Die Schöne und das Steuerrecht

von Susanne Krause (Jahrgang 1988)

Jahr : 2010, Woche : 4

Sophie hat früh die Chance zu einem Traumjob: Modeln. Eine Ausbildung zur Bürokauffrau ist ihr wichtiger. Obwohl es nach der Ausbildung für eine Laufsteg-Karriere fast zu spät ist, hat sie Erfolg. Nun will sie für ein Kunststudium das Modeln aufgeben – und es mit der eigenen Agentur finanzieren.

Für ihren Job steckt Sophie schon mal den Kopf in eine Schublade. Wenn es sein muss, auch drei Stunden lang – ruft ihr dann jemand zu, dass man zu viel von ihrem Hals sieht, quetscht sie sich noch ein Stück weiter in den Küchenschrank. Das ist unbequem und irgendwie lächerlich. Das ist ein Traumjob: modeln.

Ihren ersten Job hatte Sophie mit 13. Beim Shoppen wurde sie angesprochen, Shooting für eine Mädchenzeitschrift – wie man sich das eben so vorstelle, sagt sie. „Ich war das Glamour Girl, bei so einem ,Welcher Typ bist du?’-Persönlichkeitstest“, erinnert sich die 23-Jährige aus Fürstenfeldbruck ein wenig verlegen.

Als Sophie im richtigen Alter ist, um mit dem Modeln anzufangen, macht sie ihren Schulabschluss und eine Ausbildung zur Bürokauffrau – Shootings hat sie in dieser Zeit nur wenige. Als sie merkt, dass sie keine Sekretärin bleiben möchte, ist es eigentlich zu spät für eine Laufsteg-Karriere. „Die meisten Mädchen fangen mit 16 an zu modeln“, sagt Sophie. Sie selbst macht erst noch ihr Abitur nach, bevor sie sich Zeit fürs Modeln nimmt – mit Erfolg. Mit 21 Jahren arbeitet sie nur mehr halbtags in der Firma ihres Vaters, um ein regelmäßiges Einkommen dazuzuverdienen. Der Rest des Tages gehört Test-Shootings, Werbefotos und Fernsehspots.

Sophie, die aus ihrem Auto steigt, scheint nicht die Frau auf ihren Fotos zu sein. „Auf einem Plakat würden mich die Leute nicht erkennen, wenn ich daneben stünde“, sagt sie – und das glaubt man ihr. Fernab von jeder Kamera trägt Sophie Traut eine gemusterte Strickjacke und eine Kastenbrille, ohne die sie ihren betagten Gebrauchtwagen nicht fahren dürfte. Wenn sie spricht, dann mit leiser, mädchenhafter Stimme. Als wolle sie eigentlich nicht auffallen. Im wahren Leben hat Sophie auch diese kleine Unebenheit auf dem Nasenrücken, die man auf keinem ihrer Fotos sieht.

Als Model ist sie anders: Selbstbewusst sinnlich, makellos. So war sie beispielsweise auf dem Cover einer kanadischen Schmuckzeitschrift zu sehen, in einem Shampoo-Spot und auf dem Plakat für die Internationale Handwerksmesse – auf letzterem zumindest halsabwärts. Gemäß dem Motto „Entdecken Sie Handwerk in allen Facetten“ sah sie sich das Innere einer Schublade genauer an. Das Shooting mit dem Kopf in dem Küchenschrank war zwar unbequem, aber lukrativ. Und etwas absurd geht es im Modelbusiness öfter mal zu: Bei einem Werbe-Shooting für Kaffeemaschinen bediente sie mehrere Stunden ein Gerät, das erst später digital eingefügt wurde; fFür die paar Zehntelsekunden, die man sie in einem Waschmittel-Spot sieht, verbrachte Sophie zehn Stunden am Set.

Schön vernünftig. Sophie Traut sieht nicht nur gut aus, sie weiß auch genau, was sie will: mehr als nur schön sein. Fotos: Tom Filary, Karl Holzhauser

„Aufträge bekommt man meist sehr kurzfristig, mit einem Job oder Studium ist das kaum zu vereinen“, sagt Sophie. „Außerdem braucht man ständig neue Bilder für seine Mappe.“ Die entstehen meist durch Test-Shootings – hier arbeiten Model und Fotograf kostenlos. Es geht um die Übung und die Bilder, die nötig sind, um an neue Jobs zu kommen. Aber wann man an die kommt, das lässt sich nie sagen. Planen? Das geht nicht.

„Man kann sich nicht mal einfach so den Bauch vollschlagen, weil man am nächsten Tag vielleicht kurzfristig den Auftrag für ein Dessous-Shooting bekommt“, erklärt Sophie. Und mit der finanziellen Planung sei es noch schwerer. Vom Modeln allein würde sie nicht leben wollen. „Manchmal sieht es so aus, als würde es ein schlechter Monat, und dann holt man mit einem Auftrag ein ganzes Monatsgehalt rein“, sagt die 23-Jährige. „Aber vorher weiß man es eben nie.“

Verlässlicher sind da die Jobs als Messehostess. Hin und wieder arbeitet Sophie für die Dauer einer Messe für eine Firma. Meist sei sie dann „Mädchen für alles“, verkauft, bewirtet Kunden und präsentiert die Waren. Einmal bediente sie eine Maschine, um den vorwiegend männlichen Messebesuchern zu demonstrieren, wie einfach deren Steuerung ist.

Inzwischen hat die 23-Jährige über ihre Arbeit so viele Kontakte zu Ausstellern und Hostessen geknüpft, dass daraus eine Geschäftsidee entstanden ist: Selbst eine Agentur für Hostessen aufbauen. Das zumindest hatte Sophie sich gedacht. Und das hätte auch ganz gut geklappt. Die Internetseite war schon fast fertig, als das deutsche Steuerrecht dazwischen kam. „Ich verstehe auch nicht ganz genau, was das Problem ist, irgendwie würden die Hostessen als scheinselbstständig gelten und na ja“, sie bricht ab und zuckt mit den Schultern. „Jetzt werde ich wohl Promoter vermitteln.“

Promoter, das sind Menschen, die für Firmen Flyer auf der Straße oder Käseproben im Supermarkt verteilen. Oder sich ein Bärenkostüm anziehen, wenn Anlass dazu besteht. Hostessen hätte Sophie Traut zwar besser vermitteln können, aber die angehende Agentin will sich vom Steuerrecht nicht ihr Konzept vermiesen lassen. Ein Radiosender habe bereits Interesse bekundet, jetzt hofft Sophie auf weitere Firmen. Als einzige Mitarbeiterin ihrer Agentur wird sie alle Bewerber kennenlernen, zuverlässige in die Kartei aufnehmen und dann an die Firmen weitervermitteln. „Allerdings nicht für weniger als zehn Euro pro Stunde“, sagt Sophie – da habe sie ihre Prinzipien.

Die Unternehmensgründung ist für die 23-Jährige kein Risiko. In ihrer Agentur steckt zwar jede Menge Zeit – aber kaum Geld. Verdienen kann Sophie an der Vermittlungspauschale, die die Unternehmen an sie abgeben. Verlieren kann sie nicht viel. „Wenn die Agentur der Knaller wird, mache ich das vielleicht irgendwann hauptberuflich“, sagt sie. „Wenn nicht, hoffe ich mir damit mein Studium finanzieren zu können.“ Denn Modeln und Studieren unter einen Hut zu bringen, das gehe nicht. Das sagt Sophie ganz nüchtern, ohne viel Bedauern.
Derzeit arbeitet die junge Frau an ihrer Bewerbung für die Kunstakademie. Und macht Praktikum an einer Schule in Fürstenfeldbruck. Nach einer Karriere als Sekretärin, Model und Agentin möchte Sophie Kunstlehrerin werden.

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