Kindergeburtstag

Rammstein für einen Dreijährigen

von Melissa Ludstock

Jahr: 2012, Woche: 28

Es ist warm, es ist Sommer. Und es ist Prüfungszeit. Auf diese Situation hatte sich das Vorstadtmädchen mental eingestellt: bei schönstem Badewetter im Zimmer sitzen und lernen. Nur, dass das Nachbarskind drei Tage lang seinen Geburtstag feiern würde, damit hatte es nicht gerechnet.

Die Nachbarn, das ist ein heikles Thema in der Vorstadt. Meine Freunde in München kennen ihre Nachbarn oft gar nicht, oder sehen sie für Jahre nicht. Da wird höchstens mal eine Milch ausgeliehen oder so. Meine Nachbarn sind dagegen ständig präsent, besonders heute: der kleine Tim von nebenan hat Geburtstag. Schnitzeljagd trifft Vorstadtmädchen, das komplizierte Theorien lernt. Keine so gute Mischung.

Das sind dann solche Tage, an denen ich nach München fliehe. Ja, in die große laute Stadt, die leiser ist als mein Zimmer zu Hause. Möchte man erst einmal gar nicht glauben. Doch sich irgendwo in der Universität in der Bibliothek zu verkriechen, ist sinnvoller als zu Hause zu lernen, dort habe ich wenigstens meine Ruhe.

Vorstadt vs. Großstadt. Das Vorstadtmädchen mitten drin, mein Leben zwischen zwei Welten. Wenn Spießbürgertum auf Weltstadt trifft. Wo sonst als in der Vorstadt würde man auch einen Brief vom Ordnungsamt bekommen, dass man doch bitte das Unkraut vor seinem Haus entfernen soll. Nur in der Vorstadt gibt es Nachbarn, die solche Missstände beim Ordnungsamt verpfeifen. Ich habe auch wirklich nichts besseres zu tun, als auf der Straße zu hocken und das Unkraut zu entfernen, dass am Gehsteig vor meinem Haus wuchert.

Der betreffende Nachbar sollte erst einmal ein wenig durch München streifen. Wenn morgens um zehn die ersten Studenten vor der Universität sich ihren Sekt aufmachen und ihre bestandene Prüfung feiern. In der Vorstadt undenkbar. Wer weiß zu welch drastischen Mitteln der aufmerksame Nachbar da greifen würde!

In der Vorstadt werde ich schon schief angeschaut, wenn ich mir mit Freunden vor dem Feiern am Bahnhof eine Flasche Sekt aufmache, so zum Warm-Trinken in der S-Bahn auf dem Weg nach München. In der Situation musste ich dann einfach hinnehmen, dass die anderen Menschen am Bahnsteig mich und meine Freunde abwertend anschauen und sich wohl ihren Teil denken.

Aber es gibt genug Momente in denen ich mich rächen kann. Gut, das mit dem Unkraut, das muss ich auch so hinnehmen, und mich eines schönen Nachmittags der Ordnungswidrigkeit widmen. Doch der Kindergeburtstag hatte es wahrlich nicht leicht mit mir. Da war ich zur Abwechslung mal der böse Nachbar. Rammstein durch das gekippte Fenster, das war meine Antwort.

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