digitale Jungs

Soziales Netzwerk

von Valentin Feneberg

Jahr: 2013, Woche: 10

Digitale Spaltung - Ein Problem unserer Gesellschaft, das oft nur die kennen, die sich weder Computer noch Smartphone leisten können, oder nicht wissen, wie diese funktionieren. Jetzt wollen zwei Münchner Studenten dieser digitalen Benachteiligung entgegenwirken - mit Ihrem Verein "Digital Helpers".

Ein Leben ohne Internet, Computer, Handy: Schwer vorstellbar, wenn man es gewohnt ist, einfach alles online zu erledigen. Oder sogar unmöglich, denn von Uni-Organisation bis hin zu Wohnungs- und Jobsuche hängt viel davon ab, ob der Netzanschluss stimmt. Heinrich Rusche, 22, und Lorenz Haubner, 23, wissen um die Wichtigkeit von Technik und Netz und haben deshalb etwas dagegen, dass nicht alle Menschen in Deutschland Zugang haben zum Internet – oder teilweise gar nicht die Geräte besitzen, die diesen Zugang ermöglichen. Die beiden Münchner Studenten der VWL beziehungsweise BWL haben deshalb zusammen mit zwei Kommilitonen – Leopold Neuerburg, 22, und Pierre Ostrowski, 25 – im Juli 2012 den Verein „Digital Helpers“ gegründet, der Benachteiligte mit Geräten und Know-how versorgen und Zugang zu dem gewähren soll, das für die meisten von uns eine alltägliche Verständlichkeit ist: Internet.

Digitale Spaltung ist der Fachausdruck für das, was die Studenten mit ihrem Verein bekämpfen wollen. Der Begriff meint, dass eine Kluft besteht zwischen denen, die Computer, Internet und Handy nutzen, und denen, die das – aus welchen Gründen auch immer – nicht können. „Das ist ein handfestes Problem, das in der Gesellschaft als solches gar nicht wahrgenommen wird“, sagt Heinrich.

Natürlich: Klimawandel, soziale Schere, Dritte Welt – alles Probleme, die präsenter sind in den Medien und damit auch in den Köpfen. Aber eine digitale Kluft? Gibt es nicht drängendere Fragen als einen Internetzugang für die paar wenigen Menschen, die noch keinen haben? Tatsächlich aber existiert das Problem nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern betrifft mehr Menschen, als man meint. Laut der jährlichen Studie der Initiative D21, genannt (N)onliner-Atlas, nutzten 2012 etwa 24 Prozent der Bundesbürger kein Internet. „Das Problem der digitalen Kluft bestand schon vor dem Internet, hat sich durch dieses allerdings deutlich erweitert“, sagt Christoph Neuberger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München. Das Problem betreffe mittlerweile alle Lebensbereiche. Allerdings warnt der Wissenschaftler auch davor, alle „Nonliner“ automatisch als soziale Verlierer zu stilisieren. Oft würden hinter derartigen Studien konkrete ökonomische Interessen stecken. Auch, wenn die Zahlen stimmen mögen.
Für die Digital Helpers hat das Problem allerdings viel grundlegendere Bedeutung als einfach nur die Tatsache, dass ein paar Menschen nicht in sozialen Netzwerken Banalitäten austauschen können. „Die digitale Kluft betrifft sowohl einen Wissensmangel als auch die Chancengleichheit“, sagt Lorenz. Wer keinen Internetzugang hat, tue sich zunehmend schwer, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Lorenz und Heinrich wollen mit ihrem Verein an zwei Enden ansetzen: In erster Linie geht es um eine materielle Überwindung der Kluft. Die Digital Helpers organisieren Spenden von Computern, um überhaupt die Grundlage dafür zu schaffen, die Spaltung zu mildern. Die Strategie: Hauptspender sind Unternehmen, die gleich in größeren Mengen Computer abgeben. Und Abnehmer sind nicht die Bedürftigen direkt, sondern soziale Vereine, die dann die Geräte weitergeben. Heinrich und Lorenz verstehen sich als Vermittler und glauben, dass diese Methode deutlich zielführender ist als der direkte Weg zu Privatpersonen. Auf der anderen Seite wollen die beiden Studenten langfristig mit ihrem Verein den Menschen den Umgang mit Technik und Internet beibringen.

Dieser Teil des Projekts läuft nun mehr und mehr an. Zum Start soll es im Mai eine große Podiumsdiskussion in München geben, die das Thema „Digitale Spaltung“ behandeln soll. Außerdem wollen Lorenz, Heinrich und ihre Kollegen auf die Rechner Tutorials für den richtigen Umgang mit PCs laden, um die materielle Hilfe direkt mit der Lernhilfe zu verbinden. Bisher kann sich die Resonanz auf das Projekt sehen lassen: Bereits gut 15 Unterstützer haben sich seit Gründung aus ganz Deutschland gefunden. Viele von den neuen Helfern kennen die beiden noch nicht einmal persönlich. „Die breite Unterstützung hat uns sehr positiv überrascht“, sagt Heinrich und ergänzt, dass es ohne das ehrenamtliche Engagement dieser vielen Neuzugänge aus der ganzen Republik kaum möglich wäre, das Projekt am Laufen zu halten.

Die Gründung eines gemeinnützigen Vereins statt eines profitorientierten Start-up-Unternehmens entspricht nicht den Vorurteilen, die viele immer noch mit Wirtschaftsstudenten verbinden. Es zeigt, dass Sozialkompetenz nicht an Fakultätstüren halt macht. Aber warum nun genau dieses soziale Projekt, und nicht etwas ganz anderes, vielleicht näherliegendes? Für Lorenz und Heinrich hat das in erster Linie pragmatische Gründe: Technik ist ihr Spezialgebiet. Die Selbstverständlichkeit, die für sie die neuen Medien haben, und die Begeisterung, die sie davor aufbringen, hätten sie dazu angespornt, noch mehr Menschen einen Zugang zu dieser Welt zu öffnen, die für sie so selbstverständlich ist. „Statt Geld zu spenden, das wir nicht haben, wollen wir Zeit geben, die wir zwar eigentlich auch nicht haben, aber immerhin etwas mehr davon“, sagt Lorenz und lacht. Für beide kommt hinzu, dass sie sich auf diesem Gebiet einfach viel authentischer fühlen. „Vom Klimawandel habe ich einfach weniger Ahnung. Also tue ich lieber dort etwas, wo ich helfen kann“, sagt Lorenz.

Die Verbindung von Wirtschaftsstudium und Vereinsorganisation geht bei den Digital Helpers auf. Mit ihrem theoretischen Wissen über Gründungen sind sie an die Sache herangegangen, nicht zuletzt auch, um sich einfach mal auszuprobieren. Der BWL-Slang ist dabei durchaus nicht verloren gegangen. Wo andere sagen, sie wollen etwas „Sinnvolles“ tun, betonen die beiden den „positiven Impact“. Und die Aufgabenbezeichnungen von Lorenz und Heinrich werden auf ihrer Internetseite nicht einfach „Kundenbetreuung“ oder „Kassenwart“ genannt, sondern „Akquise“ und „Strategie & Finanzen“.

Weitere Informationen unter www.digitalhelpers.org

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Eine Antwort zu “Soziales Netzwerk”

  1. Nicolas Reis sagt:

    Good job, Jungs!
    Viel Erfolg!!

    Gruß
    Nico und das Altruja Team