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Mit Schlafsack auf dem Abstellgleis

von Melissa Ludstock

Jahr: 2012, Woche: 22

Zu Hause fühlen wir uns an vielen Orten: in der Uni, in der eigenen Wohnung, unter Freunden. Bei einem Vorstadtmädchen kommt noch eines hinzu: die S-Bahn. Eine Kolumne über das Leben in München, in der Vorstadt und die Erlebnisse dazwischen - solange die S-Bahn eben fährt.

Warum die S-Bahn blaue Farbspritzer auf  ihrem sonst so roten Lack hat? Verstehe ich nicht. Warum die letzte S-Bahn schon um halb drei Uhr nachts am Wochenende fährt? Auch das verstehe ich nicht. Warum ich mit Schlafsack abends um zehn in der S-Bahn sitze? Ganz einfach, ich war auf dem Weg zum Feiern! Was macht man denn auch sonst mit einem Schlafsack in der S-Bahn.

Ohne Schlafsack wäre die Party dank der letzten S-Bahn um halb drei schon wieder vorbei gewesen. Also schnappten sich meine Freundin – ebenfalls ein Vorstadtmädchen – und ich unsere Schlafsäcke und machten uns auf zu unserer Kommilitonin nach Milbertshofen, die uns für die Nacht nach der Party Obdach gewähren wollte. Dank Schlafsack hätten wir auch am Hauptbahnhof zwischen Fast Food Restaurant und Abstellgleis schlafen können – da haben wir doch eindeutig die Couch in der Küche bevorzugt.

Schon die Anreise nach München zum Feiern gestaltet sich oft zum logistischen Chaos für mich – ich komme aus  dem Speckgürtel angereist. Es gibt auch die Möglichkeit mit dem Auto zu fahren. Aber bis wir Vorstadtkinder ausdiskutiert haben, wer an diesem einen Abend trocken bleibt, ist oft schon die halbe Nacht wieder vorbei. Bis dann auch noch die schnellste Route gewählt ist, um alle Mitfahrer abzuholen und bis der Club in München gefunden wurde, hat der erste schon wieder Hunger und muss aufs Klo – eine unendliche Geschichte also.

Oder ich fahre selbst mit dem Auto. Dann werde ich aber meistens von der Polizei angehalten – die mögen mich und mein kleines gelbes Auto so gerne. Und weil in meinem Auto dann immer drei betrunkene Menschen sitzen, glauben sie mir auch selten auf Anhieb, dass ich nichts getrunken habe. Was man der Polizei bei dem Gestank auch kaum verübeln möchte. Immerhin kann ich mittlerweile eine kleine, aber feine Sammlung verschiedener Röhrchen von diversen Alkoholtests vorzeigen, die ich nach so einem Test immer behalte. Aus Trotz wahrscheinlich.

Und wie kommt man dann wieder heim, wenn man sich gegen das Auto entschieden hat?  Und gerade kein Schlafsack oder Chauffeur-Service zur Stelle ist?  Auf die erste S-Bahn warten zum Beispiel. Blöd nur, wenn man immer und überall schlafen kann, so wie ich. Ich lege mich dann schon mal auf eine Sitzbank im S-Bahngeschoss und schlafe. Um kurz vor sechs bin ich dann erst letztens wieder wie durch ein Wunder aufgewacht: der Hauptbahnhof war auf einmal voll, leicht verstört und peinlich berührt habe ich meine Haare zurecht gezupft. Und ein netter älterer Herr hat mir sogar einen Kaffee angeboten. Etwas verwirrt angeschaut hatte er mich auch. Hat er mich für einen Penner gehalten? Dafür sah ich doch noch zu gut aus – hoffe ich zumindest.

Das mit dem Schlafsack war übrigens eine super Idee. Wir haben bequem auf dem Sofa in der Küche geschlafen, die Vögel haben schon gezwitschert, die Sonne ist gerade aufgegangen als wir es uns gemütlich gemacht haben. Und das alles nur, weil wir auf die erste U-Bahn nach Milbertshofen warten mussten.

 

 

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