
Karriere mit Selbstauslöser
von Veronika Dräxler (Jahrgang 1986)
Jahr : 2009, Woche : 48
Kulleraugen. Tiefgründig-melancholische Kulleraugen. Sie blicken aus weißen, zerwühlten Bettlaken in die Kamera. Der Selbstauslöser blinkt immer wieder aufs Neue. Unzählige Male, bis Amélie (17) mit den von sich selbst geschossenen Fotos zufrieden ist. So zufrieden, dass sie die Aufnahmen wenig später zusammen mit ein paar kurzen Sätzen auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Amélie aus Feldkirchen ist Mode-Bloggerin. Auf ihrer Seite windcriesamy.blogspot.com inszeniert sie ihre jeweilige Tagesgarderobe - mit Selbstauslöser-Porträts. Das überrascht. Das zieht die Aufmerksamkeit ihrer mehr als 500 Stammleser auf sich. Sogar der Modezeitschrift Vogue fiel ihr Blog besonders positiv auf, worauf Amélie vor kurzem zu einem Kennenlerngespräch eingeladen wurde.
Vor gut einem Jahr hat Amélie begonnen, ihre Kleidungswahl im Internet zu dokumentieren. Ein Trend, der derzeit die "Bloggosphäre" nahezu überflutet. Allerdings hat sich Amélie schnell nicht mehr mit den sonst üblichen Selbstporträts in Umkleide-Kabinen der großen Modekonzerne zufrieden gegeben. Mittlerweile setzt sich die 17-Jährige viel mehr mit einem Tragegefühl als mit dem Kleidungsstück an sich auseinander. Auch finden ihre Leser Artikel, die subtile Kritik an der Mode-Branche üben.
Fotos: Amélie Kahl
Bei ihrem Eintrag mit dem Titel "Breakfast at Amélies" posiert sie etwa wie frisch aufgestanden mit einer Frühstückssemmel in ihrem Bett. Unter dem Foto finden sich die übliche Beschreibungen: Marke und Preis der dargestellten Accessoires. Auf den zweiten Blick fällt jedoch die Ironie des Untertitels auf: "Semmel von Chloé für 1500 Euro, Armband von M. Margiela um die 2900 Euro" - in der Modebranche zählt eben nur, was viel kostet oder eine bestimmte Marke trägt.
Kollektion aus Second-Hand
Mit dem derzeitigen Begriff von Mode will sie daher nichts zu tun haben. "Die meisten Kreationen auf den Laufstegen sind untragbar", sagt Amélie. "Und was H&M in jeder Metropole verkauft, hat solch eine kurze Halbwertszeit, dass man nichts davon ernst nehmen kann." Sie selbst kauft daher auch mit Vorliebe in Second-Hand-Läden ein, da sie nicht auf Markenware Wert legt. Sich kleiden zu können, hat für die Bloggerin nichts mit einem Gefühl für Mode oder teure Preise zu tun, sondern mit einem Sinn für Stil und Ästhetik. Ankleiden bedeutet für Amélie, ihre Gefühle und Gedanken ausdrücken zu können. Authentisch sein - und nicht den Trends nachlaufen.
Ästhetik heißt für Amélie auch nicht zwangsläufig makellose Schönheit. Dafür braucht es kein Modediktat und kein ungeschriebenes Schlankheits-Gesetz, sondern in Amélies Fall nur eine Kamera. Denn mit der Arbeit für ihren Blog hat sie gemerkt, wie viel wichtiger ihr doch der Entstehungsprozess sowie die Komposition der Fotos ist als die Kleidung, die sie auf den Bildern im Internet trägt.
Immer öfters wird Amélie auf der Straße auf ihren Blog und vor allem auf ihre Fotografien angesprochen. Ein wenig unheimlich ist ihr dabei schon - zeigen doch solche Begegnungen, wie viele sich für ihre Inhalte im Internet interessieren.
Auch wenn sie viele Kommentare zu ihren Artikeln bekommt, scheint diese virtuelle Kommunikation so wenig mess- und spürbar zu sein, dass sie Amélie tatsächlich kaum bewusst ist. Menschen, die sie nur aus dem Internet kennt, trifft sie ungern: "Mir ist es lieber, persönlich zu reden. Im Internet verliert man schnell das richtige Verhältnis zur Intimität. Da gibt man viel zu unachtsam Dinge über sich preis, die man mit Sicherheit niemandem einfach so erzählen würde, dem man mal eben auf der Straße über den Weg läuft!"
Einladung bei der Vogue
Dennoch: Die Bloggosphäre sieht Amélie als große Bereicherung, um gleichzeitig einer sehr großen Anzahl von Menschen mitzuteilen, woran sie gerade arbeitet oder was sie gerade gut findet. Ihr Blog ist daher für sie nicht nur eine Art Visitenkarte, sondern genau das richtige Medium, um die eigene Sichtbarkeit und Bekanntheit zu steigern und so neue Möglichkeiten zu öffnen.
Der Erfolg gibt ihr recht: Immer mehr Unternehmen aus dem Fashion-Bereich kommen auf Amélie zu und bitten sie darum, auf ihrem Blog werben zu dürfen. Dies lehnt sie aber ab. Sie sieht ihre kreative Freiheit gefährdet, wenn sie sich dem Service für inserierende Unternehmen auf Dauer verpflichtet. Eine Ausnahme macht sie nur bei Produkten, die ihr selbst so gut gefallen, dass sie sich diese eigentlich auch selbst kaufen würde - wie den Vintage-Schmuck von Les Jumelles, für den sie auf ihrem Blog ein Gewinnspiel ausrichtete.
Amélie freut sich über die ständig neuen Kontakte. Auch empfindet sie das Internet und ihren Mode-Blog als große Bereicherung - aber all das reicht nicht. Zufrieden ist sie erst, wenn Fotos, die sie auf ihrem Blog online gestellt hat, auf Papier gedruckt werden. Postkarten mit eigenen Motiven in der Hand zu halten oder gar als Siebdruck in einer Rauminstallation vor sich zu sehen - wie kürzlich auf der Kunstausstellung Stroke.01 in München -, ist dann doch noch einmal "eine ganz andere Erfahrung von Wertigkeit", sagt Amélie.
Die Arbeit an ihren Fotos und Ausstellungen nimmt sie derzeit neben der Schule sehr stark in Anspruch. So sehr, dass Amélie noch nicht ein Mal die Zeit gefunden hat, die Einladung von der Vogue endlich wahrzunehmen.
Weitere Informationen unter: www.windcriesamy.blogspot.com
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