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Öffentliche Verstrickungen

von Laura Höss

Jahr: 2011, Woche: 43

Zwei Studentinnen verzieren mit Handarbeiten München – sich selbst nennen sie „Rausfrauen“, ihre Werke „Guerilla Knitting“. Ein Name, der in Anlehnung an „Guerilla Gardening“ entstanden ist – das geheime und illegale Verschönern einer Stadt.

Der Tisch ist einladend gedeckt, ein buntes Tischtuch gibt es, Platzdeckchen, sogar an Blumen hat der aufmerksame Gastgeber gedacht. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: An diesen Tisch wird sich niemand setzen und einen Kaffee trinken. Es wird auch niemand das Buch in die Hand nehmen, das zur Unterhaltung dort platziert wurde. Denn bei diesem Tisch handelt es sich um einen Stromkasten. Der Stromkasten in der Schellingstraße, gleich hinter der Uni, verkleidet als Cafétisch, ist eine der Arbeiten, mit denen zwei junge Münchnerinnen, die sich „Rausfrauen“ nennen, seit Anfang des Jahres die Stadt verschönern.


So manche Überraschung wartet da auf die Passanten: Eines Morgens war aus einem U-Bahn-Abteil auf einmal ein heimeliges Wohnzimmer mit Blumengardine und Zierkaktus geworden. Ein Straßenschild hatte einen liebevoll-überflüssigen Stricküberzieher, und die Nixe am Oberanger zeigte sich auf einmal züchtig bedeckt mit einem pinkfarbenen Häkel-Bikini. An jedem Werk war ein kleiner Zettel angebracht, der auf die Urheber verwies: „Rausfrauen verschönern München“, stand da, in einer Art, wie auch Größe und Label eines Kleidungsstücks auf dem Etikett angegeben werden.


Die Menschen hinter den Rausfrauen nennen sich Sissi und Hermine. Man sieht ihnen an, dass sie in kein Schema passen wollen. Sissi ist groß, hat schwarze Haare und trägt einen Amélie-Pony. Hermine hat ein mädchenhaftes Gesicht, das durch den rasierten Undercut noch stärker betont wird. Beide sind Studentinnen, Mitte zwanzig, emanzipierte junge Frauen. Fragt man nach ihren echten Namen, schütteln sie den Kopf, denn sie wollen unerkannt bleiben. Ihnen gefällt die Vorstellung, die Rausfrauen wären ein wenig wie Heinzelmännchen, die unerkannt und unauffällig die Stadt verschönern. Ganz so, wie unsere Großmütter und Urgroßmütter mit Handarbeiten wie Nähen, Sticken oder Klöppeln die Wohnungen ihrer Familien verschönerten. Fertigkeiten, die heutzutage kaum jemand noch beherrscht, die aber seit einiger Zeit ein regelrechtes Revival erleben. Die „Verstrickungen“, wie sie ihre Arbeiten nennen, sind gewissermaßen eine Hommage an diese Tätigkeiten.


Denn jahrhundertelang war die Arbeit einer Frau auf den privaten Rahmen beschränkt und damit von jeglicher Form öffentlicher Anerkennung ausgeschlossen. Der öffentliche Raum, der Bestätigung bot, war von jeher ein Bereich, der Männern vorbehalten war. Doch nun erobern ihn die zwei Frauen. Daher auch der Name: Rausfrauen. Eine Abwandlung des Begriffs Hausfrau, eine Reminiszenz daran, dass die Arbeit einer Frau eben nicht mehr nur auf den Kosmos des Haushaltes beschränkt ist und es auch klassische Handarbeit nicht mehr sein sollte. Die Zeiten, in denen Frauentätigkeiten wie Stricken oder Häkeln verpönt waren, sind für Anhängerinnen des „Second Wave Feminism“ wie Sissi und Hermine vorbei.


Dabei geht es nicht mehr um Gleichmacherei und die Forderung, Frauen müssten und könnten all das tun, was Männer auch machen, und die somit indirekte chauvinistische Aussage, nur diese Art der Arbeit sei wertvoll, sondern um die Betonung und Akzeptanz genderspezifischer Unterschiede. „Guerilla Knitting“, nennt sich diese Form der Street Art mit feministischem Hintergrund. Ein Name, der in Anlehnung an „Guerilla Gardening“ entstanden ist – das geheime und illegale Verschönern einer Stadt.


„Es ist eine sehr weibliche Form der Streetart“, erklärt Sissi. Im Vergleich zu Graffiti, die sehr dominant und aggressiv im Stadtbild sind, sei „Guerilla Knitting“ gewissermaßen seine sanfte, weibliche Variante. „Sie soll eher zum Schmunzeln und Stutzen bringen“, sagt Hermine über die Arbeiten, die oftmals erst bei genauerem Hinsehen auffallen. Wie etwa die Zitronen, die im August plötzlich im Efeu am Sendlinger Tor wuchsen. Kleine Details, die auch die Leute dazu bringen sollen, mit offeneren Augen durch die Straßen zu gehen, ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen.


Auch den beiden Rausfrauen fallen nun viel mehr Details auf als früher, ihre Sichtweise auf die Stadt hat sich verändert. Und sie würden sich wünschen, dass dies auch bei Menschen der Fall ist, die ihre Arbeiten in der Stadt sehen. Leider sind viele der Strickarbeiten nach wenigen Stunden, spätestens aber nach ein paar Tagen wieder verschwunden – ein Nachteil dieser temporären Installationen. Deshalb dokumentieren Sissi und Hermine auch alle Arbeiten auf ihrem Blog im Internet, zu finden unter http://rausfrauen.tumblr.com.


Ob dass denn nicht ein wenig unbefriedigend sei, dass ihre Arbeiten so gar keine Spuren hinterließen? Natürlich finden die beiden es schade, dass die Verstrickungen so schnell wieder aus dem Stadtbild verschwinden. Aber solange sie ein paar Menschen zum Lächeln oder vielleicht sogar zum Nachdenken gebracht haben, hat sich in den Augen der Rausfrauen die Mühe gelohnt – denn die Veränderung der Wahrnehmung einer Stadt oder der Sichtweise auf bestimmte Dinge ist eine langfristige. Und damit weitaus beständiger als jedes noch so hartnäckige Graffito.

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