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Jenseits der Sprachgrenzen

von Bettina Pfau

Jahr: 2013, Woche: 16

Anselm Geiger, Justina Bauer und Christopher McMullen-Laird bringen im internationalen Orchester Studenten zusammen. Diese sprechen vielleicht keine gemeinsame Sprache, aber sie können sich doch verständigen - denn Musik braucht keine Sprache.

Christopher braucht keine Worte, um sich mit Studenten aus verschiedenen Ländern zu unterhalten. Als Dirigent des Münchner internationalen Orchesters verständigt er sich mit der hier einzigen von allen fließend gesprochenen Sprache: der Musik. Noten sind die Grammatik, Instrumentenklänge die Aussprache. Erhebt Christopher McMullen-Laird (Foto: Joe Donovan) seinen Taktstock, verfliegen jegliche Sprachbarrieren zwischen den Musizierenden, die ihre Instrumente auf ganz unterschiedlichen Kontinenten erlernt haben. Ziel erreicht.

Denn das Zusammenkommen von einheimischen und ausländischen Studenten, war die Motivation der Gründer des Orchesters vor etwa drei Jahren. 15 Freunde saßen damals in einer WG-Küche und tauschten Erfahrungen aus. Über die Leidenschaft zur Musik im Allgemeinen und ihre Auslandserfahrungen im Besonderen. Anselm Geiger und Justina Bauer, beide Vorstandsmitglieder des Orchesters, erinnerten sich zurück: Sie selbst hatten im Rahmen eines Erasmus-Programms sowie eines Praktikums Zeit im Ausland verbracht und die Probleme erfahren. Anschluss zu finden, sei so eine Schwierigkeit. Viele Städte seien überfüllt von Erasmus-Studenten, erklärt Justina, Fagottistin im Orchester. Oft fehle Einheimischen der Wille, diese kennenzulernen, weil sie ohnehin bald wieder weg sein werden oder weil die Sprachbarrieren verunsichern. Die Lust auf einen erneuten Auslandsaufenthalt vergehe so schnell.

Mit dem internationalen Orchester sollte ein Treffpunkt für deutsche und ausländische Studenten geschaffen werden. Noch Ende 2010 gründen Anselm und Justina mit ihren Freunden den Verein Münchner internationales Orchester e.V. Bereits wenige Wochen später gaben sie ihr erstes Konzert. Mittlerweile kann sich das Orchester mit mehr als 70 Mitgliedern mit anderen großen Laienorchestern messen. Zu verdanken ist dies auch Christopher, der seit Oktober 2011 dirigiert. Der gebürtige Amerikaner ist nicht nur studierter Musiker, sondern kann bereits Engagements an verschiedenen Theatern und Opern aufweisen, momentan ist er an der Bayerischen Staatsoper in München. „Es gibt Vereine, in die man nur sehr schwer reinkommt“, erklärt er – bei ihnen habe jeder eine Chance.

Beim „Welcome Day“ der Universitäten, der immer zu Semesterbeginn stattfindet, stellt sich das Orchester nicht nur mit einem Info-Stand, sondern direkt mit einem kleinen Konzert vor. Wer Lust hat mitzuspielen, darf zum Vorspiel kommen. Dort gehe es vor allem um ein erstes Kennenlernen und darum, ein gemeinsames Niveau zu finden. Für viele der Austauschstudenten sei bereits das Vorspiel eine Erleichterung, sagt Christopher: „Sie können oftmals kaum Deutsch. Aber Klarinette, das können sie! Das ist ein Teil ihrer eigenen Biografie, der sie schützt und willkommen heißt.“ Und wenn das Talent einmal nicht allzu groß ist, gibt es immer noch eine andere Möglichkeit, etwa bei einem weniger schwierigen Stück mitzuspielen.

Dass die Musik die Studenten verbindet, beweisen zahlreiche Anekdoten. So erzählen Anselm, Justina und Christopher von einer japanischen Studentin, die sich im Vorspiel weder auf Deutsch noch auf Englisch sicher verständigen konnte. Erst als die Asiatin ihre Querflöte ansetzte, waren alle Hemmungen verloren. Nun ist die Flötistin wieder in der Heimat, aber der Kontakt hält an. Häufig besuchen ehemalige Mitglieder Konzerte oder helfen, Auftritte im Ausland zu organisieren.

Daran zeigt sich ein weiteres Charakteristikum des internationalen Orchesters: die gründliche Organisation. Im Unterschied zu anderen Studentenorchestern ist es an keine Institution gebunden und auf die Unterstützung der Mitglieder angewiesen. Innerhalb des Orchesters gibt es Freiwillige, die Aufgaben übernehmen: „Das ist ein Mannschaftssport. Nicht nur musikalisch, sondern auch organisatorisch muss jeder mitziehen. Sonst funktioniert es nicht“, sagt Christopher.

Doch so geregelt das Orchester auch sein mag – der Kreativität wird keine Grenze gesetzt: Jedes Semester erkunden die Musiker einen Teil der Welt. Etwa Stücke aus Skandinavien unter dem Motto „Nordlichter“. Ihr Repertoire ist klassisch, dennoch halten sie stets einen Platz im Programm für neue Musik frei. Für „Nordlichter“ hat ein 23-jähriger Komponist aus Norwegen ein Stück komponiert und es bis zur Uraufführung betreut. Christopher betont, wie wichtig es sei, durch die gemeinsame musikalische Entwicklung auch neue Klangsprachen zu entdecken. So entschlossen sich die Musiker an einer Stelle des norwegischen Stückes, Musik nur aus Luft zu machen. Die Bläser haben nur in die Instrumente geblasen, die Streicher haben anstatt auf den Saiten auf dem Holz der Geige gestrichen. Ein sanftes Windspiel entstand, erinnert sich Christopher – jenseits der Sprachgrenzen.

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