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Unsere kleine Farm

von Lisi Wasmer

Jahr: 2013, Woche: 22

Max Lössl sucht mit seinem Start-up "Agrilution" nach Lösungen gegen den Welthunger. Er widmet sich vor allem dem Vertical Farming und ist gerade in die Finalrunde der Thought-for-Food-Challenge eingezogen.

Wegen der Holzschuhe, des Emmentalers oder der Tulpen ist Max Lössl, 24, ganz bestimmt nicht aus München nach Holland gezogen. Aber wenn der Mikrobiologe Dickson Despommier, Pionier des Vertical Farmings, eine Universität in Den Bosch empfiehlt, dann packt der junge Münchner eben seine Koffer. Inzwischen hat sich Lössl eingerichtet und ein Start-up gegründet: Agrilution (kurz für Agriculture Solution) sucht nach innovativen Lösungen gegen den Welthunger und ist gerade in die Finalrunde der Thought-for-Food-Challenge eingezogen. Bis September hat er nun Zeit, einen Prototypen für die Endrunde in Berlin zu bauen. Dort geht es um Start-up-Förderung in Höhe von 10 000 US-Dollar.

SZ: Es ist ein bisschen zum Trend geworden, dass junge Menschen Start-up-Unternehmen gründen. Was waren deine Beweggründe?
Max Lössl: Als ich nach Holland gekommen bin, war mir schon klar, dass ich später im Bereich Vertical Farming arbeiten möchte. Also wollte ich die Studienzeit nutzen, um schon mal eine Basis dafür zu schaffen. Die Idee für das Start-up kam erst später. Der ursprüngliche Plan war, eine Art Netzwerk einzurichten, mit Kontakten zu Regierungen, Unternehmen, Universitäten oder Leuten wie Dr. Despommier.

Dickson Despommier ist Ökologe und ein großer Name in Bezug auf Vertical Farming. Was genau ist das eigentlich?
Vertical Farming ist ein moderner Ansatz, den Anbau von Nahrungsmitteln effektiver, effizienter und vor allem nachhaltiger zu gestalten. Anstatt große Bodenflächen zu bewirtschaften und Unmengen an Wasser, Düngemitteln und Pestiziden zu verbrauchen, betreiben wir sozusagen Landwirtschaft in aufeinandergestapelten Gewächshäusern. Somit kann man an theoretisch jedem Ort der Erde Nahrung in geschlossenen Kreislauf-Systemen anbauen.

Das hört sich eigentlich recht banal an. Wieso gibt es das nicht schon längst?
Ganz so einfach ist es dann eben doch nicht. Das System braucht Licht, Wasserversorgung und ein kontrolliertes Klima. Und die Pflanzen benötigen natürlich die passende Versorgung mit Nährstoffen. Momentan wird viel daran geforscht, wie so eine Vertical Farm optimaler Weise auszusehen hat.

Licht, kontrolliertes Klima, Wasserversorgung – das klingt auf einmal gar nicht mehr so nachhaltig.
Ja, das ist meistens der erste Einwand, den wir zu hören bekommen. Natürlich werden beispielsweise LED-Lampen nicht nachhaltig hergestellt. Sie sind aber momentan einfach die beste Lösung, bis wir irgendwann eine bessere finden. Die Entwicklungsschritte bei LEDs sind ja immens.

Und ein Maisfeld im Freien verbraucht vermutlich auch weniger Strom als eine Vertical Farm.
Auch das ist richtig. Aber unser Ziel ist es, ein energieautarkes System zu schaffen. Die Kästen sollen mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Und insgesamt sind die Bilanzen auf unserer Seite: Wir brauchen 98 Prozent weniger Wasser, weniger Nährlösung, weniger Platz. Weil es ein geschlossenes System ist, müssen wir keine Pestizide einsetzen. Es kommt also immer darauf an, worauf man Nachhaltigkeit bezieht.

Auch, wenn dafür riesige Gewächshochhäuser gebaut werden müssen?
Aber darum geht es ja gerade: Das muss man nicht. Es gibt so viele leer stehende Industriegebäude, die stehen immer in Stadtnähe und sind spottgünstig. In solchen Gebäuden wäre Vertical Farming wirtschaftlich gesehen schon jetzt möglich.

Essen wir also bald alle Salat aus dem Gewächsregal?
Bis es soweit ist, wird es noch ein bisschen dauern. Momentan bauen wir vor allem kleinwüchsige Grünpflanzen an, weil man hier am schnellsten Forschungsergebnisse erzielt. Ich kann nicht warten, bis ein ganzer Apfelbaum gewachsen ist.

Wie schmeckt denn euer angebautes Gemüse?
Um einiges besser und intensiver als alles, was man im Supermarkt kaufen kann. Wir versuchen nun, auch professionelles Feedback zu bekommen.

Das heißt?
Unser Ziel für dieses Jahr ist es, 20 Prototypen zu bauen und ein paar hundert Kilo Gemüse zu ernten. Ein Teil davon wird für Forschungszwecke verwendet, aber mindestens die Hälfte soll an Restaurants gehen, damit wir uns von Köchen professionelles Feedback geben lassen können.

Das klingt alles sehr ambitioniert.
Ich glaube, das muss man auch sein, wenn man etwas bewegen will. Und das ist ja das Schöne an diesem Gebiet. Bevor ich nach Den Bosch gekommen bin, habe ich in Deutschland Elektrotechnik studiert. Bis ich da wirklich etwas hervorbringen hätte können, wären sicher sechs bis sieben Jahre vergangen. Beim Vertical Farming gibt es noch so viel zu erforschen, es hat so viel Potenzial. Ich bin hier erst im ersten Studienjahr und kann jetzt schon anderen Leuten einen Zugang zu diesem Forschungsgebiet verschaffen.

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