Smarte Jungs und eine verrückte Boygroup / Die jungen Musiker begeistern die Fans beim Stadt-Land-Rock-Festival mit facettenreichem Sound
von Ein Gemeinschaftsprojekt der Jugendseite
Jahr : 2006, Woche : 26
Zwölf Konzerte an vier Abenden – da ist es nicht einfach den Überblick zu behalten. Welche Band hat noch einmal dieses tolle Lied über Freundschaft gespielt? Und wie heißt diese verrückte Boygroup? Fragen über Fragen – die SZ-Jugendseite hat Antworten. Die Konzerte im Überblick von Anna Pataczek (apa) und Michael Bremmer (mbr)
Herz: Hymne auf die Freundschaft
Der Auftritt von Herz ist ein Freundschaftsangebot. Auf das man gerne eingeht. Weil es Spaß macht, zu Popmusik mit Rockanspruch zu wippen, zu grinsen, sich mit Benni, Dani, Nils und Paul zu verbrüdern. Und natürlich singen sie auch von „Freundschaft“, einer ihrer neuen Songs, die sie an diesem Abend vorstellen. Eine schwelgerische Hymne auf die Kumpels, kitschig vielleicht, aber schön. Wie überhaupt die Texte von Herz Szenen im Kopf hervorrufen, die jeder kennt: von schulterklopfenden, geraden Typen, weinenden, niedlichen Mädchen und jauchzenden Cliquen. Eine knackig-kurze Zusammenfassung all der lebenswerten Seiten des Jungseins. (apa)
Silikon: Und jetzt klatschen
Trash zeugt von gutem Geschmack. Immer wenn Silikon ihre Synthie-Akzente aus der Dose holt, ist ihre Musik richtig gut – weil sie dann entspannt unernst ist. Da findet man auch das Spruchband lustig, das im Hintergrund läuft: „Jetzt klatschen, tanzen, ausflippen.“ Nur witzig wollen die Musiker von Silikon aber nicht immer sein, und so greifen sie auch gerne in die Vollen und spielen mit Herzblut Pop oder Poesie. Dazu passt die Stimme – reif und rund – von Sängerin Dani ganz wunderbar. Für Trash könnte sie ruhig ein bisschen rotziger sein. Und nächstes Mal ein bisschen besser abgemischt. Dann gerne: „Klatschen, tanzen, ausflippen.“ (apa)
Taxgas: Unverschämt und ehrenwert
„Wir beschließen, das Leben zu genießen“, singen die Jungs von Taxgas und meinen es auch so. Sänger Basti nöhlt frech und mit breitem Grinsen ins Mikro, als ließe er sich nichts verbieten. Kleine Anarchos sind sie, der Basti, der Jens und der Tolga – die Gitarre, der Bass und das Schlagzeug. Und ganz schön selbstbewusst. Sie lieben vibrierendes Geschrubbe und unverschämten Partysound. Ihre Texte öffnen Horizonte und manchmal landen sie in der Sackgasse. Aber unbekümmert sind sie immer. Das alles klingt jetzt nach schrammeliger Punkband. Das Gegenteil ist der Fall: Taxgas sind gute Musiker, die solide mit ihrem Handwerkszeug umgehen können. Ehrbare Gesellen also. (apa)
Sonopack: Rocker im Polohemd

Für den Rocker an sich ist das Leben einfach geworden. Kann wild sein und muss dennoch nicht sein Schwiegersohn-Image ablegen. Früher, natürlich, da gab es noch klare Rollen. Der Rocker musste lange Haare und Lederjacken und Nietengürtel tragen. Und wollte der Rocker eine Ballade singen, musste er die Lederjacke offen lassen, damit auch jeder sein weißes T-Shirt sieht. Und heute? Heute gibt es Nu-Rock. Und damit für nette Jungs wie die von Sonopack die Möglichkeit, ihren Melo-Power-Rock ohne Identitätsproblem zum Besten zu geben. Natürlich sind sie auch wild, irgendwie – und gerade, weil Bass und Gitarre so eine fette Rhythmuswand vorgeben, kann Sänger Danny seine energische Hardrock-Show geben. Aber authentischer (und auch besser) sind die Jungs eben doch bei ihren Halb-Balladen. Dann dürfen sie auch wieder lächeln. Und mit Polohemd und Schweißband wieder der Traum jeder Schwiegermutter sein. (mbr)
Rocket Uppercut: Mehr New York als München

Ein bisschen Chucks, ein bisschen Ballerinas. Man merkt schon: Hier geht es um Gegensätze – und die findet man bei Rocket Uppercut nahezu an jeder Ecke. Nehmen wir das Schlagzeug. Melli sitzt hier, in einem hellblauen Kleidchen und Ballerinas in gleicher Farbe. Lieb. Aber alles an ihrem Drum ist abgeklebt und sogar mit einem Geschirrtuch abgehängt, zu ungestüm macht sie Tempo, zu laut für das Kreisverwaltungsreferat (KVR) ist sie alleine. Oder nehmen wir das Mikro. Bianca steht dort. Mit Matrosenhemdchen und rotem Halstuch. Nett. Bis sie zu brüllen anfängt – als wäre sie alleine zu böse für das KVR. Aber das ist nur die eine Seite, denn Rocket Uppercut können auch melodiös. Kleine Indie-Perlen, nur eben ein bisschen rotziger als üblich. Ein bisschen Blondie, ein bisschen Courtney Love. Ein bisschen mehr New York als München, ein bisschen mehr für ein Kellerloch geeignet als für ein Tollwood-Zelt. „Smashing on love“, heißt einer ihrer Songs. In einem anderen geht es um Cinderella. Es wird nicht weiter erwähnt – aber diese Cinderella muss Chucks anhaben. (mbr)
Lee Harvey & The Oswalds: Arche-Noah-Rock
Hat man einmal Lee Harvey & The Oswalds live gesehen, bekommt der Begriff „Boygroup“ eine ganz neue Dimension. Nur langhaarige Freaks stehen auf der Bühne, bewusst auf den Haargummi verzichtend. Denn sie haben eine Mission – und eine abgefahrene Show mit ihrem Mix aus Jazz und Metal. Nennen wir es Arche-Noah-Rock. Der Hippie muss gerettet werden – mit Spaß und zur Not mit absichtlich falschen Tönen. Alles wird in den Kompositionen strikt vorgegeben – und der Drummer muss mit angebrochenen Sticks spielen, damit er nicht zu laut wird. Hier herrschen strenge Regeln. Wie bei einer Boygroup eben. Halleluja. (mbr)
Marshmelones: Charme-Core
Vielleicht liegt es am Deutschlandtrikot, das Bassist Jo an diesem Abend trägt. Vielleicht ist es auch einfach der Charme der vier Jungs von Marshmelones. Jedenfalls fühlt man sich vom ersten Song an „zu Gast bei Freunden“. Da stört es auch nicht, dass der treibende Punkrock manchmal arg ruppig ist und das Schlagzeug eine Spur zu laut. Denn schon ein Break später steht wieder eine dieser zarten Melodien im Mittelpunkt. Pop-Punk eben, oder Emo-Core, wie man heute sagt. Oder Freundschafts-Rock. (mbr)
Fuller: Und die Welt dreht sich doch
Es ist gut zu wissen, dass die Musik, die in Papas Plattenschrank steht, irgendwo in uns wohnt. Die Jungs von Fuller zupfen ganz zart an unseren Erinnerungen vom guten alten Rock’n’Roll. Schon wollen wir uns wohl fühlen, da geben sie uns einen heftigen Schubs, um zu sagen: Aber die Welt hat sich weitergedreht! Deswegen klingen ihre Songs auch schneller und härter als die Musik von Papa. Fuller macht Gute-Laune-Ami-Skater-Rock, suhlt sich mit Vergnügen im grungigen Dreck, um sich danach mit britischer Korrektheit die Hose abzuklopfen. Folgende Mutmaßung ist hoffentlich keine Beleidigung: dank melodischer Chöre und harmonischer Refrains könnte Fuller aber auch etwas für Eltern sein. (apa)
Five!Fast!!Hits!!!: Kleine, süße Rebellen

Du fährst öfters mit deinem offenen Mini im Turbogang durch London, es verweht dir deinen schrägen Pony, du findest die Beatles sind unübertroffen und bist ein kleiner, süßer Rebell? Dann hörst du auch Five!Fast!!Hits!!!. Die Band macht Rock’n’Roll für das neue Jahrtausend. Das Outfit der Jungs spricht für ihre Musik: Der nietenbesetzte Gitarrengurt auf der einen Seite – und die akurate Krawatte auf der anderen. Rasant und punkig auf der einen Seite – und gediegen und harmoniebedürftig auf der anderen. Unnahbar und ein bisschen eitel klingen die Songs – eine anziehende Mischung, die vom Kopf in die Beine wandert. Äußerst tanzbar – und wenn du wirklich öfters mit deinem Cabrio durch London düst, dann suche dir rechtzeitig einen Parkplatz: Five!Fast!!Hits!!! ist vom 26. bis 29 Juli dort auf Tour. (apa)
Miranda: Volle Ladung Harmonie
Wer zu Miranda tanzt, ist mutig. Der beschwingte Walzer wird zu aufgeregtem Jazz wird zur schwelgerischen Ballade wird zu fettem Bigbandsound wird zu schnellem Rock. Dazwischen tröpfeln Gitarren, atmen Posaune und Trompete, stampfen die Drums. Den Jungs von Miranda macht es einen Heidenspaß, ihr Publikum vor den Kopf zu stoßen. Aber auf die nette Tour, denn eigentlich ist ihre Bläserrockmischung voller Harmonie. Wer Miranda zuhört, kann nichts falsch machen. (apa)
Steep: Sanfter Sommersturm
Passt die Musik von Steep zum Gewitter oder passt das Gewitter zur Musik von Steep? Sturmwarnung, Staubwolken, Sommerregen. Der Rhythmus drängt, das Schlagzeug beschleunigt – und dann entlädt sich alles im fast zu eingängigen Refrain, eingebettet im satten Gitarrensound. Steep macht feinen, klassisch-kraftvollen Rock. Songs, die klingen, als renne man nach einem schwülen Sommertag in den erlösenden Regensturm: Aufbrausend, aber mild auf der Haut. (apa)
Vaccine: Laute Gefühle

Das Akkordeon ist eines der unterschätztesten Instrumente der Welt. Fernab der Volksmusik kann es wundervoll leidenschaftliche Töne produzieren. Deswegen darf es auch bei der Band Vaccine nicht fehlen. Die macht nämlich melancholischen Poprock. Feinsinnige Psychologen sind die Jungs, die die Bandbreite dieser Stimmungslage von rasendwütend bis zarttraurig ausreizen. Jonathans Stimme liegt schwermütig darüber, bis sie nach oben wegkippt. Sanfte Pianosoli drängeln sich durch. Und die Gitarren haben glamouröse Auftritte. Einer alternden Diva könnte man diese Musik widmen – noch voller Glanz und Zickigkeit –, und ihr die Pelzstola um die Schultern legen, denn Vaccine macht Musik für kalte Tage. Oder für magische Nächte. Gute Träume. (apa)
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Das weitere Programm Im SZ Zelt
Zum Abschluss unseres Festivals junger Bands gibt es am kommenden Dienstag, 4. Juli, einen Stadt-Land-Disco-Abend. Von 19 Uhr an werden die Bands Der Jungbrunn, Stoerfrequenz und Butch Coolidge Funk und HipHop spielen. Aber auch bis dahin gibt es im SZ Zelt auf dem Tollwood ein spannendes Programm. Am heutigen Dienstag, 27. Juni, spielt Alev Lenz. Sie hat ihre Rockband Alev verlassen, um nun sehr schönen und gefühlvollen Piano-Pop zu spielen (19 Uhr). Außerdem diese Woche zu empfehlen. Am Freitag, 30. Juni, gibt es Punkrock aus zwei Generationen: Zunächst spielen die großartigen Brainspiller, dann kommt Garden Gang auf die Bühne. Am Samstag, 31. Juli, gibt es feinen Indie-Rock mit Crash Tokio (Support: Interlude), am Montag, 3. Juli, liefern Die Herren Polaris Deuschpop der feineren Sorte. Beginn jeweils um 19 Uhr, der Eintritt ist jeden Abend frei.
27. Juni – ;Alev Lenz, Piano-Pop der anspruchsvollen Sorte, im Anschluss The Jetset DJ-Team, Plattenaufleger aus der Jetzt.de-Redaktion // Mi 28. Juni – Atomic, klingt wie Manchester, kommt aus Niederbayern, Support: The Neighbours // Do 29. Juni – Celest, knackiger Drive aus München, Hannover und Dublin, Support: Das Experiment Claus // Fr 30. Juni – Garden Gang, Punk-Rock mit Blick zurück in die Sixties, Support: Brainspiller // Sa 1. Juli – Crash Tokio, volle Ladung Gitarrenmusik mit Indie-Trend, Support: Interlude // So 2. Juli – Jenson, deutscher Rock mit Emotion, Schweiß und Tränen, Special Guest: Lagoon // Mo 3. Juli – Die Herren Polaris, sympathischer, charmanter Pop mit deutschen Texten, Support: Stark // Di 4. Juli – Stadt-Land-Rock-Festival mit Der Jungbrunn, Stoerfrequenz, Butch Coolidge // Mi 5. Juli – Sprungbrett-Abend, Auftritt der Erst- & Zweitplatzierten des Feierwerk-Bandwettbewerbs: Polyphems Monokel (abwechlungsreicher und gewitzter Deutschrock) und the nine (Gitarrenmusik im Stil von Sonic Youth, Wipers, und Joy Division) // Do 6. Juli – Cat Sun Flower, Gitarrenpop-Ohrwürmer mit Hang zum Elegischen, Support: Cats Eat Fish // Fr 7. Juli – Mañana Beat, Support: Stamina Crew // Sa 8. Juli – Naveed, klassischer Rock mit Drang ins dritte Jahrtausend, Support: News Today // So 9. Juli – The Capones , Oktett mit Latin, Ska, Funk, Reggae & HipHop, Special Guest: Hifidelity
Die Öffnungszeiten im SZ Zelt
Mo - Fr: 14 bis 1 Uhr, Sa/So 11 bis 1 Uhr
Live-Musik täglich von 19 bis 21/22 Uhr. Eintritt frei!
Weitere Informationen bei Tollwood oder hier im Internet. Bandporträts findest du hier
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