
Die Gefühlsfabrik
von Veronika Dräxler (Jahrgang 1986)
Jahr : 2010, Woche : 4
Mein ganzer Freundeskreis hält mich für eine explosive Gefühlsmaschine. Vordergründig mag diese Annahme ja stimmen. Ich kann mich wahnsinnig schnell für Ideen begeistern, einen Freudentanz aufführen, vor Ärger auf der Stelle losheulen oder Menschen aus spontaner Zuneigung um den Hals fallen. Alles kein Problem – wenn die Situation ungezwungen ist. Wird dieses Verhalten allerdings erwartet, ist Schluss – ich gefriere zum Gefühlsklotz.
So wie jetzt: Er will gerne wissen, wie denn meine Gefühle zu ihm sind. Fehler! Gefühlsklotz! Ich werde unnahbar und reagiere einfach gar nicht. Er denkt wiederum, ich sei nur ein wenig verklemmt, und rät mir deswegen: „Lass deinen Gefühlen doch freien Lauf!“
Wenn das so ist! Ich merke, wie ein mittlerer Wutanfall ausbrechen will – ich lasse ihn. Ich springe ruckartig auf, stampfe mit dem linken Fuß auf den Boden und schreie ihn lauthals an, was das bitte soll, mich so unter Druck zu setzen? Mein Puls ist auf 180, meine Augen sprühen Funken. Ein Fünkchen davon muss dann aber wohl doch Zuneigung gewesen sein, denn sie breitet sich plötzlich wie ein Lauffeuer in meinem Kopf aus. Und ich lasse mich von diesem Gefühl auf der Stelle überwältigen. Ich gestehe ihm, dass ich natürlich doch ganz hin und weg von ihm bin und mir im Grunde genommen alles egal ist. Hauptsache, ich kann jetzt sofort mit ihm zusammen sein.
Wirklich? Ich kann gar nicht ausführlich darüber nachdenken, denn ich spüre ein Verlangen in mir aufkommen... Es wird mir ganz heiß. Aber statt mich freizumachen, breche ich auf ein Mal in Tränen aus – denn eigentlich bin ich wegen dieser Situation einfach nur unglaublich traurig: Wir sind doch beide vergeben!
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