Rockstars ohne Band

von Nicolas Schwandt (Jahrgang 1988)

Jahr : 2010, Woche : 29

Endlich im Rampenlicht: In Fürstenfeldbruck haben sich junge Models und Fotografen zusammengeschlossen, um die Musikszene aufzumischen. Ihre Agentur nennen sie RockstarSession, sie posen für Merchandise-Fotos und treten in Musikvideos auf.

Piercings. Tattoos. Bunte Haare: Nicht unbedingt Dinge, die man automatisch mit Fotomodels verbindet. Die Modelagentur „Rockstar-Sessions“ aus Fürstenfeldbruck spielt trotzdem mit solch außergewöhnlichen Motiven – schließlich hat man sich spezialisiert: auf die Musikbranche. Ein Konzept, das erste Erfolge bringt: Zahlreiche Bands schmückten ihre Merchandise-Fotos bereits mit den Mädchen, und zuletzt konnte man zwei der Models in einem Musik-Video der Emil Bulls sehen.

Die weiblichen Models von „RockstarSessions“ präsentieren sich sexy und selbstbewusst in Musik-Videos, auf Fotos und bei Modenschauen. Dabei sind weniger Körper- und Körbchengröße wichtig – hier geht es um Persönlichkeit, Lifestyle. Und ein bisschen um Schauspielerei.

Die Promo-Fotos der Gruppe sind dabei so unterschiedlich wie die Namen der Models: Auf einem Bild sieht man „Olivia Psyches“ als punkiges Schulmädchen, auf dem nächsten verführen „Farfalla“ und „Deva“ als sexy Hip-Hop-Babes den Betrachter. Da das Ganze nicht jedem Arbeitgeber gefallen könnte, geben sich die Mädchen phantasievolle Pseudonyme, passend zum persönlichen Stil. Die Gründerin von Rockstar-Sessions modelt etwa selbst und nennt sich dann „Lucky Charm“. Für die 20-Jährige steht dieser Namen für Vielfalt, „wie bei den gleichnamigen bunten Cornflakes“. Mal sieht man das Model mit blonden Haaren sich lasziv am Strand räkeln, mal mit schwarzen Haaren, geschultertem Gewehr und verruchtem Blick.

Natürlich sind diese Posen auch Schauspielerei“, sagt eine 21-Jährige, die sich für die Agentur „Deva“ nennt. Sie ist 1,58 Meter groß und somit für normale Model-Agenturen zu klein. Sie kleidet sich privat eher im Hip-Hop-Style als rockig – aber wenn sie sich für ein Shooting in ein Gothic-Girl mit Korsett verwandeln muss, „ist diese Herausforderung schon sehr spannend“, sagt sie.

Dass nicht jedes Rockstar-Sessions-Mitglied privat Rock hört, wird so zur Nebensache: Das „Rockstar“ im Namen sei sowieso mehr ein Sinnbild dafür, dass man sein eigenes Ding mache, erklärt Organisatorin Nico, 20. „Unsere Models müssen auch nicht perfekt sein. Sie sollen etwas Besonderes sein.“

Angefangen hat alles vor sechs Jahren – „mit ganz normalen Selbstporträts“, sagt Lucky Charm. Sie präsentierte sich und ihre Fotos im Internet auf Modelseiten. Es folgten erste Laufsteg-Engagements. Und 2008 die Gründung einer kleinen Fotogruppe, „einfach zum Spaß“, wie sie sagt. Aus dieser entwickelte sich die heutige Agentur „Rockstar-Sessions“: mit sieben Models, zwei Fotografinnen und einer Organisatorin, die allesamt Ideen für die manchmal leicht düsteren Fotos beitragen.

Seitdem macht sich die Gruppe mit Merchandise-Fotos für Rock-Bands, Auftritte bei Modeschauen, aber auch bei Cage Fight-Veranstaltungen einen Namen. Zwar ist das Projekt für die Mädchen, die alle zur Schule gehen oder arbeiten, noch ein Hobby – aber das, betont Lucky Charm „so professionell wie möglich“: Ohne vertraglich vereinbarte Gage läuft nichts. Ausnahmen machen die Models nur, wenn eine Anfrage zwar kein Geld, aber Aufmerksamkeit verspricht – wie beim Video „When God was sleeping“ der Münchner Band Emil Bulls.

Darin sieht man zwei der Models, wie sie bei einer Party von einer Bar aus Alkohol in die Meute schütten, einzelnen direkt in den offenen Mund. Sie tanzen wild, flirten mit der Kamera. Dass diese Szenen relativ spontan entstanden sind, ahnt man nicht: Tatsächlich hatte der Gitarrist nur angefragt, ob ein paar der Mädchen Lust hätten, sich für Party-Szene unter die Menge zu mischen. „Um da dann aufzufallen, muss man schon etwas exhibitionistisch sein“, sagt Lucky Charm und lacht. Also tanzten sich die Mädels vor die Kamera, brachten in Dreh-Pausen ihre Ideen ein. Das Engagement kam gut an: Knapp 15 Mal sind sie im Video zu sehen, das auf YouTube fast 300<TH>000 Mal angeklickt wurde.

So fühlen sich die Mädels immer öfter selbst wie Rockstars, wenn sie mittlerweile beim Weggehen in München von Fans erkannt werden oder auf ihren Lokalisten-Profilen für ihre Fotos bewundernde Kommentare erhalten. Doch es gibt auch Kritik: Dass ihr Auftreten und die knappen Outfits zu sexy und luderhaft wären, müssen sich die Mädchen oft anhören. Aber viel Zeit, sich darüber zu ärgern, bleibt der Gruppe derzeit eh nicht: Neue Foto-Shootings für Band-Merchandise stehen an. Und ein Hamburger Rapper hat sie für einen Video-Dreh in die Hansestadt bestellt. Ihrer für manche provokanten Linie will die Gruppe dabei immer treu bleiben – wie Rockstars eben.

Weitere Informationen unter www.myspace.com/rockstarsessions

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