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Liebe braucht ihre Zeit

von Anita Edenhofner

Jahr: 2010, Woche: 18

Was gut für uns ist – das wissen alle anderen besser. Was wir tun sollen? Auch hier halten sich Eltern, Lehrer, Freunde selten zurück. Was passieren würde, wenn wir alles wirklich ernst nähmen? Die Folgen zeigt diese Kolumne. Heute: „Du musst das mit Liebe machen!“

Am liebsten würde ich all diese Servietten ausbreiten, mich darauf betten und schlafen. Aber Oma hat anderes vor. Falten soll ich die Servietten und mit dem Besteck auf den Tisch legen. Die Familie möchte sich schließlich den Mund abwischen nach dem Geburtstagsessen. Seufzend reiße ich die Verpackung auf und lasse eine Serviette nach der anderen neben den Teller fallen. Oma sammelt sie alle wieder ein. „Du musst das mit Liebe machen!“, schimpft sie mich.


Also schön, an ihrem Geburtstag möchte ich sie nicht verärgern. Milde lächelnd nehme ich ihr den Berg aus der Hand und platziere ihn auf der Tischdecke, stelle Blumen daneben. Dann hebe ich die erste hoch, streiche ihr zärtlich die Knitterfältchen raus. „Na, meine Kleine?“, flüstere ich und falte sie sorgfältig. Die große Küchenschere hilft mir, das lieblose Stück Stoff in ein Kunstwerk in Herzform zu verwandeln. Noch schnell ein hübsches Glitzersternchen daraufgeklebt und mit einem Abschiedsküsschen auf den Tisch gelegt. Gabel und Messer werden umsichtig daneben platziert. Nicht, dass meine geliebte Serviette noch Schnittverletzungen abbekommt. Soll ich sie paarweise anordnen? Dann sind sie nicht so einsam. Und zur Liebe gehören schließlich meistens zwei.


Oma hatte Recht, mit Liebe wird der Tisch viel schöner. Nach zehn Minuten ist der zweite Platz mit Serviette, Besteck und Liebe verziert und ich bin mächtig stolz auf mich. Es klingelt an der Tür. „Bist du fertig? Die Gäste sind da“, ruft Oma aus dem Flur. „Moment noch!“, schreie ich und drücke dem nächsten Serviettenherz einen Kuss auf die Backe. Liebe braucht eben ihre Zeit.

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