Widerspruch zwecklos

von Susanne Krause (Jahrgang 1988)

Jahr : 2010, Woche : 6

Was gut für uns ist – das wissen alle anderen besser. Was wir tun sollen? Auch hier halten sich Eltern, Lehrer, Freunde selten zurück. Was passieren würde, wenn wir alles wirklich ernst nähmen? Die Folgen zeigt diese Kolumne. Heute: „Aber du musst mir doch immer widersprechen.“

David ist besorgt. Seit dem Kindergarten hat man ihm eingebläut, dass er nicht basteln kann. Heute, 15 Jahre später, machen wir ein Fotoalbum für seine Eltern. Es ist wenig dabei, Bilder auf Karton zu kleben, aber Davids Basteltrauma sitzt tief. Seine Eltern finden das bestimmt scheußlich, jammert er zum dritten Mal. „Ja, ganz bestimmt“, seufze ich entnervt. „Aber du musst mir doch immer widersprechen“, empört sich mein Freund.

Nein, muss ich nicht! Ist zumindest meine erste Reaktion. Die habe ich allerdings schon längst vergessen, bis wir ins Bett gehen. „Schlaf schön, ich liebe dich“, sagt David, bevor er sich umdreht. „Pah“, mache ich und gähne. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“ Als wir am nächsten Tag zu unserem Besichtigungstermin für die geplante gemeinsame Wohnung aufbrechen, ist David gereizt. Ich habe ihn mit Gründen bombardiert, warum der Morgen nicht gut, das Frühstück nicht fertig und Zahnpflege unnötig ist. Auch auf der Straße nöhle ich weiter: „Nein, die Gegend ist nicht schön“, maule ich, als wir bei der angegebenen Adresse ankommen. David ist begeistert von den Altbauten und den vielen Straßencafés. Ich wende ein, dass der Gehsteig schmutzig sei und die Namen auf dem Klingelschild unsympathisch klingen. Mein Freund läutet trotzdem. „Nein, eigentlich wollen wir die Wohnung gar nicht sehen“, falle ich ihm ins Wort, als er den Makler begrüßt. David lacht gequält, um meine Aussage als blöden Witz hinzustellen, und lässt den Rest der Führung stumm über uns ergehen.

Reden muss er dann aber, als der Makler Fragen stellt. Ob wir ein regelmäßiges Einkommen haben, Nichtraucher sind und auch keine Räumungsklage hinter uns haben, will er wissen. David antwortet brav. Ich korrigiere ihn pflichtbewusst. „Wir rauchen Kette, verspielen einen Großteil unserer Sozialhilfe bei Sportwetten und werden von unseren letzten drei Vermietern strafrechtlich verfolgt“, sage ich. Draußen auf der Straße lege ich den Arm um Davids Schulter. „Mach’ dir nichts draus“, tröste ich ihn. „Ich habe doch gleich gesagt, dass die Wohnung nichts für uns ist.“

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