
Tiger ohne Zähne
von Susanne Krause (Jahrgang 1988)
Jahr : 2010, Woche : 5
Ich habe einen Tiger im Bett. Sein Bart kitzelt mich am Bauch. Seine Zunge fährt über meine Haut. Mein Freund sieht eifersüchtig von seiner Seite des Bettes zu. „Jetzt schau’ nicht so“, sage ich. „Ich mag euch ja beide.“ Ich fahre mit der Hand unter die Decke und streichle meine Katze, die sich gerade in der Kuhle zwischen meinem Bauch und den angewinkelten Beinen eingerollt hat. Ein verschnupftes Schnurren ertönt. „Pauline wird alt“, sage ich noch zu meinem Freund, bevor wir drei einschlafen.
Bis jetzt ist in meinem Leben niemand gealtert. Meine Großeltern waren schon immer alt. Meine Freunde waren für mich immer gleichaltrig. Und meine Lehrer erschienen mir in der fünften Klasse reif für die Rente – und waren es beim Abitur dann wirklich. Für mich hat sich dabei nie etwas verändert.
Aber Pauline ist plötzlich alt. Zähne hat sie keine mehr, manchmal hängt ihr die Zunge deshalb schräg aus dem Mund. Hin und wieder fällt sie vom Sofa, weil ihr Gleichgewichtssinn nicht mehr der beste ist. Die Zeiten, als die Tigerin auf dem Dachfirst balancierte, sind vorbei. Stattdessen schläft sie auf dem Sessel neben dem Kamin. Am liebsten schläft sie auf meinem Papa, der abends auch gern im Sessel neben dem Kamin schläft. Dann knackt das Feuer, Papa schnarcht und Pauline schnurrt auf seinem Bauch. Ich sehe ihnen vom Sofa aus zu und bemerke, dass mein Vater graue Haare bekommt.
Als ich mir auf die Oberschenkel klopfe, plumpst Pauline vom Sessel und kommt auf meinen Schoß gekrochen. Sie niest ein leises Katzenniesen und nickt dann ein. Ich sehe zu, wie ihre Pfoten im Traum zucken und überlege, wann sie zuletzt auf meinem Schoß geschlafen hat. Ich glaube, damals war sie ein getigertes Kätzchen, das in meine Kinderhand passte.
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