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Alle sind Almanya

von Susanne Krause

Jahr: 2013, Woche: 16

Türkisch ist fremd - oder nicht? Denn trotz Verbformen mit sechs ü’s und unzählingen Bezeichnungen für Verwandtschaftsverhältnisse haben Türken und Deutsche eins gemeinsam: Wir sind alle Almanya!

Guido will Türkisch lernen, damit er später seine Kinder versteht. Kurt hat eine türkischstämmige Freundin, Elisabeth einen Harkan an ihrer Seite. Die Sprachschule in Izmir ist voller Deutscher, die aus Liebe zum Partner eine Sprache lernen, in der Verbformen schon mal zu Monstrositäten mit sechs ü’s anwachsen und die verschiedenen Bezeichnungen für Verwandtschaftsverhältnisse ein Vokabelheft füllen. Es ist eine sehr fremde Sprache, die ihre Liebsten und deren ausufernden Familien sprechen. Da beruhigt es, dass wenigstens alle Mitschüler vertraut klingen. Und diejenigen ohne türkischen Anhang finden Trost darin, dass für sie kein akuter Zwang besteht, alle Wörter für Verwandtschaftsbeziehungen aus ihren Vokabellisten auch wirklich zu lernen.

Türkisch ist fremd. Und auch Izmir ist ein gutes Stück von Deutschland entfernt. Da kostet es Überwindung, die Sprachschule zu verlassen und mit den ersten Brocken Türkisch auf Einheimische loszugehen. Sobald man sich das jedoch getraut hat, merkt man: Deutschland ist näher, als man denkt. Da Türken dank ihres ausgeklügelten Bezeichnungssystems den Überblick über ihre Familien behalten, hat jeder Izmirer Verwandte in Deutschland. Sobald das Wort „Almanya“ fällt, tauchen ein Bruder, eine Tante oder irgendwelche Familienmitglieder, deren Bezeichnung mir zu kompliziert zum Lernen waren, in Solingen, Berlin oder Nürnberg auf. Oder aber man hat selbst in Deutschland gelebt, wie der ältere türkische Herr im Park, der sich mit einem „Menschenskind“ als ein „Kölsche Jeck” vorstellt.

Aber auch ohne Verwandte oder Vergangenheit in Deutschland sind Gemeinsamkeiten schnell gefunden. Während wir am Bazar darauf warten, dass unser Nachmittagssnack fertig gebraten wird, fragt mich der Verkäufer nach unserer Herkunft. Beim Stichwort „Almanya“ deutet er zu seiner Tochter: Sie arbeite bei einer deutschen Baumarktfirma. Als ich antworte, dass meine Eltern für dieselbe Firma gearbeitet haben, ist er ganz aus dem Häuschen. Er ruft seiner Familie am anderen Ende des Standes die Neuigkeit zu und mir wird etwas zu Essen angeboten. Ich gehöre ja jetzt quasi zur Verwandtschaft. Wahrscheinlich gibt es dafür im Türkischen sogar ein Wort.

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