Last-Minute in die Stadt

von Anna Goudinoudis (Jahrgang 1988)

Jahr : 2010, Woche : 5

Was gut für uns ist – das wissen alle anderen besser. Was wir tun sollen? Auch hier halten sich Eltern, Lehrer, Freunde selten zurück. Was passieren würde, wenn wir alles wirklich ernst nähmen? Die Folgen zeigt diese Kolumne. Heute: „Sei doch mal ein bisschen spontaner!“

Am Telefon: eine Freundin. Sie fragt, ob ich jetzt gleich Lust und Zeit hätte, mit ihr in die Stadt zu gehen. Ein kleiner Einkaufsbummel. Anschließend Kaffeetrinken. Lust? Hätte ich ja schon. Aber Zeit? Ich erläutere ihr, was ich noch alles zu tun habe. Uni, Sport, Familie. Entnervt meint sie: „Sei doch mal ein bisschen spontaner!“

Warum eigentlich nicht? Warum ständig den Zwängen des Lebens folgen? Warum nicht einfach das tun, wozu ich im Moment Lust habe? Was ist schon Studium und Arbeit gegen die Freuden des Lebens? Kurz: Ich verabrede mich mit ihr in der Stadt. Als ich den Schal um den Hals wickle, bekomme ich eine SMS. Von einer Kommilitonin.

Ob ich Lust auf Bowlen hätte? Ja, sogar sehr. Ein beheiztes Bowlingcenter? Besser als der Stadtbummel in der nassen Kälte. Das Telefon klingelt schon wieder. Eine andere Freundin. Sie fragt, ob ich mit ihr ins Kino gehen möchte. Dazu habe ich noch mehr Lust. Warmer Kinosaal, ein Schnulzenfilm. Das gewinnt gegen die körperliche Betätigung beim Bowlen. Also doch ins Kino.
Herrlich, diese Spontaneität. Schnell bestelle ich im Internet die Kinokarten. Nur: Ein anderer Film läuft zeitgleich. Den wollte ich mir schon lange anschauen, französisches Beziehungsdrama. Schnell entscheide ich mich um. Meine Freundin wird sicher nichts gegen diesen Streifen haben, Originalversion ohne Untertitel. Da sehe ich eine Anzeige für eine Last-Minute-Reise. Auf die Malediven. Noch besser: Sonne und Meer anstatt beheizter Kinosaal. Ich buche die Reise. Sie ist für zwei Personen. Egal. Irgendwer wird schon spontan mitkommen. Ich hole meinen Koffer aus dem Keller und packe. Mein Handy klingelt wieder. Es ist die Freundin, mit der ich in die Stadt gehen wollte. Wo ich denn bliebe?

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