Prima Leben versus Sonnenrot - zwei Open Airs an einem Wochenende lässt die Indie-Fans verzweifeln
von Hanna Zobel und Michael Bremmer
Jahr : 2008, Woche : 30
Am ersten Wochenende im August wird es unruhig in der Indie-Community in und um München. Pärchen streiten sich, Freundeskreise spalten sich auf, die Freizeit wird getrennt verbracht – auf zwei Festivals. Da das Open Air in Puch ein Jahr Pause macht, sind das Prima Leben und Stereo in Freising und das Sonnenrot in Geretsried heuer die einzigen großen Indie-Festivals im Münchner Umland. Und dann auch noch ausgerechnet am selben Wochenende. Wer hat sich das denn ausgedacht?
Die Veranstalter des „PLUS’“, wie das Prima Leben und Stereo im Volksmund heißt, zumindest nicht. Das erste Augustwochenende belegen sie mit ihrem gemütlichen Festival am Vöttinger Weiher bereits seit 15 Jahren. Ein besonders nettes Geburtstagsgeschenk ist die Verlegung des Sonnenrots auf ihren Stammtermin jedenfalls nicht. Eigentlich sollte das Geretsrieder Festival am 11. und 12. Juli stattfinden – aber hier war, so heißt es zumindest, Jack Johnson schuld an der Verschiebung: Sein Konzert in München an besagtem Wochenende hätte laut Sonnenrot-Veranstalter genau ihr Zielpublikum angesprochen. Und zudem wusste man in Geretsried nichts von der Terminplanung in Freising, heißt es.

Wohin, lieber Indie-Fan – zur großen Bühne der Stars beim Sonnenrot-Festival (oben) oder zur kleineren Bühne der Szene-Geheimtipps beim Prima Leben und Stereo (unten)? Fotos: Hartmut Pöstges, Marco Einfeldt

Vielleicht hätten sie sich vorher informieren sollen, denn für wen die zeitliche Überschneidung ein größeres Problem ist, wird sich noch zeigen – das Prima Leben und Stereo hat bereits ein alteingesessenes Stammpublikum. Die Vorverkaufszahlen sind laut Veranstalter in diesem Jahr genau so hoch wie in den letzten Jahren. Eine Absprache wäre für beide von Vorteil gewesen. Reinhard Fiedler, Veranstalter des Prima Leben und Stereo, hat erst während des Bookings von dem Terminproblem erfahren. „Viele Bands fingen an herumzudrucksen und sagten letztendlich ab“, sagt er. Das Sonnenrot biete als kommerzielles Festival einfach mehr Gage. Eine vertragliche Verpflichtung hindert die Bands außerdem daran, im näheren Umkreis noch auf einem anderen Festival aufzutreten. Als kommerzielles Open Air braucht das Sonnenrot einige Jahre, um sich in der Liga der bekannten Festivals zu etablieren und Gewinn zu erwirtschaften. Dafür gibt man viel Geld für große Acts aus, die jede Menge Publikum anlocken sollen. Da kann das kleine Prima Leben und Stereo mit dem begrenzten Vereinsbudget nicht viel dagegen halten.
Unangenehm ist dies vor allem den Bands: In der Szene ist das Prima Leben und Stereo sehr beliebt. Die Sportfreunde Stiller zum Beispiel gehen selbst gerne auf das Freisinger Festival – dieses Jahr spielen sie zur gleichen Zeit in Geretsried. Ihrem Manager Marc Liebscher ist die zeitliche Überschneidung zu spät aufgefallen: „Ja, echt schade. Ärgerlich und Mist. Wie weit ist das denn voneinander entfernt?“ Er selbst sei schon oft am Vöttinger Weiher gewesen und habe dort schon viele tolle Bands erlebt, sagt er. 2009 will er auch wieder dabei sein. In Freising.
Und das Sonnenrot? Hier hat der Veranstalter gerade ganz andere Probleme. Das bisherige Festivalgelände steht ihm im kommenden Jahr wohl nicht mehr zur Verfügung, weswegen er bereits auf der Suche nach einer neuen Location ist. Benötigt werde eine 12 bis 15 Hektar große Fläche, attraktiv gelegen und doch fernab von Anwohnern, am besten Brachland und doch mit einer geeigneten Infrastruktur, sagt Sonnenrot-Organisator Alexander Wolff. Und das alles im Umkreis von München. Alle Kommunen hat er auf der Suche nach einer neuen Festivalheimat bereits angeschrieben, auch Freising – ohne Ergebnis. Jetzt sucht er weiter, bis November wünscht er sich Planungssicherheit. „Wir werden 2009 wieder ein Sonnenrot-Festival machen“, sagt Wolff, „notfalls auch woanders.“ Woanders heißt: nicht in München und Umgebung. Ob das die Indie-Fans glücklicher macht?
Beide Festival im Überblick
Line-Up
Sonnenrot: The Hives, Sportfreunde Stiller, Blumentopf, MIA, Kettcar, Donots, Shout Out Louds, Blackmail und andere.
Prima Leben und Stereo: Madsen, Attwenger, Anajo, Frank Spilker Gruppe, Polarkreis 18, Winterkids, Anna Zoitke und andere.
Festival-Geschichte
Sonnenrot: Nach den Auftaktjahren 2004 und 2007 geht das Sonnenrot heuer in die dritte Runde. Angefangen wurde mit einem hauptsächlich deutschen Line-Up, nun soll sich das Festival allmählich unter die größeren und internationaleren seiner Art mischen. Dafür wird viel Geld für bekanntere Acts ausgegeben.
Prima Leben und Stereo: Das PLUS feiert heuer sein 15-jähriges Bestehen. Seinen Anfang hat es gefunden, als Studenten eine alte Festivaltradition wiederbeleben wollten. Regionale Bands traten auf, Bier wurde aus dem Kofferraum verkauft. Damals kamen 300 Besucher – so viele arbeiten heute schon alleine bei der Organisation mit.
Erwartete Zuschauer
Sonnenrot: 7000
Prima Leben und Stereo: 3500
Eintrittspreise
Sonnenrot: 69 Euro
Prima Leben und Stereo: 17 Euro
Fan-Stimmen im Internet
Pro für Sonnenrot: „Ich gehe auf das Sonnenrotfestival, weil die dort Spitzenacts wie die Sportfreunde Stiller und The Hives haben, das ist einfach ein tolles Line-Up!“ Ferdi
Pro für Prima Leben und Stereo: „Das Sonnenrot ist mir zu unpersönlich. Für mich ganz klar: Prima Leben und Stereo!“ Fanz
Die Alternative
Subkultur Open Air: In Fürstenfeldbruck wird am selben Wochenende (Freitag und Samstag) auch ein Festival veranstaltet. Der Preis überzeugt: Für zwei Tage zahlt man fünf Euro. Es spielen unter anderem Sick City, Jacob Brass, Mobile Frontal Disko, Blek le Roc, Ikarus Kult, Vaccine, Dear John Letter und Pip Carter Lighter Maker.
Wie gefällt dir dieser Text? Schicke gleich hier deine Meinung dazu ab.
Magst du mitschreiben?

