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Lutsch dich glücklich – und erfolgreich

von Franziska Draeger

Jahr: 2009, Woche: 52

Valentin Wessels (19) ist seit vier Jahren Chef einer Bonbonfabrik. Was für viele nach einem zuckersüßen Traumjob klingt, ist für ihn Geschäftsroutine.

Leicht zu erreichen ist Valentin Wessels wirklich nicht. Besonders in der Vorweihnachtszeit klingelt sein Handy unaufhörlich, für Anrufer ist die Leitung fast immer besetzt. Bekommt man ihn dennoch zu sprechen, fasst er sich kurz und hat es sehr eilig. Nein, Valentin ist nicht unhöflich – er hat nur wahnsinnig viel zu tun: Seit vier Jahren ist der 19-Jährige aus Starnberg Chef seiner eigenen Firma – einer Bonbonfabrik.


Das hätte er sich nicht träumen lassen, als er im Alter von zwölf Jahren mit seinem Opa am Herd stand, aus Sahne und Zucker Kamellen machte und nach Herzenslust naschte. „Meine Oma hat damals ganz schön viel Arbeit gehabt, bis die Küche wieder sauber war“, erinnert sich Valentin und schmunzelt. Der Duft, die Zuckerblasen, die selbst gemachten Bonbons hatten es ihm angetan. Er versuchte es zu Hause gleich noch einmal und spielte mit Geschmack, Form und Farbe – seine Begeisterung wuchs immer mehr. Im Deutschen Museum schmökerte er in Büchern über die traditionelle Bonbon-Herstellung, die heute in Vergessenheit geraten ist.



Valentin und seine Bonbons aus Eigenproduktion: grüne Nordmänner in Tannenform mit Kräutergeschmack und rote Glühmützchen mit Glühweinaroma.
Foto: Vroni Dräxler


Bald verkaufte er einzelne Bonbons an Nachbarn, Parteien im Wahlkampf und Handwerksläden. Bei größeren Aufträgen rekrutierte er seine Freunde und alle halfen mit, solange sie Lust hatten.


Startkapital geliehen


Als 15-Jähriger wollte Valentin ein richtiger Kaufmann werden – doch das war nicht so leicht. Erst musste er die Behörden davon überzeugen, dass er schon geschäftsfähig ist. Das nötige Geld für seine eigene Firma, die Sweet-Company, borgten ihm Großeltern und Eltern, mit der Warnung: „Pass auf, dass es dir nicht über den Kopf wächst.“
„Ich habe anfangs viel Schmarrn gemacht und viel Geld in den Sand gesetzt“, gesteht Valentin. Als er sich zum Beispiel eine Maschine anschafft, die die Bonbons verpacken soll, vertut er sich im Modell und kauft ein Gerät, das nur für Kekse geeignet ist. „Sicher gab es krasse Momente, in denen ich die Bonbons nur an die Wand schmeißen wollte. Aber ich bin gut im Dranbleiben und lasse mich nicht so schnell unterkriegen“, sagt Valentin über sich. Sich nicht entmutigen lassen – das ist wichtig für einen jungen Unternehmer: Viele Geschäftspartner nehmen den jungen Händler erst nicht ernst. Auf seiner ersten Süßwarenmesse hört er: „Wo ist denn dein Vater?“ Auf einer Reise zu einem Maschinenbauer in Tschechien wird er für den Praktikanten gehalten.
Vor einem Jahr hat der 19-Jährige den begehrtesten Süßwarenpreis für junge Talente in Deutschland gewonnen, gestiftet von Haribo. Das Preisgeld: 10000 Euro.


Diese Auszeichnung ist mit ein Grund, warum sich Valentin mittlerweile in der Branche etabliert hat – die Kollegen haben sich an den Jungen mit der Zahnspange gewöhnt, der sich durchsetzen kann, erfinderisch und selbstbewusst ist. Neben Werbegeschenken entwickelt er eigene Bonbon-Kollektionen – sein Werbespruch: „Lutsch dich glücklich.“ Zwei Festangestellte arbeiten mittlerweile in seiner Fabrik – „für meine Mitarbeiter und ihre Kinder bin ich verantwortlich“, sagt Valentin. Er klingt professioneller und erwachsener als viele in seinem Alter.


Seit das Fernsehmagazin Galileo über ihn berichtet hat, passiert es ihm manchmal, dass Freunde von Freunden seinen Namen kennen, das macht ihn stolz. Als ein älterer Herr an seinem Stand im Münchner Kaufhaus Oberpollinger vorbeikommt, preist er geschäftstüchtig seine Produkte: „Mit zwölf Jahren habe ich angefangen, Bonbons nach alter Handwerkstradition über dem Feuer zu kochen.“ Der Herr kauft gleich zwei Schachteln. Es ist immer die gleiche Leier, aber bei den Kunden kommt es an. Offen geht Valentin auf die Menschen zu.


Jugend forscht


So gut ihm Bonbons schmecken – bis er sechzig ist, will er nicht unbedingt Süßigkeiten produzieren. Seit Oktober studiert er Chemie an der TU München, dort mischt er statt Zucker und Sahne Salzsäure und Natronlauge. Für Chemie begeisterte er sich bereits als 14-Jähriger: Er entwickelte ein „Chamäleon-Bonbon“, das seine Farbe ändert, wenn man es in saure Flüssigkeit taucht. Der Trick dahinter: Blaukraut. Ob das so gut schmeckt? Die Juroren von „Jugend forscht“ überzeugte die Idee jedenfalls.
Valentins Doppelleben als Vollverdiener und Student ist hart. Zeit für die Wasserwacht, wo er sich früher engagierte, bleibt ihm nicht mehr. Um sieben Uhr steht er auf, beginnt den Tag im Büro. Dann fährt er in die Uni nach Garching, experimentiert im Labor und hört sich Vorlesungen an. „Häufig blinkt mein Handy auf dem Tisch.“ Oft läuft er aus dem Hörsaal und verhandelt lautstark mit Kunden. Und die Wochenenden verbringt er häufig auf Messen oder Promotiontour – in Hamburg, Leipzig, oder Wien. Er lebt von Bonbons und er lebt gut davon. Den ersten Prüfungen schaut er mit Bangen entgegen, vor der Klausurenphase will er „wenigstens an zwei Tagen sein Handy ausschalten“. Sagt er.


Weitere Informationen unter www.lutschdichgluecklich.de.

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