"Snowboarden ist nicht nur Halligalli" - Interview mit Snowboard-Profi Vinzenz Lüps
von Chris Helten (Jahrgang 1982)
Jahr : 2005, Woche : 44
Der Weg zum Snowboard-Profi ist kein leichter. Viele junge Talente bemühen sich um Sponsoren aus der Snowboard-Industrie. Diese wollen ihr Geld natürlich gut angelegt wissen. Der übliche Weg in die Welt der Profis führt daher über Wettkämpfe.

Auch Vinzenz Lüps aus Utting am Ammersee hat zunächst gute Ergebnisse gesammelt, mit denen er seine ersten Sponsoren an Land zog. In seiner zweiten Saison fuhren der heute 24-Jährige und seine Freunde bei den Jugendmasters mit, einer Wettkampfserie für junge Fahrer. Und das gleich mit Erfolg: „Vor zehn Jahren war Snowboarden noch eine sehr überschaubare Welt, in der man sehr schnell sehr gut werden konnte. Meine Kumpels und ich haben bei den Jugendmasters immer abwechselnd gewonnen.“ Doch es geht am Anfang nicht nur um gute Ergebnisse: „Contestfahren ist auch sehr wichtig, um Leute kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen.“
Mit 17 ging Vinz auf ein Internat in der Schweiz. Dort konnte er sein Snowboarden täglich verbessern, ohne dabei die Schule zu vernachlässigen. Direkt nach dem Abschluss unterschrieb er seinen Profivertrag, und auch die ersten großen Erfolge im Weltcup ließen nicht lange auf sich warten. 2003 folgte der bisherige Höhepunkt seiner Contestkarriere: Er gewann die European Open und verwies Terje Haakonsen, die von allen verehrte Gottgestalt in der Welt des Snowboardens, auf Rang zwei. Chris Helten unterhielt sich für die SZ-Jugendseite zum Saisonstart mit dem Snowboard-Profi.
SZ-Jugendseite: Worin besteht denn der Alltag eines Snowboard-Profis?
Vinzenz Lüps: Es gibt zwei Alltage. Es gibt denn Alltag am Berg, und es gibt den Alltag abseits vom Berg. Der Alltag am Berg bedeutet, morgens aufzustehen, auf den Berg zu fahren und eben zu Snowboarden. Weil der Mensch keine Maschine ist, sondern ein Wesen, das sich auch manchmal schonen muss, gibt es den Alltag abseits der Berge, das heißt entweder zu Hause oder am Meer beim Surfen, wo man sich dann erholen kann.
SZ-Jugendseite: Und womit genau verbringst du deine Zeit am Berg, wie sieht deine Saison aus?
Vinzenz Lüps: Früher bestand der Hauptteil meiner Saison darin, Contests zu fahren. Bis ich so gut war, dass ich ein paar große Wettkämpfe wie den Weltcup oder die European Open gewonnen habe. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich sozusagen den nötigen Bekanntheitsgrad und dadurch die Möglichkeit, auszuwählen, wie ich meinen Snowboard-Winter gestalten möchte.
SZ-Jugendseite: Wie kann man sich den perfekten Snowboard-Winter vorstellen?
Vinzenz Lüps: Da gibt es die schöne Variante, mit Fotografen oder Filmern bei schönem Wetter und Pulverschnee ins Gelände zu gehen und wunderbare Aufnahmen zu machen. Diese Arbeit gefällt mir sehr gut, weil das ohne Wettkampfstress passiert, man in kleinen Gruppen arbeitet und voll in der Natur drin ist. Was ich eben nicht bin, wenn ich einen Halfpipe-Contest fahre. Da läuft laute Musik, da sind eine Menge Leute und man muss sich so krass konzentrieren, dass man eh nichts mitkriegt.
SZ-Jugendseite: Seinen Platz in einem Snowboard-Video bekommt man also erst, nachdem man sich einen Namen gemacht hat?
Vinzenz Lüps: Bei mir war das so. Ich wollte, wenn ich Filmen gehe, mit guten Filmern und einer guten Crew losgehen und nicht mit meinem kleinen Bruder. An so eine gute Crew kommt man aber erst ran, wenn man sich einen gewissen Namen gemacht hat. Dafür bin ich ein paar Jahre fast nur Contests gefahren. Jetzt, seit zwei, drei Jahren, bin ich halt auch immer wieder und immer mehr im Gelände.
SZ-Jugendseite: Das hört sich nach einem recht angenehmen Leben an. Aber als Profi hast du sicher auch einige Verpflichtungen , oder?
Vinzenz Lüps: Natürlich ist Snowboarden nicht nur Halligalli und Spaß auf Teufel komm raus. Wenn man es professionell betreibt, muss man sich auch um einen Haufen Organisatorisches kümmern. Darüber hinaus muss ich natürlich Verträge mit meinen Sponsoren einhalten, die mir ja mein täglich Brot und mein ganzes Leben bezahlen. Die wollen in erster Linie, dass ich erfolgreich und gesund bin, so gut wie möglich bei Wettkämpfen abschneide und so viele Veröffentlichungen in Snowboard-Magazinen und anderen Medien habe. Außerdem erwarten sie ein gewisses Image: Sie wollen, dass ich gut ankomme und politisch korrekt bleibe.
SZ-Jugendseite: Was heißt das konkret?
Vinzenz Lüps: Ich kann also nicht nur wild durch den Winter ziehen. Ich sollte mich regelmäßig melden, Berichte abgeben und Verbesserungsvorschläge zum Material machen. Und ich muss Zeit haben, wenn sie ein Foto-Shooting ansetzen. Trotzdem muss ich sagen: Für einen professionellen Sport is es super easy, weil ich sehr wenige Verpflichtungen habe, fast immer genau das machen darf, worauf ich Lust habe und meine Sponsoren mir da eigentlich sehr wenig reinreden. Solange ich ab und zu ein gutes Wettkampfergebnis abliefere, kann ich im Prinzip machen, was ich will.
SZ-Jugendseite: Der Spaß geht also nicht verloren, obwohl dein Hobby jetzt dein Beruf ist?
Vinzenz Lüps: Man kann schon sagen, dass etwas verloren geht. Wenn man Snowboarden geht, kommt man irgendwann an seine Grenzen. Ich musste erst lernen, dass ich Pausen machen muss, um motiviert zu bleiben. Ich bin bestimmt mit 16 mit mehr Herzblut auf den Berg hochgefahren als jetzt, weil es zur Routine geworden ist. Das wird mir manchmal bewusst, wenn ich neue Sachen entdecke, zum Beispiel das Wellenreiten. Wenn ich zu den Wellen rauspaddle, bin ich innerlich wahnsinnig aufgeregt. Dann denk ich mir: Wahnsinn, das hatte ich beim Snowboarden auch mal, wenn ich mit dem Lift hochgefahren bin.
SZ-Jugendseite: Und das erlebst du beim Snowboarden gar nicht mehr?
Vinzenz Lüps: Doch, das gibt es immer noch. Aber das sind dann eher die privaten Tage, an denen ich mit Freunden oder mit meinen Brüdern auf dem Berg bin. Und die sind echt selten, weil ich fast den ganzen Winter auf Wettkämpfen oder bei Foto-Shootings bin. Die Tage, an denen man für sich fährt und dann auch noch jemanden dabei hat, den man sehr gern mag, die gibt’s eigentlich viel zu wenig.
SZ-Jugendseite: Im Extremsport geht’s ja immer um höher, weiter, spektakulärer. Gibt es manchmal Situationen beim Snowboarden, in denen du sagst: Nein, das ist mir zu krass, das mache ich nicht?
Vinzenz Lüps: Die Situationen gibt’s sogar relativ oft. Sowohl in der Halfpipe als auch im Gelände, wo man auf Lawinen, Felsen und so aufpassen muss. Je älter man wird, desto mehr weiß man, was man sich zutrauen kann und was nicht. Vor fünf Jahren hab ich noch Sachen probiert, die ich jetzt nicht mehr ohne weiteres machen würde, weil ich mehr nachdenke. Es ist ganz wichtig, dass man diese Fähigkeit des Einschätzens von Anfang an entwickelt, um zu wissen, was zu wild ist und was sich noch im Bereich des Machbaren befindet.
SZ-Jugendseite: Wo nimmt man überhaupt den Mut her, 30 Meter weit zu springen?
Vinzenz Lüps: Dazu kann man nur sagen, dass man sich an alles hintastet. Es fällt ja kein Snowboard-Profi vom Himmel, der gleich 30 Meter weit springt. Der springt zuerst zehn, dann 20 Meter und dann irgendwann macht er halt mal den 30er. Alles nicht so wild.
SZ-Jugendseite: Und wenn es dich mal ordentlich zerlegt, wie motivierst du dich dann dazu, es nochmal zu probieren?
Vinzenz Lüps: Das hat was mit Ehrgeiz zu tun. Wenn mich was annervt und ich merke, ich glaub nicht dran, dann lass ich es auch bleiben. Aber wenn ich merke, ich bin ganz knapp dran und will das schaffen, dann lass ich mich von dem Sturz nicht einschüchtern und mach es halt nochmal. Das ist situationsabhängig. Mal ist man motivierter und will etwas unbedingt schaffen und probiert es so lang, bis man es schafft, mal gibt man schneller auf.
SZ-Jugendseite: Wie trainierst du denn eigentlich?
Vinzenz Lüps: Die letzten Jahre bin ich einfach nur fahren gegangen und habe kaum spezifisch trainiert. Diesen Sommer hab ich das erste Mal seit zwei Jahren wieder angefangen, gezielt Halfpipe zu trainieren. Zum einen, weil ich den ganzen Frühling verletzt war und so schnell wie möglich wieder mein Level erreichen wollte. Zum anderen, weil in wenigen Monaten Olympische Spiele sind, für die ich mich letzte Woche auch qualifiziert habe und bei der ich mein Maximum rausholen will. Ich bin also seit diesem Sommer wieder bewusst am Halfpipe-Fahren und gehe auch ab und zu ins Fitnessstudio und Laufen.
SZ-Jugendseite: Was macht denn der Snowboard-Profis Vinzenz Lüps, wenn er gerade nicht Snowboard fährt?
Vinzenz Lüps: Als Hobby gebe ich als erstes immer Wellenreiten an, weil mich diese Sportart fasziniert und inspiriert und ich mich einfach immer wohlfühle, wenn ich Wellenreiten bin. Ansonsten bin ich, wenn ich nicht Snowboard fahre, recht viel daheim am Ammersee, weil ich mein Dorf und den Ammersee sehr gern mag. Dort kann ich mal mit Freunden in den Biergarten gehen, mit meinen Brüdern abhängen und auch ab und zu meine Mutter und meinen Vater treffen. Ich bin ein geselliger Mensch, ich brauche Menschen um mich rum, die ich gern mag und bei denen ich mich wohl fühle. In den Wintermonaten bin ich wahrscheinlich vier Fünftel der Zeit unterwegs. Dieses viele Reisen verlangt ab und zu nach einer Pause, in der man zur Ruhe kommt.
SZ-Jugendseite: Hast du auf deinen Reisen überhaupt die Zeit, die Reiseziele kennen zu lernen?
Vinzenz Lüps: Mehr als das Bergdorf, das Hotel und das Skigebiet kriegt man oft nicht zu sehen. Dafür muss man sich ganz bewusst Zeit nehmen. Jetzt im November zum Beispiel fahre ich zum Trainieren nach Mammoth in Kalifornien. Dann ist eine Woche Pause, in der die meisten aus dem Team wieder nach Hause fliegen. Ich besuche dann einen Freund in L.A. und schau mir die Stadt an. Genauso habe ich es in Chile gemacht. Wir waren dort dieses Jahr auf dem Weltcup. Danach bin ich noch zehn Tage geblieben, war in Santiago und am Meer und habe Eindrücke vom Land gesammelt.
SZ-Jugendseite: Was kommt nach der Snowboard-Karriere?
Vinzenz Lüps: Ich habe kürzlich einen Film gemacht über einen Trip nach Chile. Bei der Arbeit dafür habe ich das Filmemachen für mich entdeckt. Ich hatte schon mal ein Hobby, das plötzlich zu meinem Beruf wurde. Vielleicht wird es das ja wieder. Wenn es hart auf hart kommt, studiere ich nochmal was. Vielleicht gehe ich auch auf eine Filmschule.
Wettbewerbe
Es gibt zwei große Organisationen, die Contestserien anbieten. Der Skiverband FIS (Féderation Internationale du Ski), unterteilt in einzelne Landesverbände, und die TTR-Tour (Ticket to Ride), ein Zusammenschluss früher unabhängiger Contests. Im Gegensatz zur TTR fordert die FIS von Wettkampfteilnehmern Mitgliedschaft in einem Snowboardverein. Daneben existieren unzählige weitere Wettkämpfe und Wettkampfserien für Amateure, zum Beispiel die Nokia Snowparktour oder die Chillanddestroy-Tour, in die auch die deutsche Meisterschaft des Snowboardverbands integriert ist.
Mehr Infos im Internet unter
www.snowboardverband.com, www.ttrworldtour.com, www.chillanddestroy.com und www.snowparktour.com.
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