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Spektakel Sonntagsbraten

von Susanne Krause

Jahr: 2012, Woche: 16

Wie lebt es sich an einem Ort, wo Bier und Sahnetorte in ausgefallenen Lokalen weniger kosten als einmal Pinkeln am Münchner Hauptbahnhof? Endlich mal jeden Tag die Sau rauslassen mit Wodka und Piwo? Von wegen. Es überwiegt die Sehnsucht nach dem Alltag, nach dem deutschen Alltag.

Im Alltag, wenn man Woche um Woche dasselbe tut, sehnt man sich nach Abenteuern in der Ferne. Und in der Ferne? Da lernt man, was für ein unterschätzter Freund der Alltag doch ist. Für zwei Monate wohnt Judith in der Stadt, die behauptet, Europas größte Kneipendichte zu haben – Krakau. Sie lebt an einem Ort, wo Bier und mehrstöckige Sahnetorten in ausgefallenen Lokalen weniger kosten als einmal Pinkeln am Münchner Hauptbahnhof. Judith ist für ein Praktikum quasi in eine Art Paradies für Alltagsverächter gezogen. Ihr Mitbewohner in der heruntergekommenen Altbauwohnung lebt ihr vor, wie’s geht: Tag-Nacht-Rhythmus? – Wen interessiert das? Trinken geht immer und Kochen auch nachts um halb vier.

Zwischen ihren unregelmäßigen Schichten im Museum könnte Judith also die Sau rauslassen mit Wodka und Piwo. Tut sie aber nicht. Stattdessen – verrät mir Judith in einem Krakauer Restaurant über einer Portion Buchweizen mit Pilzen – freut sie sich schon wieder auf einen geordneten Stundenplan, auf den Cafébesuch am Dienstag und auf regelmäßige Sonntagsausflüge zu Mama; also darauf, zu Hause Woche um Woche dasselbe zu tun. Judith hat Sehnsucht nach ihrem Alltag.

Denn ohne ihn funktioniert Judith nicht richtig. Man könnte denken, es wäre entspannend, das Alltagsleben einfach so in Westeuropa zu lassen, um an einem freien Tag völlig ohne Pläne und Verpflichtungen in einer fremden Stadt aufzuwachen. Aber das ist es nicht. Nicht zu wissen, was man an einem Donnerstag tut, ist überhaupt nicht entspannend. Denn jetzt muss Judith nachdenken, was sie tun könnte, viel schlimmer noch: was sie tun möchte. Und das ist für so einen freien Tag schon mal zu viel des Denkens. Folglich bleibt Judith einfach liegen. Das ist kurzfristig entspannend, auf Dauer aber öde. Selbst der elterliche Sonntagsbraten ist dagegen ein packendes Spektakel. Was lernen wir hieraus? Ohne Alltag ist das Leben einfach fad!

Nur eine Frage bleibt: Wie kriegt der Mitbewohner das auf die Reihe? Nach vielen Nächten, in denen klappernde Töpfe und wummernde Bässe Judith wachgehalten haben, lässt sich folgende Bilanz ziehen: Auch der Mitbewohner hat einen klar strukturierten Alltag. Sein Alltag findet allerdings nachts statt.

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