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Fremdes Terrain

von Anna Goudinoudis

Jahr: 2010, Woche: 18

Erwachsen werden die meisten - irgendwann. Nur das „Wie“ unterscheidet sich. Eines haben Situationen, nach denen man sich reifer fühlt, jedoch gemeinsam: Man macht Erfahrungen zum ersten oder letzten Mal. Heute: zum ersten Mal in der alten Schule

Meine Mutter braucht eine Schulbestätigung. Irgendetwas mit dem Kindergeld und der Steuer. Drei Jahre ist es jetzt her, dass ich die Schulbank gedrückt habe. Immer die gleichen Leute, die man schon so lange kennt. Der gleiche Tagesablauf, die gleichen Lehrer, derselbe Unsinn, den man stiftet. Die Rituale wurden selten gebrochen. Was habe ich mir zu Schulzeiten Sorgen gemacht. Wie wohl alles werden wird, danach? Und weitergegangen ist es immer.
Ich gehe die Treppe hoch zum Sekretariat. Eigentlich dürfen die nur die Lehrer nehmen. Aber das hat uns nie wirklich abgehalten. Außerdem bin ich in diesem Haus irgendwie undefiniert. Kein Schüler, aber auch kein Lehrer, mehr ein Besucher. So fühle ich mich auch. Obwohl alles so gleich ist, ist es doch anders. Ich kenne die Schüler nicht mehr. Nur wenige Lehrer nicken mir zerstreut zu.


Im Sekretariat erinnert sich die Mitarbeiterin noch an mich. Irgendwie freut mich das. Man ist doch kein absolut unbeschriebenes Blatt. Mit der Bestätigung in der Hand gehe ich durch das Schulhaus. Es ist ein komisches Gefühl. Ich fühle mich fremd an dem Ort, der doch eine so lange Zeit zu meinem Leben gehört hat. Schulpartys, Theateraufführungen, Bigband-Konzerte, gute und schlechte Klausuren, Facharbeitsabgabe, Abitur.


Jetzt merke ich, dass es einfach nicht mehr meine Welt ist. Die Herrschaft wurde abgetreten. Und ich weiß, dass ich auf keinen Fall mehr zurück will. So schön die Zeit auch war. Die eingeritzte Mitternachtsformel auf der vorletzten Toilette im ersten Stock ist auch weg.

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