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Tagsüber Studentin, nachts Go-go-Girl: Zwischen 120 und 300 Euro verdient Marie an einem Abend in der Disco – halbnackt an der Stange

von Katja Görg

Jahr: 2009, Woche: 21

Hinter ihrer großen Gucci-Sonnenbrille versteckt Marie (Name von der Redaktion geändert) ein geheimes Leben. Niemand soll die tiefen Augenringe sehen. Niemand soll erkennen können, dass Marie gestern Nacht unterwegs war - nicht zum Feiern, sondern zum Arbeiten: Seit sieben Jahren ist die junge Frau aus Germering professionelles Go-go-Girl.

Hinter ihrer großen Gucci-Sonnenbrille versteckt Marie (Name von der Redaktion geändert) ein geheimes Leben. Niemand soll die tiefen Augenringe sehen. Niemand soll erkennen können, dass Marie gestern Nacht unterwegs war – nicht zum Feiern, sondern zum Arbeiten: Seit sieben Jahren ist die junge Frau aus Germering professionelles Go-go-Girl.


Das sieht man ihr nicht an, zu unscheinbar ist Marie. Gerade einmal 1,60 Meter ist sie groß, aus einer Gruppe von 14-Jährigen würde sie nicht herausstechen. Tagsüber studiert sie soziale Arbeit, trägt weiße, ausgebeulte Turnschuhe und fransige Jeans. Nachts holt sie die schwarzen, hochhackigen Lackstiefel aus dem Schrank, geht in die Disko und besteigt halbnackt ein kleines Podest, das von Gitterstäben umgeben ist. “Auf der Bühne schaltet sich in mir ein Schalter um: Da bin ich nur noch Go-go-Girl. Die Marie, die meine Freunde und meine Eltern kennen, gibt es dann nicht mehr”, sagt sie bestimmt.


Immer wieder fasst sie sich in ihre langen schwarzen Haare, formt sie mal zu einem Zopf, mal zwirbelt sie einzelne Strähnen auf ihren Finger. Auf der Bühne lebt Marie ihren Bewegungsdrang aus: Lasziv tanzt sie zur sanften R ‘n’ B-Musik und windet sich immer wieder um die silberne Metallstange in der Mitte des Podests. Um sie herum stehen junge Männer mit Bierflaschen und Schnaps in der Hand. Eigentlich sollen sie durch das Go-go-Girl zum Mittanzen animiert werden, doch stattdessen gaffen sie Marie in ihrem kurzen schwarzen Rock, der eher einem Gürtel gleicht, und dem dazu passenden Bikinioberteil unverhohlen an. “Geil!”, “Zeig’ mir deinen sexy Arsch” und “Heiße Kurven, Süße!” sind die sanftesten Sprüche, die Marie zu hören bekommt.


Viele wollen grapschen


Oft bleibt es nicht bei Sprüchen. Viele Betrunkene versuchen immer wieder zu grapschen. Starke Nerven sind da von Vorteil – oder ein gewisser Abstand zum Publikum: “Darum tanze ich lieber in großen Discos, in denen ich eine wogende Menge weit unter mir habe als in kleinen Clubs, wo man den Männern direkt in die Augen sehen kann.” Maries Einstellung zu Männern hat sich seit ihrem Job als Go-go-Tänzerin grundlegend zum Negativen geändert. Immer wieder begegnet Marie im Nachtleben Männern, die Frauen einzig als Objekt sehen.



„Im Grunde genommen ist das ein Scheißjob, aber ich liebe ihn“, sagt Marie. Nachts arbeitet sie als Go-go-Girl in Discos. Mit dem dort verdienten Geld finanziert sie sich ihr Sozialarbeitsstudium – und ihr Luxusleben.


Foto: Jörg Buschmann


Kaum verwunderlich, dass Marie ihren Freund tagsüber kennengelernt hat. Er ist ein echter Gegenpol zu ihr: ruhig und kein Discogänger. Wenn Marie mit ihm zusammen ist, geht sie abends nicht mehr aus, sondern liegt mit ihm gemütlich auf der Couch vor dem Fernseher. Er akzeptiert ihren Job, wenn auch schweren Herzens. “Wenn ich Coyote mache, ist er immer ziemlich eifersüchtig”, gibt Marie zu. Kein Wunder: Bei der sogenannten Coyote Show tanzt Marie auf dem Tresen und übergießt sich mit Alkohol, den die Discobesucher ihr anschließend von der Haut schlecken dürfen. “Das ist schon ziemlich eklig, deshalb gehe ich danach sofort duschen. Aber es bringt gutes Geld”, gibt Marie zu.


Berührungsängste, Schamgefühl? Keine Spur. Neben Coyote tritt die Germeringerin auch als “lebendes Buffet” auf, schlüpft bei Motto-Shows in die Rollen von Boxenludern, Playboy-Bunnys oder Lack-und-Leder-Dominas und tanzt hin und wieder oben ohne. “Nur unten rum ausziehen is’ nich’”, sagt Marie bestimmt.


Betrunkene, lüsterne Männer, aber auch die Anstrengungen an der Stange lassen Marie hin und wieder am Leben als Go-go-Girl verzweifeln. “Im Grunde genommen ist das ein Scheißjob – aber ich liebe ihn”, sagt Marie und fügt aufrichtig an: “Man hat ein paar Minuten Ruhm ganz für sich alleine.” Und: Das Tanzen bringe in erster Linie gutes Geld.


Zwischen 22 Uhr und 4 Uhr steht Marie viermal 15 Minuten auf der Bühne – und bekommt dafür zwischen 120 und 300 Euro. Das Geld braucht Marie, um ihr Studium zu finanzieren, aber auch, um sich ihren aufwendigen Lebensstil leisten zu können: “Ich bin ein echtes Konsumopfer und kaufe ständig neuen Schmuck. Die Gucci-Sonnenbrille war auch nicht billig.”


Heimlichkeiten vor den Eltern


Eine professionelle Tanzausbildung hat Marie nicht. Aber das braucht man als Go-go-Tänzerin auch nicht – wenn man genügend Begeisterung zeigt. Bereits in ihrer Jugend ging sie regelmäßig mit Freundinnen in die Disco und tanzte dort ausgelassen auf den Lautsprecherboxen. Als eines Tages der Veranstalter auf sie zukam und die Mädchen fragte, ob sie nicht professionell tanzen wollten, waren alle sofort dabei – der Stolz, vor vielen Menschen aufzutreten, war größer als die Nervosität und das eigene Schamgefühl. Und doch: Vor ihren ersten Auftritten rebellierte Maries Körper: Ihr war übel, hinter der Bühne übergab sie sich mehrmals. Mittlerweile ist sie abgestumpft, alles ist Routine.


Wichtig am Go-go-Job ist die Oberfläche, der schöne Schein. Der herrscht auch unter den Tänzerinnen. Party machen könne sie mit ihren Kolleginnen super, “aber tiefe Freundschaften entwickeln sich in der Szene nicht”, sagt Marie: “Wenn ich fett werden oder mir ein Bein brechen würde – niemand von denen würde mich noch kennen.” Ihre echten Freunde kann Marie mittlerweile an einer Hand abzählen. Sie wissen von ihrem Doppelleben und akzeptieren Marie so, wie sie ist. Das machen Maries Eltern mittlerweile auch. Anfangs verheimlichte Marie ihnen ihr geheimes Leben. Sie verließ in Turnschuhen und mit Jeans das Haus, sagte, sie gehe zu einer Freundin. Später warf Marie sich in ihr Go-go-Outfit und ging zum Arbeiten in die Disco.


“Alles ging gut, bis zu diesem Foto von mir. Ich hatte mal wieder direkt in die Kamera gepost – aber nicht gedacht, dass das Bild in der Zeitung landen würde.” Das Foto zeigte Marie halbnackt, in Krankenschwestermontur, direkt an der Go-go-Stange. Die Eltern: geschockt, brüskiert. Erst als Marie ihnen erklärte, dass Go-go nichts mit Prostitution zu tun habe, zeigten sie sich verständiger.


Trotzdem: In der Familie wird nicht über Maries Nebenjob gesprochen. Im Internet wirbt sie dennoch auf einer eigenen Homepage für ihre Dienste, namentlich genannt werden will sie dennoch nicht. Sie kann nachvollziehen, dass andere sich für sie schämen. Deshalb versteckt Marie ihre Augenringe weiterhin hinter großen, dunklen Gucci-Sonnenbrillen.

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