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Die letzten Zeugen

von Doro Merkl

Jahr: 2013, Woche: 17

Valeriya Golodyayevska und David Friedmann haben Holocaust-Überlebende porträtiert. In ihrer Ausstellung wollen die beiden Studenten zeigen, wie diese Menschen ihr Schicksal überstanden haben. Ein spannendes, aber auch schwieriges Thema!

Auf dem Bild: der Arm einer Frau, die Haut vom Alter gezeichnet und von dem Code A 26959, einer Tätowierung, die sich über den halben Arm zieht. Es ist der Arm von Eva Umlauf, sagt die Studentin Valeriya Golodyayevska, der Arm einer Holocaust-Überlebenden. Als knapp Zweijährige bekam sie bei der Ankunft im Konzentrationslager in Auschwitz diese Kennzeichnung. Die Tätowierung ist im Laufe ihres Lebens mitgewachsen. In den nächsten Wochen wird dieses Bild Teil einer Ausstellung über Holocaust-Überlebende in München sein, die David Friedmann und Valeriya (Foto: Stephan Rumpf) zusammen gestaltet haben.

Ihre Zusammenarbeit begann schon im vergangenen Jahr mit einer ersten Ausstellung zu diesem Thema. David begleitete damals eine Reisegruppe nach Krakau und Auschwitz und fotografierte im Lager. Valeriya ergänzte die Bilder später mit passenden Textstellen aus einem jiddischen Gedicht. Auch für das neue Projekt kam die Idee von David. Er sah die Aktualität in Punkten wie dem NSU-Prozess und einem neuen Faschismus, der nicht nur von rechts komme, wie er sagt. Der Student porträtierte die fünf Menschen mit der Kamera, Valeriya fragte nach ihren Geschichten. Für beide keine leichte Aufgabe. „Ich habe mir nie ausgemalt, was es heißt, sich so intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen“, sagt die 22-Jährige und ihre Augen werden ganz schmal, ihr Gesichtsausdruck ernst.

Die beiden sitzen im Cadu, dem Café an der Uni, als sie von der Ausstellung erzählen. Valeriya arbeitet hier neben ihrem Studium. Ihre Kollegen grüßen sie, albern ein bisschen mit ihr. Sie scheint ein fröhlicher, aufgeweckter Mensch zu sein. Doch die Arbeit mit dem Holocaust, den Geschichten seiner Überlebenden, habe sie manchmal beinahe depressiv gemacht. „Ich habe mich gerade am Anfang gar nicht getraut, alles zu fragen“, sagt sie. Und: „Es macht so baff und sprachlos.“ Auch David ging es ähnlich. „Es ist so ein schwieriges Thema, weil die Schicksale fast surrealistisch sind“, findet er. Es sei gewesen, wie in einer anderen Welt zu fotografieren. Er schließt die Augen, wenn er davon erzählt. Dann aber sprechen Valeriya und David wieder mit Begeisterung von den Menschen, mit denen sie sich das vergangene halbe Jahr so ausgiebig beschäftigt haben. Von dem Glück, das die Überlebenden hatten, und davon, mit welcher Stärke sie durchs Leben gehen. „Sie machen keine Schuldzuweisungen, sie wollen keine Rache“, sagt Valeriya und ihre Bewunderung für diese Einstellung klingt in ihren Worten mit.

Die zwei Studenten scheinen ganz unterschiedliche Menschen zu sein. Die Art, wie sie sprechen: er, sehr bedacht, gewählt und manchmal fast pathetisch. Sie, die schlagfertig wirkt, ihre Worte spontan wählt, um sie später zu erklären. Die Art, wie sie über die Ausstellung sprechen: er, distanziert, der Fotograf, der beobachtet. Sie, umso näher dran. Und die Diskussionen, die sie miteinander führen, über Details der Geschichten, oder einfach nur über die Frage, ob man Fotograf nun mit ph oder f schreibt. Sie sind ein gutes Team, das merkt man ihnen an, aber wohl auch kein ganz einfaches.

Schon als Jugendliche hat sich Valeriya für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust interessiert. Ihre Urgroßeltern waren jüdisch, sie selbst ist russisch-orthodox getauft, aufgewachsen ist sie in der ehemaligen Sowjetunion und wurde atheistisch erzogen. „Meine Urgroßeltern hatten das Glück, nicht von der Shoah betroffen zu sein.“ Und daher spiele es für die Ausstellung auch keine Rolle. Beschäftigt hat sie das Thema trotzdem. Vor zehn Jahren kam sie nach München und studiert hier inzwischen Alt-Griechisch. Auch David Friedmann ist nicht in Deutschland geboren. Wo seine Familie ursprünglich herkommt, das verrät er nicht. Er sei eben Künstler und Kosmopolit, sagt er.

Entstanden sind all die Bilder in München, doch keiner der Porträtierten kommt ursprünglich aus der Stadt. Manche habe die Liebe hierher geführt, für andere sei der Grund wohl Kraftlosigkeit gewesen, noch weiter zu ziehen, nachdem sie aus den DP-Camps nach München gekommen sind. David inszeniert die Geschichten der Menschen in seinen Bildern – sowohl ihre Geschichten aus dem Holocaust, als auch ihre Geschichten danach. So versteckt Salo Wolf ein Mädchen unter seinem Mantel, so wie er versucht hat, in Krakau eines zu retten. Senek Rosenblum tritt als der Fußballer auf, der er nach dem Krieg zeitweise beim TSV 1860 München war. Roman Haller steht in einem Wald, der an seinen Geburtsort erinnert, als seine Eltern auf der Flucht waren. Eva Umlauf sitzt auf einem Karussellpferd in ihrer Wohnung. Joanna Turbowizc, mit Kreuz und Davidsstern an einer Halskette, sitzt zwischen zwei Stühlen, ist sie doch als Katholikin aufgewachsen und erzogen worden und hat erst im Erwachsenenalter davon erfahren, Jüdin zu sein. Sie ist die einzige in der Ausstellung, die den Holocaust nicht selbst erlebt hat, und sie ist die, mit der Valeriya sich aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte am besten identifizieren kann.

Die Ausstellung wird in der Europäischen Janusz Korczak Akademie zu sehen sein. Jeder der Fotografierten, jede Geschichte, bekommt seinen eigenen Bereich. Im Hintergrund soll man leise die Geräusche eines fahrenden Zuges hören. David sagt, es sei eine Ausstellung von ihnen für alle, nicht nur für jüdische Besucher. Opfer und Schuld seien dabei fehl am Platz, fügt Valeriya hinzu. Denn es gehe nicht nur um das, was diese Menschen erlebt, sondern vor allem auch darum, wie sie es überstanden haben. Und das ist es auch, was Valeriya so fasziniert. „Für mich ist es immer noch ein Rätsel, wie diese Menschen das geschafft haben.“

Die Ausstellung ist im Mai in der Europäischen Janusz Korczak Akademie, Sonnenstraße 8, zu sehen. Die Vernissage findet am 5. Mai um 19 Uhr statt (nur mit Anmeldung). Die Ausstellung läuft bis zum 31. Mai, geöffnet Montag bis Donnerstag von 10 bis 14 Uhr – und nach Vereinbarung unter info@ejka.org oder telefonisch unter 089/37946640.

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