Krieg oder Frieden - Weltpolitik als Rollenspiel
von Eva-Maria Hempe (Jahrgang 1985)
Jahr : 2004, Woche : 48
Eine hohe Kuppel spannt sich über den Saal, in dem seit mehr als 59 Jahren die Geschicke unserer Welt bestimmt werden. Krieg oder Frieden? Den Blick zieht es fast unweigerlich zu dem Rednerpult. Dort haben schon die mächtigsten Männer vor den endlosen Sitzreihen der Delegierten um Zustimmung für ihre Politik geworben. Wir befinden uns im Sitzungssaal der UN Generalversammlung in New York, in dem auch die Politikstudentin Steffi Schall (22) aus Unterweilbach im Landkreis Dachau in ein paar Monaten sitzen wird: Sie wird mit anderen Studenten aus aller Welt in die Rolle einer UN-Delegierten schlüpfen. Doch zuvor heißt es recherchieren und büffeln.
Die National Model United Nations (NMUN), die jedes Jahr im New Yorker Hilton Hotel sowie an Originalschauplätzen im Hauptquartier der Vereinten Nationen stattfindet, kann selbst auch schon auf eine 58-jährige Geschichte zurückblicken. Die meisten der mittlerweile mehr als 200 teilnehmenden Gruppen kommen von amerikanischen, aber auch ausländischen Universitäten. Doch auch ein paar Vereine sind vertreten, wie beispielsweise der Verein Jugendbildung in Gesellschaft und Wissenschaft (JGW e.V.), dessen 28-köpfiger Delegation Steffi angehört.
Echte Lobbyarbeit
Die Gruppen vertreten jeweils ein bestimmtes Land oder auch eine Non-Governmental Organisation (NGO), wie etwa Amnesty International, Greenpeace oder das Rote Kreuz. „Man kann nicht sein eigenes Heimatland vertreten – man will ja etwas Neues lernen – und man kann zwar Wünsche äußern, aber am Ende muss man nehmen, was einem zugeteilt wird. Wir hätten gerne ein arabisches oder asiatisches Land, am liebsten ein Schwellenland wie Indien oder Pakistan“, sagt Steffi.
Im Rahmen der Simulation werden 24 Komitees und Gremien nachgestellt, wie beispielsweise der UN-Sicherheitsrat, die Weltgesundheitsorganisation oder auch die League of Arab States. Die Delegationen entsenden dann Vertreter in jedes Komitee, in dem ihre Nation oder NGO auch in Realität vertreten ist. Für jedes Komitee gibt es drei Themen, die in den fünf Tagen bearbeitet werden. „Das Ziel ist es, Resolutionen, also Beschlüsse, zu verabschieden. Und man versucht natürlich, sein Land so realistisch wie möglich zu vertreten. Es ist zum Beispiel sehr unwahrscheinlich, dass ein dritte Welt Land Kürzungen bei der Entwicklungshilfe begrüßt.“
Von Ehemaligen weiß Steffi, was sie ungefähr erwartet: „Gearbeitet wird von morgens bis Mitternacht. Man versucht, andere Länder auf seine Seite zu ziehen, da werden Zugeständnisse gemacht und abverlangt, Mehrheiten gesucht . . . echte Lobbyarbeit eben.“ Dass die verabschiedeten Resolutionen von der echten UNO übernommen werden, gehört laut Steffi zwar ins Reich der Legenden, aber „sie werden archiviert und manchmal von Mitgliedern der echten Komitees gelesen“. Aber auch so ist das Ganze mehr als nur ein Spiel. Anzug beziehungsweise Kostüm sind Pflicht, und auch das Protokoll wird eingehalten. „Wenn man sich zu Wort melden will, muss man mit ,Honorable Chair, distinguished delegates’ beginnen“, erklärt Steffi, „Ehrenwerter Vorsitzender, verehrte Abgesandte“ also, obwohl nur junge Menschen unter sich sind. „Es werden Rednerlisten geführt und auch die Sprache ist sehr förmlich.“ Dass alle Verhandlungen auf Englisch geführt werden, ist selbstverständlich.
„Als ich in der Kollegstufe war, habe ich das erste Mal von der UN-Simulation gehört und war begeistert.“ Und nach einigen Verzögerungen hat es in diesem Jahr endlich geklappt. Durch ihr Politikstudium hat sie kaum Vorteile. „Das ein oder andere hat man schon mal gehört, aber vieles ist doch neu und vor allem auch in dieser Tiefe.“
Solange sie noch nicht weiß, welches Land sie vertreten wird, beschäftigt sie sich hauptsächlich mit Literatur über die UNO. Außerdem ist es Pflicht, das Weltgeschehen zu verfolgen: „Ich schaue einmal am Tag Nachrichten und natürlich CNN. Außerdem lese ich viel Zeitung.“ Sobald die Länder zugeteilt sind, wird es spezieller. „Das Ziel ist es, alles über das Land zu wissen. Je besser man vorbereitet ist, umso mehr hat man von den fünf Tagen in New York. Es ist sicherlich viel Arbeit – in der Endphase werde ich wohl jeden Tag etwas für meine Vorbereitung tun. Ich habe dieses Semester auch weniger Vorlesungen belegt, aber das ist es wert.“
Insgesamt drei Mal wird sich Steffi mit den anderen Mitgliedern ihrer Delegation treffen, die aus ganz Deutschland kommen. „Bei den Vorbereitungstreffen machen wir auch schon kleine Stimulationen und lernen etwa, wie man Resolutionen schreibt.“
Training für New York
„Beim letzten Wochenende in Berlin steht dann auch ein Besuch in der Botschaft ,unseres‘ Landes auf dem Programm und in New York treffen wir dann noch ,unseren‘ ständigen Vertreter bei den Vereinten Nationen“. Steffi muss Fakten und Prozedere pauken, und darüber hinaus auch noch versuchen, Geld aufzutreiben. „Unsere Gruppe ist auf Spenden angewiesen. Für jeden Teilnehmer kommen ungefähr 1500 Euro an Kosten zusammen und das wollen wir ein bisschen abfedern.“
Mittlerweile muss man nicht einmal mehr nach New York, um einmal die Geschicke der Welt zu lenken. In vielen größeren und kleineren Orten gibt es mittlerweile ebenfalls MUNs, wenn auch mindestens ein oder zwei Nummern kleiner als das große Vorbild in New York. „Ich war echt überrascht, wie viele Simulationen es mittlerweile gibt. Und oft kann man dann dort auch als Einzelperson teilnehmen,“ weiß Steffi.
Für die JGW-Gruppe dienen diese kleineren Simulationen als eine Art Trainingslager. So geht es für Steffi am Donnerstag erst einmal zur Feuertaufe auf die HamMUN nach Hamburg. Dort vertritt man zwar in der Regel nicht dasselbe Land wie später in New York, aber sammelt Erfahrung auf dem simulierten internationalen Parkett und hat auch einmal die Chance, ein richtig großes Land beispielsweise mit Sitz im Sicherheitsrat zu vertreten. „Das ist in New York wegen des enormen Arbeitsaufwandes und der Sprachbarriere einfach nicht möglich.“
Informationen über kleinere und größere MUNs findet man im Internet. Ein guter Ausgangspunkt ist zum Beispiel http://www.muns.de
Wer nach New York will, kann sich im nächsten Jahr wieder bei JGW e.V. (http://www.jgw-ev.de) bewerben, Voraussetzung ist unter anderem ein auf Englisch verfasstes Essay. Auf der Website findet sich auch Weiterführendes über das Projekt sowie, falls man der Gruppe finanziell unter die Arme greifen möchte, Informationen für potenzielle Förderer. Für Studenten der Universität München interessant: Auch die LMU entsendet eine Gruppe (http://www.lrz-muenchen.de/~nmun/), allerdings gilt es hier, ein mehrstufiges Auswahlverfahren zu bestehen.
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