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Keine Zeit für schnelle Nummern

von Lisi Wasmer

Jahr: 2012, Woche: 17

Mal ehrlich: Jeder junge Mensch ist auf der Suche. Nach Liebe. Nach einem Lebensabschnittsgefährten. Vielleicht nach einer Affäre. Das Problem: Sobald sich das Leben um mehr als nur eine Person dreht, wird es verzwickt – eine Kolumne über die Tücken der Partnersuche.

Wenn Zeit Geld ist, dann ist Hannah arm wie eine obdachlose Kirchenmaus. Zwei Studiengänge, drei Sportarten, ein Sprachkurs und zweieinhalb Studentenjobs. Das kostet. Viel Zeit. Wer sich mit Hannah gemütlich auf einen Kaffee treffen will, muss zwei Wochen vorher einen Termin ausmachen. Dann gibt es Espresso, der ist schneller da, schneller getrunken – tadaa: Kaffeepause beendet. Vielleicht sei das auch der Grund dafür, dass sie immer noch keinen Mann gefunden habe, überlegt sie jetzt laut. Gut möglich, finde ich und empfehle ihr Speed-Dating. Das ist immerhin ein bisschen wie Espresso: Viele Kandidaten sind schnell da, werden schnell begutachtet – tadaa: Männerpause beendet. Hannah trägt sich den Termin im Kalender ein.

Drei Wochen später ist die Seite mit dem Speed-Dating-Tag aus ihrem Kalender gerissen. Reine Zeitverschwendung war das, schimpft sie. Und gerade davon hat sie doch so wenig. Ich versuche so zu tun, als ist es nicht meine Idee gewesen und lasse mir berichten. Das Konzept sei eigentlich gar nicht schlecht, erklärt Hannah. Fünf Männer, fünf Frauen, jedes potentielle Paar bekommt fünf Minuten miteinander. Wirklich, wie Espresso.

Voller Euphorie setzt sie sich also an einen Tisch, der erste Kandidat gesellt sich dazu. Es werden die längsten fünf Minuten in Hannahs Leben. Kandidat Nummer eins heißt Kevin, kommt aus Zwickau und steht auf Blonde mit großen Möpsen. Sie solle es ihm bitte nicht übel nehmen, aber er könne sich kaum vorstellen, mit ihr sein Steckenpferd voranzutreiben: Amateur-Sexfilmchen. Schade, sagt Hannah. Echt schade. Im Geheimen wiederholt sie Italienisch-Vokabeln. Während Kandidat zwei und drei macht sie sich im Kopf eine To-do-Liste für die kommende Woche. Der eine ist zu alt, der andere zu öko. Gerade will sie das Speed Dating abbrechen und wieder sinnvolle Dinge tun, da kommt Patrick an ihren Tisch. Er ist Kandidat vier. Und er ist perfekt. Patrick studiert und baut sich nebenbei eine eigene Firma auf. Er treibt Sport, spricht drei Fremdsprachen und trinkt am liebsten Espresso. Hannah ist hin und weg. Da tut auch das letzte Gespräch mit Kandidat fünf nicht mehr so weh: Ein Ex-Freund von Hannah, der sich die gesamte Redezeit über beschwert, dass Hannah nie Zeit für ihn gehabt hätte. Am Ende möchte sie Patrick ihre Nummer geben. Aber der lehnt dankend ab. Er fände sie zwar wirklich sehr sympathisch, aber für eine Beziehung fehle ihm momentan wohl doch leider die Zeit.

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