Zweifel gehören einfach dazu – Wichtige Fragen wollen gut bedacht sein, schließlich geht es um Zukunft, Liebe und so viel mehr

von Ein Gemeinschaftsprojekt der Jugendseite

Jahr: 2007, Woche: 11

Erwachsen werden – das klingt so einfach. Aber in Wirklichkeit ist es so schwierig. Weil auf den Weg dorthin so viele Entscheidungen getroffen werden müssen. Gehen oder bleiben? Sich trennen oder weiterhin ein Paar sein? Gleich studieren oder erst einmal durch die Welt reisen? Und diese Fragen sind erst der Anfang. Plötzlich war die Entscheidung […]

Erwachsen werden – das klingt so einfach. Aber in Wirklichkeit ist es so schwierig. Weil auf den Weg dorthin so viele Entscheidungen getroffen werden müssen. Gehen oder bleiben? Sich trennen oder weiterhin ein Paar sein? Gleich studieren oder erst einmal durch die Welt reisen? Und diese Fragen sind erst der Anfang.



Plötzlich war die Entscheidung gefallen. Es war keines der sorgsam auf die Pro- und Kontra-Liste gesetzten Argumente, die den Ausschlag gegeben hatten. Was war es dann? War es Schicksal? Oder das Resultat einer simplen, praktischen Überlegung . . . Foto: Steffi Dillig


Mulmiges Gefühl
Eine Entscheidung treffen. Da steckt irgendwie das Wort „Scheiden“ drin. Scheiden wie Abschied nehmen. Trennungen sind die härtesten Entscheidungen. Die kann einem keiner abnehmen. Man stellt sich hunderte Fragen: nach Liebe, Hoffnung, Zukunft, Respekt und Freundschaft. Fragen, die niemand beantworten kann. Eigentlich ist schon das Fragen selbst unmöglich, nach langen Jahren Beziehung. Liebe sollte doch selbsterklärend sein. Erste unsichere Gedanken habe ich verdrängt. Klar liebt man sich, irgendwie. Auch wenn es mal nicht so läuft. Aber wenn die Ausnahme zum Dauerzustand wird, lassen sich Zweifel nicht mehr aufhalten. Da ist das mulmige Gefühl in meinem Bauch beim routinierten „Ich dich auch“. Schon der Gedanke an ein Leben ohne den anderen fühlt sich an wie Betrug. Innere Zerissenheit macht sich breit. So weiterleben? Dieser unerträglicher Schwebezustand macht verdammt unglücklich. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aufschieben. Manchmal ist schon die Klarheit nach einer Entscheidung besser als die Hilflosigkeit davor. Ganz gleich, wie die Entscheidung ausfällt. Annika Willer (20)

Zukunftsangst
Wir sitzen am Bühnenrand. Stefan und ich. Er hat seine Gitarre um und spielt eine schöne Harmonie. Wunderschön trostlos und traurig. Ich höre kurz zu und fange einfach an, zu singen, was mir in den Sinn kam. „Ich schau’ auf die Uhr, und sie zeigt: acht Uhr fünfzehn Und ich wünscht’ mir nur, ich könnt’ die Zeit einfach zurück drehn. Gerade aus dem Bett gestiegen, wäre am liebsten einfach noch ’ne ganze Weile so liegen geblieben. Ich lauf’ wie ziellos durch die Straßen, steig’ in die nächste U-Bahn ein. Spür’ ständig jemanden im Nacken. Es ist die Zeit, sie holt mich wieder ein… Und ich schau auf die Uhr, und sie zeigt: vier Uhr fünfzig und ich frag mich nur, warum ist wieder mal so verdammt spät, ist noch nichts getan den ganzen Tag. Zeit läuft mir davon, ohne dass sie mir Bescheid sagt…“ Ich habe Angst. Zukunftsangst. Was soll nur aus mir werden? Und was soll ich nur tun? Ich lausche den letzten Klängen der Gitarre. Ich schließe die Augen. Was soll nur aus mir werden. Schmeiß’ das Musiktheater! Geh’ studieren! Mach’ was Vernünftiges. Sagen mir Familie und einige Freunde. Entscheide dich schnell! Zeit läuft dir davon. Oder geh’ arbeiten! Mach eine Ausbildung! Im Büro… wie eine Freundin von mir. Sie fühlt sich wohl. Geordnete Routine gibt Halt. Ich taumle. Wo halte ich mich fest? Aber ich brauche meine Freiheit. Vier weiße Wände um mich herum… nehmen mir die Luft zum atmen. Ich bin ein hoffnungsloser Träumer. Mit weiten Flügeln. Die verkümmern, wenn ich mich einsperre. Ich will nicht verlernen zu fliegen. Ich will nicht erwachsen werden. Ich will für immer Kind sein. Ich will spielen. Mein Spielplatz ist ein Parkettboden. Er lässt mich wieder Kind werden, das ich nie sein durfte. Die Bühne lässt Erwachsene wieder zu Kindern werden. Was soll ich tun? Bin ich ein hoffnungsloser Träumer, wenn ich bleibe, wo ich bin? Bin ich ein hoffnungsloser, naiver Träumer? Habe Angst, vor einem bösen Erwachen… Weck mich nicht auf… bitte… Der letzte Akkord klingt nach und ich verlasse das Gebäude. Laufe ziellos durch die Straßen und steig in die nächste U-Bahn ein. Thi-le-Thanh Ho (19)


Andere Interessen
Es ist mir nicht sofort aufgefallen. Aber irgendwann in den letzten eineinhalb Jahren begann ich mich für andere Dinge zu interessieren als die Mädchen in meinem Alter. Ich fand manche Sachen auf einmal nicht so wichtig. Ich hatte kein Interesse darüber zu lästern, wie sich gewisse Mitschüler kleiden. Oder zu grübeln, was ein bestimmter Junge über einen denkt. Mir waren die Noten in der Schule oder Probleme nahestehender Menschen einfach wichtiger. Und ich zerbrach mir nicht dauernd den Kopf darüber, ob mein Hintern jetzt dick aussieht oder nicht. Genau diese Einstellung störte ein paar Mädchen, die teils auch zu meinen Freunden gehörten. Ich stand also vor der Entscheidung: Will ich auch ein „Girlie“ sein wie die anderen? Oder bleibe ich meinen Interessen treu? Das letztere hieß, dass ich mich in eine andere Richtung als meine Schulfreundinnen entwickelte. Eigentlich war das nicht das, was ich wollte. Einige Zeit später war aber genau das passiert. Fast unbewusst. Manchmal kann man sich nicht gegen bestimmte Dinge wehren, sie kommen einfach. Sabrina Gläß (16)


Auszeit
Sich nach dem Abi erst einmal eine Auszeit zu gönnen, wäre toll. Ein halbes Jahr reisen, sich die Welt anschauen, einmal nur das tun, worauf man in dem Moment Lust hat. Wann hat man schließlich wieder Zeit für so was? Nach der Uni sollte man in die Berufswelt einsteigen, irgendwann später habe ich wahrscheinlich Familie. Dann ist Schluss mit der Zeit für mich. Ich würde sehr gern Deutschland eine Weile den Rücken kehren, für ein halbes Jahr oder ein paar Monate. Aber meinen Studiengang kann ich nur im Wintersemester anfangen. Ich hätte jetzt die Möglichkeit dieses Wunschstudium zu ergreifen. Soll ich mich also lieber um meine Zukunft oder um meine Freiheit kümmern, und damit riskieren, dass mir später nicht mehr alle Möglichkeiten offen stehen?
Ich werde im Wintersemester anfangen, diese Chance lass ich mir nicht entgehen. Aber nach dem Abi kann ich ja trotzdem zumindest ein bisschen Weltenbummler spielen. Franziska Schwan (19)


Neugier versus Feigheit



Hier Bayern, dort Schottland. Nach knapp einem halben Jahr Brieffreundschaft hatten wir beide beschlossen, uns für ein paar Tage zu treffen. Wir planten. Und planten. Bis ich plötzlich zu zweifeln begann; denn als alles fest ausgemacht war, wurde ich unsicher. Objektiv hatte ich den Kerl vor ein paar Monaten auf einer Website für Brieffreundschaften aufgegabelt. Objektiv war er zehn Jahre älter als ich und sprach kein Wort Deutsch. Objektiv hätte das eine milde Katastrophe werden können. Tagelang, nächtelang lief in meinem Kopf der Kampf Neugier versus Feigheit in Endlosschleife. Denn subjektiv war das eine Entscheidung, die mich verändern würde. Da war sie nämlich: Meine erste eigene Entscheidung, vor der ich mich nicht einfach drücken konnte. Das war neu und nicht gerade angenehm. Ich entschied zugunsten meiner Feigheit. Ich machte einen Strich durch unsere Pläne und schrieb mir zukünftigen seelischen Beistand ab. Stattdessen ging ich zum nächsten Kinderspielplatz und schaukelte, bis mir schlecht war. Er schrieb mich nicht ab. Ich revidierte meine Meinung innerhalb von zwei Tagen. Wir trafen uns zwei Monate später. Nach weiteren zwei Wochen waren wir eine überzeugte Fernbeziehung. Susanne Krause (18)

Distanz
Freiburg oder Eichstätt? Diplom Soziologie oder Bachelor Soziologie? Weiter weg von zu Hause oder näher an zu Hause? Näher an Frankreich oder näher an Italien für ein eventuelles Auslandsjahr? Viele Fragen: Nach dem Abi sollte ich mich für eine der beiden Unistädte entscheiden. Dabei war eines so klar wie nie zuvor: Die Entscheidung würde mein Leben in eine andere Richtung verändern: mehr baden-württembergische Freunde, statt Freunde aus dem Münchner Umland? Oder doch weiterhin bayrische Freunde, bloß aus einem ganz anderen Teil von Bayern? Würde die Beziehung mit meiner langjährigen Gymnasium-Liebe über die Distanz in die Brüche gehen? Und was ist eigentlich Distanz? Ist alles relativ? Und wie trifft man so eine wichtige Entscheidung? Das Bewusstsein darüber, dass die Entscheidung mein Leben total verändern würde, machte die Angelegenheit nicht gerade leichter. Und dann – plötzlich – war die Entscheidung gefallen. Und es war keines der sorgsam auf die Pro- und Kontra-Liste gesetzten Argumente, die den Ausschlag gegeben hatten. Was war es dann? War es Schicksal? – oder das Resultat einer simplen, praktischen Überlegung: In Eichstätt finde ich sofort die perfekte Wohnung – in Freiburg hingegen herrscht Wohnungsnotstand. Zweieinhalb Jahre später könnte ich nicht glücklicher mit meiner Entscheidung sein: Das Studium ist nicht nur genau das, wasich immer machen wollte, es hat mir auch ein Auslandsjahr in Italien, unendlich viele überraschende und abwechslungsreiche Erfahrungen, Selbstständigkeit, einen internationalen Freundeskreis und einen neuen Freund eingebracht, der sich als meine große Liebe entpuppt hat. Wie sehr ich die Entscheidung am Anfang auch gehasst habe – gut, dass sie sich mir gestellt hat! Valentina Aversano (22)


Etwas Praktisches
Oder. In der Logik kann das auch ein „und“ beinhalten. Das „Entweder oder“ hingegen – das ist eindeutig. Begrifflichkeit fasziniert mich. Die Analyse, das Auseinandernehmen eines Begriffes – oder gar von noch mehr. Die Kunst des Hinterfragens möchte ich lernen, Philosophie, das ist meine Passion. Es ist also selbstverständlich, dass ich diese studieren will. Tatsächlich? Nein, ist es nicht. Ich will es, ja, aber auch ist mir wohlbekannt, dass es anschließend mit den Berufschancen nicht so rosig aussieht. Welcher Beruf denn? Tonnen-Denker? Soll ich dreizehn Jahre in die Schule gehen, um anschließend arbeitslos zu werden? Das sind die auf Vorurteile basierenden Argumente, die gegen meinen Traum des Philosophie-Studiums stehen. Gewaltig bäumen sie sich auf, an der Spitze der Welle die glorreiche, doch vermeintliche Lösung: Lass es! Mach was Praktisches, etwas, mit dem man auch Geld verdienen kann! Medien, Medien klingt gut. Werde Journalist, werde Designer, du layoutest doch für dein Leben gern! Und Geld gibt es dafür auch noch. Entweder den Wunsch erfüllen und als Konsequenz die miesen Berufschancen in Kauf nehmen, oder etwas Praktisches lernen, etwas, das auch „gebraucht wird“. Ist es möglich, auch nur ein „oder“ zu setzen? Die Möglichkeiten zu kombinieren? Nadine Raffler (17)


Abstellkammer
Ich liebe meine eigene Wohnung. Einfach weil sie mir gehört und ich auf eigenen Füßen stehe, seit mein Freund und ich hier leben. Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen und ich fühle mich so erwachsen und selbstständig. Selber einkaufen und kochen, lange Musik hören und spät heimkommen, ohne dumme Fragen gestellt zu bekommen. Wenn meine Eltern vorbei kommen, biete ich ihnen Tee an. Alles ganz alltägliche Dinge eben.
Als ich vor kurzem bei meinen Eltern war, war ich trotzdem irgendwie traurig. Mein altes Zimmer ist zu einer Abstellkammer verkommen. Spielzeug von meiner Schwester in der einen Ecke, ein halb zusammengebautes Bett in der anderen und überall Kartons. Das Zimmer wird jetzt nicht mehr gebraucht, ich bin ja weg. Mir fällt ein, wie schön es immer war, einfach so meine Geschwister zu besuchen, zusammen Fernzusehen oder Mittag zu essen. Ganz alltägliche Dinge eben. Jetzt sehe ich meine Familie nur noch selten und sage trotzdem „Ich fahre heim“, wenn ich sie besuche. Es ist schon schwer. Habe ich mich mit dem Auszug von zu Hause richtig entschieden, frage ich mich. Und wenn ja, woher kommt dann dieses miese Gefühl? Weil es im Leben keine Probe gibt, weiß ich nicht, ob die Entscheidung richtig war, und werde es auch nie wissen. So ist das eben. Ganz alltäglich. Marianne Rösler (21)

Kutteln und Kontakte
Mit meiner Mutter besuche ich Paris. Am vorletzten Abend regnet es, wir schlendern über die Cité-Insel und finden ein kleines Restaurant. Davor steht ein älteres Ehepaar mit Tochter. Das Mädchen sieht in meine Richtung und für einen Moment treffen sich unsere Blicke. Meine Mutter und ich betreten das Restaurant. Kurz nachdem wir uns gesetzt haben, kommen auch die drei herein und nehmen am Nebentisch Platz.
Ich lese die Speisekarte und weil ich nur schlecht französisch spreche, verstehe ich vieles nicht. Wir bestellen. Während ich mich mit meiner Mutter über das Picasso-Museum unterhalte, schaue ich immer wieder zu dem Mädchen. Ich sehe ihre dunklen Augen, ihr hellbraunes Haar, ihre Handbewegungen. Sie ist bezaubernd.
Erst jetzt fällt mir auf, dass sie mit ihren Eltern deutsch spricht, mit Schweizer Akzent. Der Kellner serviert das Essen und erst ist mir gar nicht klar, was vor mir auf dem Teller liegt. Meine Mutter sagt, es seien Kutteln. Sie verströmen einen Dampf, von dem mir schlecht wird. Das Mädchen bemerkt mein angewidertes Gesicht und lacht.
Meine Mutter hat das gleiche bestellt. Sie ist entsetzt, möchte das braune Zeug zurückgehen lassen und sofort gehen. Ich weiß, dass sie es hier keine fünf Minuten mehr aushält. Und sie hat nicht gemerkt, wie sehr mir das Mädchen gefällt. Aber ich kann jetzt nicht einfach gehen, ohne etwas zu unternehmen. Wie kann ich es schaffen – meine Mutter und ihre Eltern sind da, wir sind in Paris und werden das Restaurant gleich verlassen – jemals mit ihr ein Rendez-vous zu bekommen?
Die Innereien werden weggetragen, wieder lacht das Mädchen mich an. Die Rechnung kommt. Wir stehen auf, gehen in Richtung Ausgang. Ich frage mich, ob ich sie jemals wieder sehen werde. Da kommt mir eine Idee: Ich winke dem Kellner, bitte ihn um Block und Stift und kritzle „Freue mich über eine E-Mail von Dir“, darunter meine E-Mail-Adresse. Irgendwie ist es auch lächerlich. Kenne ich diese Art der Kontaktaufnahme aus einem Film? Egal, es muss jetzt eben sein. Ich gebe dem Kellner ohne ein Wort zu sagen den Block zurück, er nickt und versteht sofort, für wen der Zettel ist. Meine Mutter ist schon am Ausgang und wendet sich mit einem fragenden Blick um. Wir gehen.
Vier Tage danach bekomme ich eine E-Mail von dem Mädchen und erfahre, dass sie Sara heißt und aus Basel kommt. Ich antworte, sie schreibt zurück, ich antworte…irgendwann frage ich sie, ob wir uns treffen können. Einige Wochen später besuche ich sie und wir verbringen eine wunderbare Nacht am Rheinufer. Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschieden wir uns voneinander. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen. Gregor Kastl (23)


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