Kunst ohne Kommerz und Konkurrenzdruck - In der Veranstaltungsreihe Cinema-Tableau zeigen junge Filmemacher experimentelle Musikclips und schräge Homevideos
von Steffi Nürnberger (Jahrgang 1984)
Jahr : 2006, Woche : 31
Schon alleine wegen der Stille hat sich der Weg gelohnt. Und wegen des plötzlich einsetzenden Gelächters. Natürlich auch wegen des größenwahnsinnigen Königs Brutalon. Der Weg hat sich gelohnt – und er war lang. Mit der S-Bahn nach Heimstetten, von dort mit dem Bus, dann weiter zu Fuß. Auf den letzten Metern wird man unsicher, denn die Straßen werden immer kleiner, die Passanten immer weniger. Und dann sieht man doch noch das Schild. „Wohnzimmer“ ist zu lesen.
Am Ziel. Der Name ist hier Programm. Ausgebeulte, braune Ledercouchs stehen in drei Reihen. Davor eine zwei mal drei Meter große Leinwand, dahinter eine Bar, die man in der Dunkelheit des Raumes beinahe übersieht. Die Atmosphäre: gemütlich, urgemütlich.
Foto: Frederick Geist
Foto: Steffi Nürnberger
An diesem Abend sind die Gäste zum Cinema-Tableau gekommen. So der Name der Veranstaltung, die alle zwei Monate im „Wohnzimmer Kirchheim“ stattfindet. Dann präsentieren junge Filmemacher ihre Werke einem bunten Publikum. Teilnehmen kann jeder, der Ideen hat. „Bis jetzt haben wir immer alles genommen, was uns zugeschickt wurde“, meint Philipp, der Initiator des Cinema-Tableaus. Weil er und die anderen Jungs, die das Projekt ins Leben gerufen haben, ihr Publikum aber auf keinen Fall langweilen wollen, dauert das Programm nie länger als zwei Stunden.
Großes Gelächter im Kellerloch
Über mangelnden Unterhaltungswert muss sich Philipp an diesem Abend keine Sorgen machen. Schon der erste Film kommt bei den Zuschauern gut an. Sobald der Streifen läuft, herrscht Stille in dem Kellerloch. Dann lachen einige, dann wieder Stille. Ein lustiger Film. Aber nicht nur die Idee, die dem Werk zugrunde liegt, ist geistreich und gut umgesetzt. In dem Animationsfilm geht es um den größenwahnsinnigen König Brutalon, der einen Professor engagiert, für ihn die größte Zahl der Welt herauszufinden. Die Aufgabe endet für den Professor zwar im Palastkerker, doch waren die Erkenntnisse, die er auf seiner Suche gewonnen hat, sehr amüsant. Oder schon mal von der vermeintlich größten Zahl Zoingillion gehört?
Was folgt, ist ein Film über Paragliding mit imposanten Luftaufnahmen, drei Improvisationsfilme und ein Selbstporträt. Dieser Genre-Mix ist gewollt. Vom professionell produzierten Kurzfilm über den experimentellen Musikclip bis zum chaotischen Homevideo werde hier alles gezeigt, sagt Philipp. Jenseits von Kommerz und Konkurrenzdruck sollen junge Menschen die Möglichkeit haben, ihre Ideen auf Leinwand zu bringen. „Die Vielfalt macht’s“, findet Philipp, der davon schwärmt, dass keiner der Filme „nach Baukastenschema“ produziert ist. Philipp muss es wissen – er arbeitet als Cutter und Kameramann.
Alles, was keinen rechtswidrigen Inhalt hat, ist Zuschauerkost. Und manchmal schwer verdaulich. Etwa, wenn Stefan, Protagonist in seinem eigenen Film, in seinem Zimmer spirituelle Indianertänze aufführt. Kunst? Abstraktion? Fragen, die einen beschleichen, wenn er plötzlich nach einem Apfel, dann nach einem Stuhl greift und diese in seine Tanzbewegungen integriert. Später sagt Stefan: „Film ist die interessanteste Kunstform.“ Weil er optische, akustische und emotionale Sinne anspreche. Und das ist in der Tat so. Bei seinen Filmen – gleich zwei sind an diesem Abend von ihm – sind alle Sinne hellwach. Aber eben auch ein bisschen verwirrt. „Er hat ein sehr spezielles ästhetisches Konzept“, schaltet sich Stefans Freundin Hanna ein, die selbst gerne Filme macht. Oftmals in Zusammenarbeit mit ihrem Freund. Doch da kommt es hin und wieder zu Stress, weil Stefan seine Finger nicht mehr von der Kamera lassen kann, seitdem er im Alltag unzählige „heilige Augenblicke“ schnuppert, die er festhalten will, wie er sagt. Auch wenn es nur die Freundin ist, die gerade Erdbeeren nascht.
Gute Zuschauerquote, und das ohne Werbung
Die beiden sind aus Markt Schwaben, aus dem Münchner Umland, wie die meisten Gäste an diesem Abend. An manchen Filmabenden kommen sie auch aus München, manchmal sitzen sogar an die hundert Menschen vor der Leinwand. Keine schlechte Zuschauerquote, wenn man bedenkt, dass die Jugendlichen noch keine Werbung für ihr Projekt gemacht haben. Bis jetzt lief alles über Mundpropaganda, „doch bald werden wir Flyer und Plakate drucken“, nimmt sich Philipp fest vor. Um einen Augenblick später zu sagen: „Aber wir wollen keine Massenveranstaltung daraus machen.“ Dann redet er wieder von Konkurrenzdruck und Kommerz, was nicht ins Konzept passe. Ziel sei viel eher, jungen Leuten mit originellen Ideen, aber mangelnder Ausstattung eine Plattform zu bieten. Deshalb will das Cinema-Tableau einen Austausch zwischen Filmemachern und Besuchern, zwischen Profis und Laien, zwischen allen Filminteressierten schaffen. Wie hieß noch mal der Cutter des abgefahrenen Musikvideos? Wer hatte gleich wieder einen Schnittplatz in seinem Keller? Wer eine grandiose Idee für ein Drehbuch hat, aber keine Kamera, geschweige denn eine Ahnung vom Umgang mit ihr, soll über das Projekt einen Ansprechpartner finden. „Wir brauchen Netzwerke“, sagt Stefan, „Netzwerke, die eine neue menschliche Kultur aufbauen.“ Ganz schön visionär für ein filmisches Wohnzimmerprojekt.
Weitere Informationen im Internet unter:
www.cinema-tableau.de
Das nächste Cinema-Tableau findet am Freitag, 15. September, statt. Beginn ist um 20 Uhr. Die Filme müssen bis zum 8. September beim Film-Team abgegeben sein.
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