
Eine Braut und drei Hammel
von Jovana Reisinger (Jahrgang 1989)
Jahr : 2010, Woche : 30
Ihr beiden heiratet. Aber nicht hier in München, sondern in Slobodka, das ist in Russland.
Asja: Das ist mein Geburtsort, ein kleines Dorf mit 200 Einwohnern, viele davon kommen auch zur Hochzeit.

Das Glück fürs Leben haben Richard und Asja gefunden. Im August heiraten sie. In Russland. Nach alten Riten. Dafür muss Richard ein Pferd und drei Hammel kaufen. Foto: Sebastian Linder
Slobodka ist ein besonderes Dorf, die Bevölkerung ist vorwiegend kasachisch, dennoch liegt es mitten in Russland. Da prallen verschiedene Riten aufeinander und verschiedene Glaubensrichtungen. Die russische, nachsowjetische Kultur und die vom Islam geprägte kasachische, wie verbindet ihr das?
Asja: Da dieses Dorf von beiden Kulturen geprägt wird, haben sich neue Traditionen entwickelt, in die etwas aus beiden Hintergründen eingeflossen ist.
Richard: Keiner von uns muss konvertieren. Der Trauungsteil wird von muslimischen Gebeten geprägt sein, aber die Feierlichkeiten sind auch russisch. Asja: Meine Familie ist zwar muslimisch, aber ich wurde nicht so erzogen, da der Glaube in der Sowjetzeit keine große Rolle gespielt hat. Aber wenn wir in Slobodka sind, dürfen wir vor unserer Hochzeit nicht im gleichen Haus schlafen. Das ist Tradition.
Und Richard muss dich erst noch kaufen?
Asja: Wir kommen dort an und meine ganzen Verwandten, meine Cousinen und Schwestern, organisieren das. Richard muss verschiedene Aufgaben erfüllen, eine Art Schnitzeljagd. Und die Aufgaben werden mit dem Verwandtschaftsgrad immer schwieriger. Kann er die Aufgaben nicht erfüllen, muss er Geld oder Süßigkeiten bezahlen – der letzte Grad ist die Trauzeugin.
Richard, was passiert, wenn sie dich Asja vielleicht doch nicht kaufen lassen?
Richard: Ich glaube, ich schaffe das, sonst muss ich halt mehr Geld oder Schokolade mitnehmen. Eigentlich ist das Ganze ja ein Spiel, so dass sich immer eine Lösung finden lässt.
Und was musstest du im Vorfeld tun?
Richard: Wir mussten uns Gedanken über Hammel und Pferde machen. Das heißt, einen haben wir schon, ein Freund hat ihn uns zur Hochzeit geschenkt. Am zweiten Tag – das Fest dauert drei Tage – gibt es Hammel.
Asja: In dem Dorf hat fast jeder einen Hof, meine Eltern haben auch schon Enten und Hühner aufgezogen. Alle wissen ja bereits, dass wir heiraten, und so haben viele den schönsten Hammel aufgehoben. Und am zweiten Tag suchen wir uns dann noch zwei aus. Die werden dann bei einem Hammelschlachten für alle zubereitet.
Und das Pferd?
Richard: Der Brautpreis beträgt nach kasachischem Brauch ein Pferd. Ich werde es allerdings nur bezahlen, aussuchen dürfen es Asjas Eltern.
Asja: Das Pferd brauchen sie als Nahrung im Winter, wenn wir Kasachen traditionell Pferdefleisch essen.
Richard: Es ist einfach die Möglichkeit, mich als Bräutigam an den Kosten für die Hochzeit zu beteiligen.
Es wird ein großes Fest, kommen denn auch Freunde von zu Hause mit?
Richard: Ja, ungefähr 20, wir kommen mit dem Zug nach. Und meine Mutter kommt natürlich auch.
Asja: Ich werde dann schon dort sein und mich um die Feier kümmern. Und um meine vielen Verwandten. Aus dem ganzen Land kommen sie, tagelange Reisen entfernt, die müssen auch irgendwo untergebracht werden. Bei uns ist das tatsächlich so, dass wir alle Hunderte Kilometer auseinander leben, und dann gibt es einfach nur zwei Gelegenheiten, uns zu sehen: Hochzeiten und Beerdigungen. Eine Hochzeit ist halt der schönere Anlass.
Und die Reaktionen der Eltern?
Richard: Also meine Eltern haben Asja ins Herz geschlossen. Mein Vater ist leider verstorben, aber den Segen habe ich noch bekommen. Und meine Mutter freut sich sehr. Auch auf die Hochzeit in Slobodka.
Asja: Meine Eltern mögen Richard, er kann ja auch russisch und so konnten sie sich unterhalten, das hat es schon vereinfacht.
Richard: Und nach dieser russischen Hochzeit wollen wir irgendwann noch eine richtig bayerische...
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