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Sammlerstücke im Hosentaschenformat

von Doro Merkl

Jahr: 2013, Woche: 28

Unter Kreativdruck: Weil sich Jan Herdlicka von anderen Fotografen abheben will, verschickt er seine Bilder in kleinen Päckchen weltweit. Dadurch wurden nun auch Magazine aufmerksam. Genau die Magazine, die früher seine Bilder ablehnten.

Fotografien von Jan Herdlicka sind Sammlerstücke. Ohne großen Namen, ohne große Formate hat er das geschafft: Vor etwas mehr als einem Jahr hat er begonnen, kleine Sammelkarten zu basteln und zuerst an Freunde, inzwischen aber in die ganze Welt zu verschicken. Kleine Päckchen mit Karten so groß wie eine Streichholzschachtel haben so ihren Weg von seiner Wahlheimat Berlin per Post nach München, London aber auch nach Weißrussland genommen.

In Berlin herrscht Kreativdruck, sagt Jan. Jeder hat ein Projekt: eine Ausstellung, ein Magazin. Etwas Kreatives eben. Als der 25-Jährige vor fünf Jahren nach Berlin zog, um Kulturwissenschaft zu studieren, war auch er auf der Suche nach einem Projekt: nach seinem Projekt. Schon in der siebten Klasse hat er ein Berufspraktikum bei einem Fotografen absolviert, später in der Schule – leider mit einer Null-Bock-Haltung, wie er zugibt – an einem Fotokurs teilgenommen. Fotografie lag für ihn also irgendwie nahe. Seine Kamera wird zu seinem ständigen Begleiter, vor allem der Untergrund, die Berliner U-Bahn habe es ihm angetan. Immer wieder taucht dieses Thema auch in seinen Sammelkarten auf. Es ist für ihn ein kleiner Nervenkitzel, dort zu fotografieren, wo es eigentlich nicht erlaubt ist, wo es die Mitmenschen auch nicht unbedingt wollen. „Ich fühle mich da ein bisschen wie ein Spion“, sagt er und lacht.

Die ersten Bilder stellt er über Freunde von Freunden aus, später bewirbt er sich bei Magazinen. Doch es seien immer mindestens hundert Mitbewerber gewesen – „und ohne Namen hat man da keine Chance“, sagt Jan. Daher will er etwas anderes machen, etwas, das weniger Druck auf ihn ausübt. Er grübelt lange, arbeitet an einem möglichen Magazin. Aber das wäre auch nur das Zweitausendste gewesen, zieht er als Resultat aus seinen Überlegungen und legt die Pläne beiseite.

Dann kommt ihm die Idee mit den Sammelbildern – und das kommt nicht von ungefähr: Als Kind habe er zu den typischen Sammlern gehört, sagt er und nippt an seiner Apfelsaftschorle. Draußen vor dem Fenster der Rotkreuzplatz, Neuhausen, das Viertel, in dem er seine Jugend verbracht hat. Bevor er auf die ersten Partys gegangen ist, hat er an den Wochenenden seine Panini-Bilder aus dem Jahrgang 1993/94 sortiert. Mit den ersten Einladungen zu den Festen der Freunde verschwanden die Sammelkarten aus „Coolness-Gründen“ aus seinem Zimmer, sagt er. Zuerst zeitweise, dann dauerhaft. „Irgendwann war es einfach zu peinlich – und andere Sachen cooler.“

Eingefallen sei ihm die Idee eines Morgens im Halbschlaf, doch zuerst habe er auch sie verworfen. „So ein Quatsch, dachte ich.“ Er probiert es dennoch: Er druckt seine Bilder im vier mal sechs Zentimeter Format aus, beklebt Karton damit, verpackt sie – alles in Handarbeit. Zwanzig unterschiedliche Motive, zwanzig Päckchen à fünf Karten waren es damals. Inzwischen sind es deutlich mehr geworden, die Prozedur aber ist immer noch dieselbe. Wer eines haben möchte, meldet sich per E-Mail. Das Porto übernimmt er selbst, 58 Cent in Deutschland und 75 Cent in den Rest der Welt, darin ist er inzwischen Experte. Und auch der Rest ist kostenlos – dafür bekommt aber auch jeder nur ein Päckchen. So sind seine Regeln.

Ein bisschen märchenhaft klingt die Geschichte schon, vom Jungen, der seinen Sammeltraum auf dem Speicher beerdigt und gute zehn Jahre später mit derselben Idee – dem Sammeln – ein erfolgreiches Vermarktungskonzept für seine Kunst entwirft. Und ähnlich pathetisch klingt es, wenn der junge Münchner mit der Baseballkappe und dem grauen Kapuzenpulli betont, wie „herzerfüllend es ist, die Sammlerleidenschaft wieder auszuleben“. Doch die Begeisterung, die sich in seinen Augen widerspiegelt, legt die Vermutung nahe, dass es sich so abgespielt hat – so oder so ähnlich zumindest.

Denn hinter den Sammelkarten steckt nicht nur eine romantische Kindheitserinnerung, sondern auch ein Konzept: Fünfzig Päckchen sind es inzwischen und mehr sollen es auch nicht werden. Künstliche Verknappung nennt er das und fügt scherzhaft hinzu: „Limitiert komme ich mir eben auch besonders toll vor.“ Der Blog findingberlin.com verhilft dem Projekt inzwischen zu einer größeren Aufmerksamkeit – auch außerhalb des Freundeskreises. Andere Künstler werden auf ihn aufmerksam, aber auch die Magazine, die früher seine Bilder ablehnten. Alle drei Monate kommt eine neue Auflage heraus: Mit alten Bildern, aber jedes Mal gibt es auch ein paar neue. „Oft sind die fünfzig Stück innerhalb von zwei Tagen weg.“

Verfeinert könnte sein Konzept trotzdem werden – findet zumindest Jan: „Es fehlt noch so ein richtiges Ziel. Wie bei den Panini-Heften, wo man möglichst alle Spieler haben wollte.“ Zur fünften Auflage allerdings soll es nun eine Sammelbox mit Katalog geben: Gerade der harte Münchner Sammlerkern, genauer seine besten Freunde aus der Schulzeit, fordern das schon lange. Die nämlich – so erzählt er – tauschen auch gerne mal untereinander die Bilder, die sie doppelt haben. Gar nicht so schwer, mit den Sammlerstücken im Hosentaschenformat.

Am vergangenen Freitag hat Jan Herdlicka die fünfte Auflage veröffentlicht. Weitere Infos unter www.janherdlicka.com/sammelkarten.

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