Post Thumbnail 3864

Gleichgewicht halten – 262 Meter lang

von Franziska Nicolay

Jahr: 2011, Woche: 31

Lukas Irmler gehört zu den erfolgreichsten Slacklinern der Welt – in allen drei Disziplinen: Highlinen, Longlinen, Tricklinen. Davon gebe es mittlerweile auch nicht mehr viele, sagt er, weil sich alle auf einem Gebiet spezialisieren. Nahezu alle, bis auf Lukas.

Lukas zieht sich aus. Zuerst die Schuhe. Dann folgen die Socken. Die Hose, das Shirt. Der 23 Jahre alte Mann aus Freising zieht sich nicht auf die übliche Weise aus, auch nicht wegen des Publikums. Lukas Irmler ist seit etwa fünf Jahren ein Slackliner – und mit solchen Späßchen probiert er neue Sachen aus, so dass es ihm auch nie langweilig auf dem Seil wird. Aber das ist natürlich nicht alles, was der blonde Chemie-Student kann: Er hat Rekorde beim Longlinen aufgestellt (262 Meter), beging die erste Highline in Südfrankreich (77 Meter) und lässt sich auch beim Tricklinen nur schwer aus der Balance bringen.


2006 begann seine Slackline-Karriere. Eigentlich nur als Versuch. Denn Lukas kommt aus der Kletterszene. „Kletterer slacklinen häufig zum Ausgleich, an den Tagen, an denen sie nicht klettern“, erklärt Lukas. So ist auch er dazu gekommen. Beim ersten Mal hat es gar nicht so gut geklappt. Außerdem habe er das Slacklinen anfangs überhaupt nicht verstanden, keinen Zugang zu dem Sport gefunden. Aber irgendwie kam er doch immer mal wieder dazu, sich auf ein Seil zu stellen. Und als er dann das erste Mal zehn Meter gelaufen war, hat ihn der Eifer gepackt. „Etwas geschafft zu haben, das man davor als unmöglich empfunden hat, ist einfach sehr motivierend“, erklärt Lukas.


Dieses Wissen scheint Lukas anzutreiben. „Du versuchst etwas, was dir unmöglich erscheint. Es funktioniert nicht. Dann übst du es ein paar Mal und kannst das für unmöglich Gehaltene möglich machen!“ Fast beneidenswert, so eine Zielstrebigkeit. Aber die braucht man wohl auch als Chemiestudent: Vergangenes Semester hatte Lukas 45 Semesterwochenstunden. Da erscheint es eigentlich auch unmöglich, nebenbei intensiv Sport zu treiben. „Das ist nur eine Frage der Organisation“, erklärt der junge Slackliner selbstverständlich. Er habe immer schon gut organisieren können. Außerdem fiele ihm vieles einfacher als anderen Studenten, so könne er es sich erlauben, ab und an mal nicht in die Uni zu gehen. Das klingt selbstsicher, aber nicht überheblich. Ohne Selbstsicherheit wäre man auf so einem Seil wohl auch verloren.


Highlinen, Longlinen, Tricklinen – er will einfach alles auf Weltklasse-Niveau können. Davon gebe es mittlerweile auch nicht mehr viele, sagt er, weil sich alle auf einem Gebiet spezialisieren. Nahezu alle, bis auf Lukas. Dass er ein Ausnahmetalent ist, weiß er auch selbst. Auf seinen Lorbeeren will er sich aber nicht ausruhen. Er plant schon den nächsten Rekord.


Es scheint, dass die Höhenluft Lukas Glück bringt. Sponsoren stellten sich ein, sodass besseres Equipment die Folge war. So habe sich das Slacklinen langsam in sein Leben geschlichen. Hätten ihn nicht immer wieder Kletterfreunde damit konfrontiert, ihn aufgefordert, sein Gleichgewicht zu schulen, wäre er wohl nicht so erfolgreich auf der Slackline geworden.


Und genau diese gemeinsame Begeisterung erfreut Lukas: „Das Interessante ist, dass der Sport von Freunden an Freunde weitergegeben wird. Wie beim Skaten damals.“ Deshalb musste man Lukas nicht zweimal bitten, Anfang dieses Jahres mit nach Südafrika zu kommen, um bei einem Mountainbike-Rennen Slackline-Einlagen vorzuführen. Lukas nahm die Chance, anderen Leuten seinen Sport zu zeigen, gerne wahr. Er ging in die Townships, um den Kindern an den Schulen das Slacklinen zu zeigen und ihnen anschließend sein Equipment zu überlassen.


Zwei Wochen waren schnell vorbei und das Studium steht wieder im Vordergrund. Wenn der Slackliner den Bachelor abgeschlossen hat, will er eine Pause einlegen, bevor er miz dem Master beginnt.


Gerade jetzt, wo sich mit den Sponsoren und seinem Können so viele Möglichkeiten bieten, möchte er sie einfach nicht ungenutzt lassen. Reisen sei beim Slacklinen wichtig und für Lukas interessant. Nicht nur, um tolle Plätze für das Slacklinen zu entdecken, sondern auch, um neue Länder und Menschen kennen zulernen. „Als nächstes steht ein Amerika-Trip an. Im Yosemite Valley ist das Slacklinen entstanden“, sagt Lukas. Außerdem will er nach Australien, Brasilien, Venezuela . . . Lukas offenbart eine lange Liste an Reisewünschen, die irgendwie unmöglich für eine einzige Studienpause erscheinen. Aber Lukas kennt sich mit Unmöglichkeiten mittlerweile aus.


Foto: Jacques Marais

Teilen

Kommentare sind geschlossen.