
„Es wird ungut enden“
von Nina Himmer (Jahrgang 1987)
Jahr : 2010, Woche : 29
Wann hast du dir das letzte Mal etwas zum Anziehen im Laden gekauft?
Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung.
Du bist also kein Fashion-Victim, obwohl sich dein Leben um Mode dreht?
Überhaupt nicht. Klamotten interessieren mich eigentlich gar nicht so sehr.
Das sagt ausgerechnet ein angehender Modedesigner.
Mein Interesse gilt vielmehr dem Gesamtzusammenhang. Wieso gibt es Mode? Wie verändert sie sich? Was beeinflusst sie? Außerdem reizt mich natürlich der gestalterische Aspekt. Mode ist ja irgendwie Kunst am menschlichen Körper.
Eine Kunst, die du offenbar gut beherrschst – für deine Abschlusskollektion an der Uni hast du einen Preis für die „beste visionäre Aussage“ bekommen. Was bedeutet das? Und was hat es mit dem Preis auf sich?
Der Preis kommt von der TMS Fashion Group, die unter anderem für Esprit, Strenesse und Closed produziert. Im Grunde habe ich ihn dafür bekommen, dass ich Trends vorhergesehen habe. Transparente Stoffe, mehrlagige Schattierungen und historische Silhouetten zum Beispiel. Also ganz ähnlich wie Alexander McQueens letzte Kollektion – nur, dass ich beim Entwurf meiner Abschlusskollektion noch nichts von diesen Trends wusste.
Alexander McQueen war einer der ganz großen der Modebranche, bevor er sich im vergangenen Februar das Leben nahm. Ist er dein modisches Vorbild?
Er ist auf jeden Fall ein Vorbild – allerdings zusammen mit vielen anderen Designern. Ich bewundere zum Beispiel auch Ricardo Tisci oder Haider Ackermann. Grundsätzlich beobachtet man immer, was die anderen machen. Das ist wichtig.

Modedesigner Wolfgang Jarnach.
München gilt ja nicht gerade als Mode-Metropole, sondern eher als brav und ein wenig bieder. Wie empfindest du das?
Ja, da sind ja immer alle am Jammern. Berlin sei besser und so, völlig zu Unrecht! Es gibt viele kreative Leute in München, die Stadt ist total unterschätzt. In Berlin, London oder New York gibt es so viele Designer, dass die Szene regelrecht übersättigt ist. In München hingegen kann man noch wahrgenommen werden – nur kapiert das irgendwie keiner. Außerdem ist München einfach eine tolle Stadt mit Ambiente und Flair.
Trotzdem zieht es dich weg aus der Stadt.
Das stimmt. Ich habe meine Abschlusskollektion auf der Graduate-Fashion-Week in London präsentiert und daraufhin Einladungen von mehreren Colleges dort bekommen. Eine Chance, die ich wohl wahrnehmen werde. Im September geht es los. Aber München werde ich echt vermissen.
Bevor du gehst, steht noch deine Pop-up-Store-Aktion an. Von Samstag, 24. Juli, bis Samstag, 14. August verkaufst du deine Klamotten in der Preysing-Palais-Passage. Wie kam es dazu?
Ich habe ein furchtbares Problem mit Langeweile. Als ich im Februar mein Studium abgeschlossen habe, wusste ich, dass bis zum Herbst erst mal nicht viel los sein wird – also habe ich mich entschieden, meine erste temporäre Boutique aufzumachen. Finanziell wird das vermutlich ungut für mich enden, aber dafür wird es spannend. Mit den Kunden in Kontakt zu kommen und ihre Reaktionen zu erleben, reizt mich. Und man lernt Dinge, die an der Uni zu kurz kommen: Organisation, Marketing und Papierkram zum Beispiel. Das Konzept der Pop-up-Stores, temporär Kleider zu verkaufen, möchte ich auch in London weiterverfolgen.
Alle Stücke, die man dort kaufen kann, sind handgemacht und in Deutschland produziert. Ist dir das wichtig?
Qualität zählt. Momentan bekomme ich die in Deutschland. Aber das hängt stark davon ab, was man macht. Spitze zum Beispiel bekommt man am besten in Frankreich, Seide in China – da will ich mich also nicht festlegen.
Die Textilbranche steht oft wegen katastrophaler Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern in der Kritik. Interessiert dich das als Designer?
Na klar. Ich habe mal ein Praktikum in einer Firma in China gemacht. Klar ist es krass, wenn da 600 Näherinnen in einer Halle sitzen – aber so schlimm, wie man es manchmal in den Medien sieht, habe ich das nicht erlebt. Die Leute dort wurden anständig bezahlt und neben Geld auch mit Lebensmitteln versorgt. Wobei das sicher nicht die Regel ist. Ich bin jedenfalls froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und werde das auch im Hinterkopf behalten.
Weitere Information unter www.wolfgangjarnach.com. Der Pop-up-Store ist von Samstag, 24. Juli, bis Samstag, 14. August, im Preysing-Palais geöffnet.
Fotos: Mathis Leicht
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