Post Thumbnail 3387

Subtiler Gehorsam

von Theresa Parsdorfer

Jahr: 2010, Woche: 15

Was gut für uns ist – das wissen alle anderen besser. Was wir tun sollen? Auch hier halten sich Eltern, Lehrer, Freunde selten zurück. Was passieren würde, wenn wir alles wirklich ernst nähmen? Die Folgen zeigt diese Kolumne. Heute: „Sei doch nicht immer so brav!“

Ich stehe vor dem Spiegel und checke meine Frisur. Nach dem letzten Friseurtermin war ich nicht ganz so zufrieden, weswegen mir die Idee immer plausibler erscheint, wieder irgendetwas zu verändern. Oder: back to the basics – das ist voll angesagt. Alle machen das. Und meine Basics in Sachen Frisur sind: lange Haare ohne jeglichen Schnitt, ohne Pony, ohne Stufen. Als ich diese Idee meiner Mutter mitteile, verzieht sie das Gesicht. „Dann siehst du wieder so brav aus! Sei doch nicht immer so brav!“


Okay Mama! Anstatt die Spülmaschine aus- und wieder einzuräumen, lasse ich mein dreckiges Geschirr einfach irgendwo im Haus stehen – ich esse von jetzt an eh nie wieder am Tisch. Auch den immer durchdringender werdenden Geruch nach Fäulnis ignoriere ich. Statt durch geschicktes Koordinieren das Carsharing unserer Familie zu regeln, nehme ich mir einfach die Karre und fahre los, ohne Bescheid zu sagen, wo ich wann, wie lange bin. Statt höflich um Geld zu bitten, schnauze ich patzig, ich bräuchte es für die Schule und meine eigentlich die sechs Tequilas auf der Party am Wochenende. Statt das Waschbecken im Bad zu putzen, schlafe ich in der Badewanne meinen Rausch aus.


Schimpfen kann mich meine Mutter auch nicht richtig, weil ich ja doch mal wieder nur genau das getan habe, was sie von mir verlangt hat. Nein, das ist zu einfach. Meine Taktik ist viel subtiler: Mein ziviler Ungehorsam besteht gerade darin, genau so zu sein, wie ich aussehe, mit oder ohne Pony – eben einfach brav.

Teilen

Kommentare sind geschlossen.