
Stadt-Land-Rock - das Festival
von Nina Himmer & Greta Gilles
Jahr : 2010, Woche : 29
„Alles wird gut.“ Und das sagt, nein singt, ausgerechnet jene Band, die ihre Texte als „beklemmend“ und sich selbst als „schwermütig“ bezeichnet: Die Reste von Gestern. Recht aber haben sie: Alles ist gut geworden. Denn trotz Sturm, Regen und akuter Schnupfenfurcht ist am Sonntagabend ein atmosphärisches und erfolgreiches Stadt-Land-Rock-Festival ausgeklungen.
Zwölf Bands sind an vier Abenden auf der Bühne der Tollwood-Tanzbar gestanden und haben um die Gunst des Publikums gebuhlt - immerhin rund „400 bis 500 Menschen pro Abend“, wie Moderator und SZ-Redakteur Michael Bremmer schätzt. Die Tollwood-Veranstalter sprechen sogar von „bis zu 1000“, denn schließlich herrscht im Zelt ein ständiges Kommen und Gehen. Wie viele genau es am Ende auch gewesen sein mögen: Das Zelt ist an allen Abenden voll. Mit Menschen, Musik und Begeisterung.

Eindrücke und Fotos vom ersten Abend
Ziel der Veranstaltung ist die Förderung der jungen Münchner Musikszene - und in der Vergangenheit hat das gut geklappt. Schon so manche Band, die einen Auftritt auf der SZ-Bühne ergattern konnte, hat anschließend von sich Reden gemacht. Fertig,Los! beispielsweise, die mittlerweile bei Sony BMG unter Vertrag stehen. Oder Sharyhan Osman, die bei Stefan Raabs Starsuche für Oslo den fünften Platz erreichte. Und auch die siebte Auflage des Stadt-Land-Rock gibt Grund zu der Annahme, dass man von der einen oder anderen Band noch viel hören wird.

Eindrücke und Fotos vom zweiten Abend
Vielleicht von Tonwertkorrektur, die mit Schlagzeug, Keyboard und Bass irgendwo zwischen originell und experimentell so viel musikalische Energie versprühen, dass es locker für einen ganzen Abend reichen würde. Oder von El Rancho, dem Gitarren-Duo, das mit „Strangelands“ gerade sein erstes Album aufgenommen und dem Metal entsagt hat. Denn obwohl Luca und Patty noch immer gerne Brachiales hören, haben sie doch Melodik und Harmonie für sich entdeckt. Roh und ungeschliffen klingen die meisten ihrer Akustiksongs noch immer - von Metalgeschrammel jedoch keine Spur mehr. Da zieht sogar die Pogo-Fraktion ganz gesittet Stühle heran, um den Liedern über „Taco-Typen und Road-Trips“ zu lauschen. „Räumt ihr die auch wieder weg?“, fragt Moderator Michael Bremmer anschließend etwas bange in die Runde. Tun sie, na klar.

Eindrücke und Fotos vom dritten Abend
Zumal es bei der Nachfolgeband The Coxx so viel zu sehen gibt, dass es wohl ohnehin niemanden auf den Plätzen halten würde. Die Mädchenband legt sich mächtig ins Zeug und fährt beim Kampf um die Gunst der Zuhörer harte Geschütze auf. Schrill oder spärlich bekleidet, mir leuchtend-bunten Perücken und ausgefallenen Requisiten zelebrieren sie eine Rockshow, bei der das Auftreten leider mitunter hinter dem Auftritt zurückbleibt – so schüchtern kann eine Rockerin sein. Lag wohl am entzündeten Kehlkopf von Sängerin Marlena. Immerhin sorgen die hüpfenden Hintern für Gesprächsstoff: Während die Frauen erwartungsgemäß skeptisch reagieren, freuen sich die Männer.

Eindrücke und Fotos vom vierten Abend
Regelrecht in die Knie gehen lässt die HipHop-Formation Flüsterton ihr Publikum - allerdings nur, um es anschließend umso ausgelassener hüpfen und springen zu lassen. Die Band rückt gleich mit vier MCs an, um ihre sozialkritischen Texte in die Welt zu rappen und an das Gewissen der Menschheit zu appellieren. So ernst geht es bei den Talking Pets nicht zu. Die Jungs bringen das durchnässte Publikum zuverlässig zum Mitwippen und heizen besonders den weiblichen Fans direkt vor der Bühne ordentlich ein. Gegen Ende ihres Auftritts unterstreichen die smarten Boys im Britpop-Look einmal mehr ihre Ohrwurm-Qualitäten und wagen einen kleinen Ausflug mit der Akustik-Gitarre - da überrascht es nicht weiter, dass die Band alle Songs von Death Cab for Cutie auf dem iPod hat. Die Groupies jedenfalls können nicht genug bekommen und forderen vergeblich „Zu-gabe, Zu-gabe!“
Die gibt es dafür von der nächsten Band - Goldline. Goldig ist vor allem Sängerin Miriam Ledig samt grellpinkfarbenen Tutu. Der Synthie-Sound klingt wenig eingängig, dafür melancholisch-elektronisch. Tanzmusik für späte Nächte, bei der der Gesang und die Sängerin akustisch wie optisch im Vordergrund stehen, insbesondere wenn Miriam durch den Hörer eines schwarzen Retro-Telefons synthetische Sounds produziert.
Bewusst künstlich klingen auch Tom, Dick and Harry, die nach den Jungrockern von Marvpaul für ihren Auftritt erst mal einen giftgrünen Teppich auf der Bühne entrollen – man mag es beim Rocken schließlich gemütlich haben. Barfuß und bestens gelaunt trällert Sängerin Julia zu synthetischen Rhythmen, die das Publikum mitunter mitten in ein Computerspiel versetzen. Super Mario gehört zwar nicht wirklich zur Band, ist aber irgendwie trotzdem stets mit dabei…
Deutlicher organischer hören sich da die Like Loonies und Hello Gravity an, deren Sänger fleißig mit dem Schlagzeuger um die Wette trommelt. Heraus kommt atmosphärischer Indie-Pop mit romantischen Texten, die zum Beispiel von „Carlotta“ erzählen, ohne die Hello Gravity wohl noch immer in Venedig herumirren würde. Das wäre nicht nur für das Stadt-Land-Rock-Festival, sondern auch für die Münchner Musikszene schade gewesen.
Apropos Musikszene: Wie es sein könne, dass so eine tolle Sängerin noch nicht bekannter sei, will eine Frau aus dem Publikum wissen. Ein schönes Kompliment für Hanna Plass alias Ginger Redcliff, die mit ihrem eigenartigen Mix aus Klassik, Elektro und Pop musikalisch heraussticht, allerdings vor allem durch ihren Übermut im Gedächtnis bleiben wird. Der ist nämlich buchstäblich ins Auge gegangen, als die Sängerin im Eifer des Gefechts einen Drumstick ins Publikum geworfen hat…
Den gelungenen Schlusspunkt des Festivals setzen am Sonntag Reste von Gestern, die mit klugen, deutschen Texten auffallen und sich freuen, dass sich alle über ihren Namen wundern. Und als sie endlich „Alles wird gut“ singen, da . . ., ja da ist wirklich alles gut.
Fotos: Sebastian Gabriel
Magst du mitschreiben?

