Wer sich liebt, riskiert einen Verweis

von Angela Dorn

Jahr: 2005, Woche: 06

Die Geschichte, die ich hier erzähle, ist keineswegs erfunden. Alles, jedes einzelne Detail ist wirklich geschehen. Ich selbst habe es erlebt. Und ich weiß noch nicht, wie die Geschichte ausgehen wird . . . “Auseinander, sofort! Wo kommen wir denn da hin . . . Nicht in dieser Schule, habt ihr das verstanden?“ Wütend und [...]

Die Geschichte, die ich hier erzähle, ist keineswegs erfunden. Alles, jedes einzelne Detail ist wirklich geschehen. Ich selbst habe es erlebt. Und ich weiß noch nicht, wie die Geschichte ausgehen wird . . .


“Auseinander, sofort! Wo kommen wir denn da hin . . . Nicht in dieser Schule, habt ihr das verstanden?“ Wütend und schockiert tobt die Lehrerin herum. Sandra und Tim lassen sich los. Bis vor wenigen Sekunden haben sie Händchen gehalten. Sandras Augen werden feucht, sie beginnt zu weinen. Nur zu gerne würde Tim sie wieder in den Arm nehmen – doch nicht mal das ist ihm vergönnt. Umarmungen zwischen zwei Verliebten sind scheinbar etwas so Unverschämtes und Unanständiges, dass es im Schulhaus zu unterlassen ist.


Lehrer haben keine Ahnung, wie sich wie Schüler am besten konzentrieren können. Mit einem Druck auf dem Herzen funktioniert es bestimmt nicht . . .


Noch immer weint Sandra . . . schockiert über das Verhalten der Lehrerin. Hilflos und selbst den Tränen nahe, sieht Tim sie an. „Ich liebe dich“, flüstert er ihr zu, ein schwaches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die beiden betreten das Klassenzimmer, wenden keinen Blick voneinander ab. Von nichts, aber auch gar nichts haben diese Lehrer eine Ahnung, denken sie sich. „Tim, Sandra, ihr sitzt von heute an nicht mehr so nah beieinander.“ Tim fängt an zu protestieren, einige andere Schüler zeigen Zivilcourage und setzen sich für das frisch verliebte Paar ein. Doch – vergebens.


Nähe unerwünscht – er rechts hinten, sie links vorne


Die Lehrerin droht mit ein paar Verweisen, und schon ist es wieder still. Sandra muss sich mit ihrer Banknachbarin vorne links in die erste Reihe setzen, Tim bleibt ganz hinten rechts – und das alleine aus dem Grund, weil die beiden die Nähe des anderen genossen haben. Weil Sandra sich im Unterricht einige Male umgedreht hat, um ein Lächeln geschenkt zu bekommen. Für sie ist das nun unmöglich. Weiter auseinander hätte die Lehrerin die beiden nicht reißen können.


Den anderen so unglaublich weit weg sitzen zu sehen, macht traurig und nachdenklich. Das fördert ungemein die Konzentration.


Nach zwei Schulstunden ist Pause – endlich. In der Pausenhalle fühlen sich die beiden normalerweise etwas freier. Endlich kann die lang ersehnte Umarmung nachgeholt werden. Doch schon als Tim Sandra einen Kuss geben möchte, steht ein Lehrer auf der Matte. „Wenn ihr euch schon körperlich betätigen müsst, geht doch an die frische Luft.“ Wieder lassen die beiden voneinander ab. Sandras Trauer verwandelt sich langsam in Wut, am liebsten würde sie dem Lehrer hinterher rennen und ihm den Hals umdrehen, ihn anschreien: „Waren Sie vielleicht noch nie verliebt? Wissen Sie, wie das ist, wenn man bei dem anderen sein will – und es einfach nicht geht? Wissen Sie, welch schreckliches Gefühl das ist, wenn alle gegen einen sind? Nein, Sie haben keine Ahnung von all dem, in welcher Zeit – verdammt noch mal – leben Sie?“


Doch keines dieser Worte gelangt aus Sandras Mund. Stattdessen kullern sie in Form von Tränen über ihre Wange . . .


Private Probleme? Das müssen wir Schüler schon alleine zu bewältigen. Warum sollen sich die Lehrer um uns Schüler kümmern, solange wir still sind. Und wenn, obwohl der Schüler immer still ist, am Ende dennoch schlechte Noten herauskommen sollten, wird er sofort als „faul“ abgestempelt. Welcher Lehrer käme je auf die Idee, dass sich seelischen Probleme auch auf die schulischen Leistungen auswirken könnten?


„Ich habe mir überlegt, die Schule zu wechseln.“ Tim kann seiner Freundin bei diesem Satz kaum in die Augen sehen. Sandra ist geschockt. „Was? Warum?“ Ihre Stimme zittert, ihre Augen tränen, wie schon den ganzen Tag. „Alle sind gegen uns, sie tun alles, um uns auseinander zu reißen. Versteh’ doch, wenn ich ganz weg bin, musst du nicht sehen, wie weit weg ich von dir sitze.“ Sandra senkt den Kopf und fängt laut an zu schluchzen. „Wenn du gehst, wird alles nur noch schlimmer. Du bist doch das Einzige, was mich oben hält.“ Tim ist verzweifelnd, er nimmt Sandra in die Arme. Und sofort erklingt wieder eine motzende Stimme eines Lehrers, der die beiden ermahnt.


Die Ergebnisse bei der Pisa-Studie dürfen nicht verwundern. Liegt es am Lehrermangel oder an der fehlenden Konzentration der Schüler? Oder ist der Schüler nur nicht gewillt, etwas einer Person nachzuahmen, von der er zutiefst abgeneigt ist? Ein wenig Sympathie muss doch vorhanden sein.


Küssen unerwünscht – auch vor Unterrichtsbeginn


In der ersten Reihe ist es nur noch schlimmer geworden für Sandra. Unmittelbar in der Nähe dieser Frau – diesem Wesen, die ihre Liebe scheinbar zerstören will. Jedes Mal, wenn sie ihre Stimme hört, jedes Mal, wenn sie ihr in die Augen blickt, steigt die Wut in Sandra auf. Vom Unterricht bekommt sie nur noch bröckelweise etwas mit. Sie möchte bei dieser Lehrerin überhaupt nicht gut sein, sie will nicht gelobt werden. Sie will in keinster Weise etwas tun, was ihr auch nur im entferntesten gefallen könnte. Ob diese Frau wohl ein Herz hat? Ob sie wohl weiß, wie sie sich fühlt?


Natürlich, Schule hat Vorrang. Vor Freunden, vor der Liebe. Genauso, wie man Berufliches vom Privaten trennen sollte, sollte auch Schule vom Privaten getrennt werden. Aber mal ganz ehrlich – hat so etwas schon jemals funktioniert? Mit Herzschmerz kann man sich nicht auf die Schule konzentrieren – da kann man gut zureden, so viel man will, es geht einfach nicht.


„Ich glaube, du möchtest den Unterricht für fünf Minuten verlassen, nicht Sandra?“ Wütend sieht die Lehrerin über den Rand ihrer Brille hinweg, in die erste Reihe, in der die weinende Sandra sitzt. Schluchzend blickt Sandra auf den Boden, steht auf und verlässt den Chemie-Raum. Auf dem Schulflur bricht sie zusammen, und versteckt ihr verweintes Gesicht hinter ihren Händen. Und das alles nur, weil er ihr zu Beginn der Stunde einen Kuss gab. Der Unterricht hatte doch noch nicht einmal richtig begonnen . . .


Wie sollen sie dieses Schuljahr nur weiterhin so durchstehen. Ihr letztes Jahr an dieser Schule, das Abschlussjahr. Sie brauchen einander, gerade jetzt. Wieso sieht das denn keiner?

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