächen oder an der Isar auf Abenteuerreise geschickt.

Sich die Phantasie von früher bewahrt zu haben, darüber ist Sophie froh. Sehr gerne blättert sie auch jetzt noch in alten Kinderbüchern oder sieht sich Kinderfilme an. „Wenn etwas für Kinder gemacht ist, fühle ich mich angesprochen. Diese Sachen besitzen meistens einen ganz besonderen Charme, Humor und erfrischende Einfachheit“, sagt sie.

Ihre Welten wirken tatsächlich so, denn sie entlocken dem Betrachter zumindest ein Schmunzeln. Kleine Fantasie-Kabaretts mit Ann-Sophie als Hauptdarstellerin. Dass ihre gebastelten Welten natürlich nicht der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sehen (wie etwa derzeit in dem 3D-Spektakel „Avatar“), ist für sie kein Nachteil – im Gegenteil: „Mir geht es nicht darum, dass es aussieht wie echt“, sagt sie. Wichtig sei, dass „sich für mich eine Welt authentisch anfühlen muss.“ Dafür hat sie unter einem Schaffell auch schon mal nichts an. Ein Lolli muss für ein Willy-Wonka-Land als Feigenblatt-Ersatz herhalten. Und in einem rosa Bikini taucht sie als Meerjungfrau durch ein Unterwasser-Szenario.

Je verrückter eine Welt, desto mehr Freiheit kann sie sich bei der Kostümwahl nehmen. Ann-Sophie kann sich durchaus vorstellen, für ihre abgedrehten Fotos Models einzustellen. Noch hat sie aber selbst viel zu viel Spaß an der eigenen Inszenierung. „Am liebsten würde ich mir meine Welten ja eins zu eins bauen“, sagt sie: „Gar nicht erst im Miniaturformat, sondern so groß, dass ich mich direkt darin abfotografieren kann.“

Noch kann sie diese Idee aus Budgetgründen nicht umsetzen. Traurig ist sie darüber aber keineswegs, denn Not mache ja bekanntlich erfinderisch, sagt sie. Und um das Erfinden geht es Ann-Sophie. Ihr ist es wichtig, „Dinge zu erschaffen, die so in der Form noch nicht existieren“.

Gibt sie eine Party, dann findet diese selbstverständlich nicht in dieser Welt statt. Zu klein. Zu normal. Ihre Wohngemeinschaft verwandelt sich je nach Thema einer Party – die Mottos reichen von Zirkus bis Disco der 70er Jahre. Mal ist das Thema auch einfach nur Papier. Da lässt es sich Ann-Sophie natürlich nicht nehmen, das Bewusstsein ihrer Freunde ein wenig zu manipulieren – mit passender, selbstgebastelter Dekoration, die dazu einlädt, die Abenteuer weiterzuleben. Und mit eigenen Klamotten für jeden: aus Papier.

Weitere Informationen unter http://nellaserbin.blogspot.com

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