„Wir scheren uns nicht um Tabus“

von Katja Görg (Jahrgang 1986)

Jahr : 2010, Woche : 30

Corinna Engel und Christian Kaiser arbeiten an einem Fotoband mit dem Titel „Heroin Kids“ – jetzt haben sie Ärger mit der Medienaufsicht. „Schönheit und Freiheit zeigen sich gerade in intensiven Momenten des Lebens“, sagt Christian. Für ihn sind die Fotos aus der Serie „Heroin Kids“ Kunst, die Medienaufsicht stuft das Ganze als jugendgefährdend ein.

Die Mädchen sind umgeben von Spritzen und rauchen Joints, haben zerzauste Haare und blutunterlaufene Augen. Manche von ihnen sind an den Armen geritzt, manche halbnackt. Die Fotografin Corinna Engel, 23, und ihr vier Jahre älterer Freund Christian Kaiser inszenieren für einen Bildband eine außer Kontrolle geratene Party: Die Models stehen vor bunten, mit Wasserfarbe bemalten Wänden oder liegen auf versifften Matratzen, neben ihnen stehen überquellende Aschenbecher herum, zahllose Bierflaschen oder Bongs, selbst gebaute Wasserpfeifen. Für die beiden Fotografen ist das Kunst. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hingegen spricht von „entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten“. Bald sehen sich beide Seiten vor Gericht.

Die beiden jungen Fotografen aus Kirchseeon arbeiten seit zwei Jahren am Projekt ,,Heroin Kids‘‘. Dabei schminken sie professionelle Models, als wären diese auf ihrem ersten Herointrip. Zudem sollen, so behaupten zumindest die beiden Künstler, auch Drogenabhängige Modell gestanden haben.

Kunst, keine Provokation! Das sagen zumindest die Fotografen Christian Kaiser und Corinna Engel. Fotos: Christian Kaiser & Corinna Engel

„Alles muss möglichst verwahrlost, aber trotzdem stilvoll wirken“, sagt Christian. Die Models haben entweder dreckige und zerrissene Klamotten oder gar nichts an, die Augen wurden ihnen dunkel geschminkt. Corinna und Christian achten auf jedes Detail: Für ein besonders verlottertes Aussehen kratzen sie sogar den Nagellack an den Fingernägeln der Mädchen ab. Aber auch auf Klischees verzichten die beiden nicht. Auf einen Heizkörper ist etwa ein buntes Peace-Zeichen gemalt, auf einer Wand steht in großen Buchstaben ,,Sex‘‘.

Dass Christian und Corinna Jugendliche beim vorgetäuschten Heroinkonsum ablichten und sie anschließend als ,,Taiwan Cocaine Sex Babe‘‘ oder ,,Baby Prostitute‘‘ betiteln, scheint gerade mit Blick auf ihr Studienfach ein wenig unpassend zu sein: Das Pärchen studiert auf Lehramt, ihre Fächer: Religion und Deutsch. Aber die beiden nennen sich „Künstler und nicht Pädagogen“ – denn Kunst ist ihre große Leidenschaft. Seit Jahren fotografieren und filmen sie in ihrer Freizeit, denken sich immer wieder neue Motive und Projekte aus.

„Wir reisen gerne, sind viel in Großstädten unterwegs. In Amsterdam haben wir einmal ein Mädchen aus der Drogenszene kennengelernt, das zwar total abgestürzt war, aber auch Schönheit und Freiheit ausstrahlte. Das inspirierte uns zum Projekt Heroin Kids“, sagt Christian.

Die inszenierten Heroin Kids sind wie das drogenabhängige Mädchen aus Amsterdam: Einerseits schrecken die Fotos heruntergekommener Teenager ab. Und doch strahlen die meisten abgebildeten Frauen Schönheit aus, etwa weil sie ein Puppengesicht haben, einen kurvigen Körper – oder große Augen.

Kritiker gibt es dafür zuhauf. Wenn Christian versucht, die Motivation hinter diesen Bildern zu erklären, spricht er langsam, wählt seine Worte mit Bedacht: „Wir zeigen einerseits, wie Menschen zu Spielfiguren werden: zu Sexpuppen, fremdbestimmt durch Drogen“, sagt er, macht eine kurze Pause und fährt fort: „Aber es geht auch darum, Menschen zu zeigen, die nicht innerhalb der Gesellschaft leben. Wenn Leute an Junkies vorbeigehen, denken sie sich: wie hässlich. Oder sie haben Mitleid mit ihnen. Aber auch sie sind auf ihre Weise schön.“

Mit der Meinung, dass sich Drogenkonsum und Schönheit vereinen lassen, sind Corinna und Christian in der Minderheit. Als sie die Fotos auf ihre Internetseite stellten, erhielten sie von vielen Usern Drohungen und wurden beschimpft: Die Bilder seien gewalttätig, niveaulos, billig und pornografisch, so die häufig genannten Vorwürfe. „Immer wieder hieß es, wir würden Drogen verherrlichen“, sagt Corinna. Ihre dunkelbraunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ihre Augen hat die 23-Jährige hinter einer überdimensioniert wirkenden Sonnenbrille versteckt. Bei der etwas blassen Gesichtshaut blitzt ihr Unterlippen-Piercing umso mehr hervor. „Das mit der Drogenverherrlichung ist Quatsch“, sagt sie sehr nachdrücklich.

Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) sieht das anders: Sie wirft den beiden vor, auf ihrer Internetseite „entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte“ öffentlich zu machen, die „sozial ethisch desorientierend“ seien. Auf Christians und Corinnas Homepage stieß die BLM durch den Hinweis eines Internetnutzers, anschließend prüfte die BLM den Inhalt der Seite. „Bei der Prüfgruppe und dem Prüfausschuss der Kommission für Jugendmedienschutz ist dieser Fall sehr eindeutig beurteilt worden“, sagt Verena Weigand, Jugendschutzreferentin der BLM. Christian und Corinna drohen strafrechtliche Konsequenzen, sollten sie ihre Arbeiten weiterhin für Jugendliche unter 18 Jahren zugänglich machen. Denn: „Der künstlerische Anspruch der Fotos wird durchaus gesehen, aber Kinder und Jugendliche können die Fotos nicht einordnen, sie wirken auf sie schockierend“, sagt Weigand.

Darüber hinaus verlangt die BLM von Christian und Corinna 5000 Euro Bußgeld. Die beiden legten dagegen Einspruch ein. Zahlen wollen sie nicht, weswegen es wohl zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird. Fotos und Videos haben sie dennoch von ihrer Internetseite genommen – dieser Unterlassungsklage sind Christian und Corinna zuvorgekommen, da sonst noch einmal zusätzliche Kosten auf die beiden zukommen würden. Das Vorgehen der BLM macht die beiden Fotografen wütend: „Das ist Wahnsinn. Wir sind Studenten und 5000 Euro sind für uns sehr viel Geld“, sagt Corinna, „dazu kommt, dass das Internet eine wichtige Präsentationsplattform für uns ist, die jetzt einfach wegfallen soll.“ Viele andere Seiten, auf denen ebenfalls Heroin-Chic abgebildet wird, existierten dagegen weiterhin im Netz. Verena Weigand von der BLM sagt dazu: „Wir können nicht das ganze Internet kontrollieren und durchsuchen. Wenn wir eine Beschwerde wie im Fall von Heroin Kids bekommen, sind wir aber verpflichtet, diese zu prüfen.“

Ob positiv oder negativ: Die Fotos erregten Aufsehen – auch beim alternativen Index Verlag, der sich selbst als „der Konformisten schlimmster Albtraum“ beschreibt. Der Verlag möchte das Projekt Heroin Kids voraussichtlich diesen Sommer in Form eines Bildbandes und einer DVD veröffentlichen.

Deswegen lassen Christian und Corinna trotz der Verwarnung der BLM nicht von ihrem Projekt ab. Selbstsicher sagt Christian: „Kunst musste sich schon immer Vorwürfen aussetzen, dass sie Jugendliche schlecht beeinflusst. Sie hat aber nicht den Auftrag, moralisch zu sein. Wir scheren uns nicht um Tabus.“

Handelt es sich bei den Bildern also nur um reine Provokation? Oder wollen die Künstler damit mehr sagen, Menschen aufrütteln oder Missstände anprangern? „Wenn es uns darum ginge, zu provozieren, könnten wir ein Model mit Spritze vor eine weiße Wand stellen – tun wir aber nicht“, sagt Christian. Stattdessen feilen die beiden an einer aufwendigen Kulisse voller Details, die genau wie die Models möglichst ästhetisch wirken soll. Denn: „Schönheit und Freiheit zeigen sich gerade in intensiven Momenten des Lebens. Und dazu gehört auch der Moment des völligen Absturzes“, sagt Christian. Indem sie Schönheit und Freiheit in Verbindung mit Drogenabhängigen setzen, rütteln die beiden am oft festgefahrenen Bild vieler Menschen davon, was schön ist und was nicht.

Drogenkonsum anzuprangern oder Drogensüchtige vorzuführen, liegt ihnen dagegen fern. „Klar würde man in manchen Momenten am liebsten schreien und sagen: ‚Hör auf damit!’“, sagt Christian, holt tief Luft und blickt für einen kurzen Moment nachdenklich an die Decke. Dann fügt er schnell hinzu: „Aber Mitleid bringt den Menschen auch nichts. Gerade das macht sie klein und verbirgt ihre Schönheit.“

Magst du mitschreiben?