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Zwischen den Klassen

von Sophia Münder

Jahr: 2013, Woche: 29

In München hat sich eine neue Schülerbewegung entwickelt. Elite-Studentin Alexandria Rhodes unterstützt „Wir sind viele“ und möchte die Schüler dazu animieren, zu sagen, was sie am Schulsystem stört. (Foto: Rovolution Film / HFF München)

Alexandria Rhodes streckt ihre Hand aus und geht gezielt auf eine Schülerin zu, die die steinernen Treppenstufen ins Oskar-von-Miller-Gymnasium hinauf eilt. Sie hält ihr eine meergrüne Visitenkarte entgegen, auf der in weißen Buchstaben „Münchner Schülerprotest“ und „Wir sind viele“ gedruckt ist. „Hallo, wir machen einen Schülerprotest – wir sind viele! Hast du schon von uns gehört?“, fragt sie mit amerikanischem Akzent das Mädchen. Alexandria trägt eine grau-weiß geblümte Hose und einen Jeans-Blazer. Ihre dunklen, gekräuselten Haare hat sie unter einer Schirmmütze versteckt. Es ist halb acht Uhr morgens, gleich beginnt die erste Schulstunde. Mit den kleinen Karten möchte Alexandria Schüler zum Protest animieren. Sie sollen sagen, was sie am Schulsystem stört. Die Kampagne verfolgt kein bestimmtes politisches Ziel, sie will Schülern eine Stimme geben.

Die 21-jährige Texanerin (Foto: Sophia Münder) studiert Anglistik sowie Germanistik im Nebenfach an der renommierten Harvard Universität in den USA. Seit September 2012 ist sie in München. Während eines Auslandsjahrs besucht sie die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Über eine Praktikumsbörse im Internet ist sie auf die Initiative aufmerksam geworden und arbeitet seitdem als Praktikantin bei „Wir sind viele“ mit. Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus befürwortet es grundsätzlich, wenn sich Schüler zu ihrer Situation äußern. „Es ist wichtig, dass Schüler Elemente der Politik wahrnehmen und aktiv nutzen“, sagt Sprecher Ludwig Unger. Auch der Vorsitzende des Bayrischen Philologenverbands, Max Schmidt, begrüßt es, wenn Schüler sich für ihre Meinung einsetzen, „allerdings sehen wir es kritisch, wenn so ein Protest in der Schulzeit liegt“.

Begonnen hat die Kampagne mit einem Film, der im April auf Youtube veröffentlicht und mittlerweile fast 50 000-mal angeklickt wurde. Ein Schüler steht vor der Bayrischen Staatsoper und ruft in ein grünes Megafon: „Wir sollen schnell unser Abi machen und noch schneller studieren. Aber wir haben keine Zeit mehr herauszufinden, wer wir sind oder was wir können – wir sollen die Klappe halten und funktionieren.“ In dem Film laufen Münchner Schüler durch die Stadt und sagen schonungslos ihre Meinung zum bayerischen Bildungssystem. Gedreht haben den Film Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) – ein auf Musikvideo getrimmter Imagefilm in Schwarz-Weiß-Optik, der transportiert, dass es hip ist, auf die Straße zu gehen und seine Meinung zu sagen. Mit dem Film wollen die Organisatoren auch Schüler auffordern, Stellung zu beziehen, die sich sonst vielleicht nicht für Politik interessieren. Denn die Situation an der Schule – von schmutzigen Toiletten bis hin zur G-8-Reform – betrifft alle. „Man kann keine zukunftsfähige Schule gestalten, ohne diejenigen miteinzubeziehen, die an dem Prozess beteiligt sind“, sagt Luise Baar, Organisatorin der Kampagne. Hinter der Bewegung steht die Stiftung „Gesellschaft macht Schule“, die sich für bessere Bildungsbedingungen einsetzt.

Auch Alexandria möchte den Schülern einen Anstoß geben, etwas zu erreichen. Wenn sie nicht gerade Flyer verteilt, spricht sie mit Schülern oder hilft bei der Gestaltung von Aktionen. „Unser Hauptziel ist es, dass möglichst viele Schüler uns kennen und zu unserem Protest kommen“, sagt sie. Schon in den USA hat sich Alexandria für Bildungspolitik interessiert. Denn sie war nicht immer eine gute Schülerin. Das lag auch daran, dass sie sich in der Schule gelangweilt hat. Erst auf der Highschool habe sie „fast perfekte Noten“ gehabt, sagt sie. „Wenn ich in Deutschland aufgewachsen wäre, dann hätte ich keine Chance gehabt, auf eine Uni zu gehen, denn ich war relativ alt, als ich gute Noten hatte“, sagt sie. Denn in den USA gehen alle Kinder auf die Highschool und bleiben bis zum Abschluss zusammen. „In Deutschland später die Schule zu wechseln, ist nicht leicht“, sagt Alexandria.

Am meisten kritisiert sie den Druck, unter dem hier die Gymnasiasten stehen würden. Ein Schüler, mit dem sie gesprochen hat, musste den Klavierunterricht aufgeben, um mehr für die Schule arbeiten zu können. In den USA dagegen ist eine ganzheitliche Bildung wichtig. „Bei uns wäre das eine schlechte Entscheidung, man soll ,well rounded‘ sein. Neben Klavier sollte man noch Golf spielen und Kunst machen.“ Aber gerade an der US-amerikanischen Elite-Universität lastet ein extremer Druck auf den Studenten. „Harvard nimmt die besten Schüler aus der ganzen Welt. Es kann sein, dass man anfängt, sich als schlechter Student zu fühlen, weil man von Leuten umgeben ist, die alle cool, intelligent und erfolgreich sind.“ Zwar bräuchte man ein wenig Druck, um sich zu verbessern, sagt sie, aber „jeder hat seinen eigenen Lernstil“.

Alexandria hat ein Stipendium für Harvard bekommen. Normalerweise kostet ein Jahr dort 55 000 Dollar inklusive Unterkunft und Verpflegung. Bis zum Bachelor-Abschluss dauert das Studium vier Jahre. Eine Freundin von ihr musste das Studium aus finanziellen Gründen abbrechen. Diese Chancenungleichheit in den USA bemängelt Alexandria. Ohne Stipendium hätte sie nicht in Harvard lernen können. „Mir tut es leid, dass ich an so einer Universität studieren darf und andere Studenten solche Probleme haben“, sagt sie. Von den Studenten der LMU ist Alexandria beeindruckt, besonders von der Gesprächskultur. „Die meisten haben keine Angst, vor dem Kurs ihre Meinung zu sagen. Wenn ich darüber nachdenke, dass solche Studenten existieren, dann ist das Schulsystem vielleicht doch nicht so schlecht.“
Der Münchner Schülerprotest findet am 24. Juli um 10.30 Uhr am Stachus statt.

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