Jonas-Funck---Backside-Kickflip

Mit High Heels in der Halfpipe

von Carolina Heberling

Jahr: 2013, Woche: 28

Gabi Schumann (Foto: Jonas Funck) ist eine der wenigen Frauen, die in München profimäßig auf dem Skateboard stehen. Manchmal auch mit Stöckelschuhen. Als Hommage an München ist sie Ende Juni im Dirndl aufs Brett gegangen.

Am Ellenbogen: Hämatome, Kratzer, halb verheilte Wunden. Es sieht schmerzhaft aus. Für Gabi Schumann, 18, gehören solche Verletzungen dazu: Die junge Münchnerin skatet. Selbstverständlich, dass man da auch mal hinfällt und sich die Arme aufschürft. Was nicht selbstverständlich ist: als zierliches Mädchen einem echten Männersport nachzugehen, denn Gabi ist eine der wenigen Frauen, die in München profimäßig auf dem Brett stehen – Sponsoringvertrag inclusive.

Gabi verschafft sich mit waghalsigen Aktionen auf dem Board Respekt bei den Jungs: So hat sie mit ein paar Freundinnen einen Skate-Clip gedreht, der die Mädchen in High Heels auf ihren Boards zeigt. „Wir wollten einfach zeigen, dass auch Mädels skaten können“, sagt sie. In München, schätzt Gabi, gibt es vielleicht drei oder vier Mädchen, die genauso professionell auf dem Brett durch die Stadt sausen wie ihre männlichen Kollegen. Frauen fahren ihrer Meinung nach auch ganz anders: „Jungs verstehen oft nicht, dass wir beim Skaten einen ganz anderen Körperschwerpunkt haben als sie, klar, dass das dann anders aussieht.“

Skaten hinterlässt häufig fiese Wunden. Während Jungs diese mit ihren Jeans verdecken, will Gabi Schumann trotzdem modisch sein und Bein zeigen. Foto: privat

So lässig sie mittlerweile auch auf dem Brett wirkt, angefangen hat alles doch mit einer Angst. Der Angst vor dem Skaten. Sie ist vierzehn, als sich ihre Zwillingsschwester ein Skateboard kauft. „Damals“, sagt Gabi, „war es total in, ein Skater-Girl zu sein.“ Zunächst sieht sich Gabi nicht selbst auf dem Board: Sie ist eher ruhig, spielt Geige, ein bisschen Basketball, traut sich nicht an Sportarten ran, die stark die Beine beanspruchen. Doch inspiriert von ihrer Schwester, will es Gabi dann irgendwann doch probieren. Schnell merkt sie, wie leicht ihr das Skaten fällt, lernt rasch zahlreiche Tricks, übt täglich: „Mein Ehrgeiz ist halt ziemlich ausgeprägt. Dann wollte ich einfach immer üben und konnte gar nicht mehr aufhören“, sagt Gabi, „auch, weil ich anfangs Angst hatte, dass ich mich beim Skaten nicht weiterentwickle.“ Und während ihre Schwester das Skaten irgendwann aufgibt, wird Gabi kontinuierlich besser.

Doch der Sport kann auch frustrierend sein. 2012 zieht sich Gabi beim Skaten einen Kreuzbandriss zu, auch das Knorpelgewände wird beschädigt. Es dauert, bis die Verletzung geheilt ist: Dreizehn Monate darf sie keinen Sport treiben. Das Skaten fehlt ihr. Um sich abzulenken, zeichnet sie, macht einen Motorradführerschein, doch nichts ersetzt während der Skate-Pause die Leidenschaft zu fahren. Als sie dann 2013 endlich wieder auf das Board darf, spürt sie zunächst noch Schmerzen. Und Angst. „Dann war ich zwei Wochen in Brasilien und konnte dort wieder richtig viel fahren, sechs Kilometer jeden Tag.“ Das hat Gabi die Angst genommen. Inzwischen, sagt sie, sei sie fast wieder auf dem Niveau von früher, an die Verletzung erinnert nur noch ein kleiner Verband an ihrem linken Knie.

Vor der Verletzung nimmt sie auch an Skate-Contests teil, doch das Angebot spezieller Contests für Frauen ist sehr klein. Deshalb fährt Gabi meistens spaßeshalber bei den Jungs mit, hinterher gibt es bei einigen der Wettkämpfe dann den „Girls Award“ – einen Preis, weil man als Mädchen überhaupt teilgenommen hat. Und dass sie bei den Männern locker mithalten kann, davon ist man in der Münchner Skate-Szene überzeugt: „Gabi ist einzigartig. Es gibt wenige sehr gute weibliche Skater. Klar, die Jungs sind natürlich stärker. Aber Gabi ist auch noch ein gutes Vorbild – sie ist bescheiden, freundlich, auch zu den Anfängern. So etwas gibt es auch bei den Männern nur noch sehr selten“, sagt Ricardo Friesen, dessen Surf- und Skate-Shop „SantoLoco“ sie sponsert: Gabi bekommt sowohl das Material gestellt, ebenso wie die Reisekosten, wenn sie zu einem Contest fährt. Und diese Unterstützung ist auch nötig: Im Durchschnitt verfahre sie ein Board pro Monat, sagt Gabi.

Wenn die junge Frau vom Skaten redet, muss man schon genau hinhören, um ihren Akzent zu bemerken. Er verrät, dass sie nicht aus Deutschland kommt. Geboren und aufgewachsen die Wahl-Münchnerin in Brasilien. Ihr Nachname klingt nicht brasilianisch – und erinnert daran, dass sie deutsche Vorfahren hat. Dieser Umstand ermöglicht es ihrer Familie dann auch, deutsche Pässe zu bekommen, mit denen sie nach Deutschland auswandern. Damals ist Gabi zehn. „Wir haben einfach vier Koffer gepackt und sind hergekommen. Wir haben als Familie einfach mal ein Abenteuer gebraucht“, sagt die Brasilianerin mit den dunklen Augen und den vollen Lippen, die sich – wie so oft, während sie erzählt – zu einem großen Lächeln formen. Wie abenteuerlich die Unternehmung ist, zeigt sich schnell: Als sie herkommen, können ihre Eltern weder Deutsch, noch Englisch, die Kinder ebenso wenig. Schnell muss Gabi sich eingliedern, die Sprache lernen. Eigentlich wollen sie nur zwei Jahre in Deutschland bleiben. Inzwischen ist Gabi achtzehn und lebt mit Mutter und Schwester noch immer hier.

Das soll sich im September nun ändern: Ihre Abenteuerlust zieht die 18-Jährige für ein halbes Jahr in die USA. Dort will Gabi skaten und eine Bibelschule des so genannten „YWAM“ besuchen. „Youth with a mission“, heißt diese christliche Organisation, die in der ganzen Welt Missionsarbeit leistet und wegen ihres Missionsstils auch immer wieder in die Kritik gerät. Klingt zunächst nicht so, als habe das viel mit Skateboarden zu tun. Aber: Idee des YWAM sei es, so die Organisation, auf kreativen, zeitgemäßen Wegen einen Zugang zu Gott zu finden – so zum Beispiel über das Skaten. Hierfür bietet die Organisation in Los Angeles eine Schule für skate-affine Gläubige an.

Gabi, die ein lässiges Top trägt, wirkt nicht so, wie man sich jemanden vorstellt, der auf eine Bibelschule geht. „Wenn man hier sagt, man ist gläubig, dann ist man gleich so komisch, so ein Alien“, sagt Gabi verärgert, „in Brasilien sind die Leute viel respektvoller, aber in Deutschland hat man als Christ gleich einen Stock im Arsch.“

Dass sie anders ist, merkt man ihr beim Skaten an, denn bis sie abreist, will sie auf dem Board noch so einige Experimente durchführen: Als Hommage an München, den Austragungsort der diesjährigen X Games, ist sie Ende Juni im Dirndl aufs Brett gegangen. Doch damit nicht genug: Auch ihre Musik möchte Gabi mit aufs Board nehmen – sie will fahren und gleichzeitig Geige spielen. Ob das tatsächlich klappt, weiß sie noch nicht so genau. Nicht, dass die Geige hinterher genauso aussieht wie ihr Ellenbogen.

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