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Die fabelhafte Welt der Talking Pets

von Marie Schoeß

Jahr: 2012, Woche: 08

Eine grüne Wiese, ein roter Luftballon der in den blauen Himmel steigt, dazwischen weiße Wolken... Entweder man betrachtet bei diesen Bildern eine Kinderbuchseite - oder das neue Musikvideo der Indie-Pop-Band "Talking Pets". Letzteres ist alles andere als ein gewöhnlicher Clip: in mühevoller Kleinstarbeit ist Bild für Bild ein Film entstanden.

Es ist eine Welt wie aus dem Bilderbuch: Der blaue Himmel ist mit kleinen Quellwolken beådeckt, die nichts ausrichten können gegen die strahlend gelbe Sonne und den grünen Rasen mit roten Blumen. „Traumwelt“ nennt David Klein das. Er stand für das Video der Münchner Band Talking Pets hinter der Kamera und fotografierte die Bilderbuchwelt ab. Immer und immer wieder. Es ist der Song „Carolina“, für den die Band ihr erstes Musikvideo aufgenommen hat: „Es ist ja mittlerweile fast eine Schande, dass wir noch kein Video gemacht haben, nachdem es die Band ja nun doch schon eine Weile gibt“, sagt Bassist Christoph Geigl.

Eine Weile bedeutet, dass die Indie-Pop-Band nun ihr zweites Album herausbringt und sich seit ihrer Debüt-CD 2009 immer wieder als umtriebig und spannend gezeigt hat, ob beim Stadt-Land-Rock-Festival oder beim „Sound of Munich now“. Doch für ein Video mangelte es den vier Musikern bisher immer an irgendetwas: an jemandem, der sich mit dem Dreh von Videos auskannte, an Zeit und immer wieder an Geld. Bis Schlagzeuger Lennart Stolpmann bei einem Praktikum David kennenlernte. Die beiden sprachen während eines gemeinsamen Mittagessens über die Band, und über ein Video, bei dem David helfen konnte.

Nach seinem Abitur wollte David, ein gebürtiger Münchner, erst einmal weg von daheim. Er ging nach England, um dort Produktion für Film und Fernsehen zu studieren. Nach dem Grundstudium zog es ihn aber doch dorthin, „wo eigentlich jeder hin will, der in der Richtung arbeitet“. Er verließ die Metropole London und nahm ein Regie- und Kamerastudium in Bournemouth auf. Zurück nach München mochte der Mittzwanziger danach nicht sofort. Nach der Ausbildung blieb er zunächst in England, arbeitete als freier Regisseur und Kameramann, bis ihn schließlich doch das Heimweh überkam und er zu seiner Freundin wollte. Es folgten Filmarbeiten, Praktika, Regieassistenzen, die Arbeit als Aufnahmeleiter. „Tausend Positionen“, bis ihn 2010 eine Agentur für Filmproduktion als Produzent engagierte.

David hat also genügend Erfahrungen, um das Projekt der Talking Pets anzugehen. An einem Abend in Schwabing lernte er die anderen Bandmitglieder kennen, gemeinsam sammelten sie Ideen. Immer wieder verwarfen sie Einfälle, drehten zur Probe. Schließlich kam der Gedanke: Sie wollten ein Stop-Motion-Video versuchen. Jede Bewegung muss einzeln fotografiert werden, um Bildersequenzen daraus zu machen. „Im Endeffekt ist es so, dass du jede Bewegung, die passiert, einzeln abfotografieren musst und Bildersequenzen daraus machen musst: Du musst jede Wolke um jeden Zentimeter verrutschen, die Sonne verrutschen, die Vögel verrutschen“, erklärt David. Doch all das kam später. Erst einmal ging es wieder in ein Café.

Zunächst überlegten sie zusammen mit David, welche Szenen des Songs sie umsetzen wollten und vor allem wie. „Das Schwierige war, dass der Song nicht so bildlich ist, sondern eher von Gefühlen handelt. Aber ich glaube, wenn man genau hinschaut, erkennt man die ein oder andere Textstelle im Video wieder“, sagt Christoph. Einen Nachmittag verbrachten sie im Bastelladen, kauften Pappe zum Basteln in blau, gelb, rot – die Band musste ihre Traumwelt aus Sonne, Wolken und Blumen selbst skizzieren und ausschneiden. Aufgebaut wurde die Papp-Landschaft in Davids leergeräumter Wohnung.

Es gab nur einen groben Plan, dazu kam viel Improvisation und ein wenig Glück. „Im Nachhinein sind wir blauäugig da herangegangen“, sagt Christoph. Einen Tag lang machten sie Fotos, verrutschten Wolken und Blumen, Stück für Stück. Die vier Bandmitglieder lagen ebenso lange auf dem Boden. „Die vier mussten in den unterschiedlichen Situationen daliegen, sich in kleinen Veränderungen mitbewegen und den Kopf hochheben, damit der nicht absackt. Das haben sie einen Tag lang gemacht und ich habe knapp 4000 Fotos gemacht“, sagt David und schmunzelt. „Während des Drehs kam uns dann noch die Idee, dass wir bei den Talking Pets eine Auflösung mit einem Tier machen könnten. Wir haben dann Lola, meinen Hund, auf den Stuhl gesetzt und sie als Regisseurin von dem Ganzen gezeigt.“ Sie habe gut mitgemacht, auch wenn es anfangs gar nicht so leicht war, das Tier zu motivieren.

Es entstanden träumerische Szenen: Eröffnet von der aufgehenden Sonne treten die Bandmitglieder in die Landschaft hinein, fahren mal auf einem Skateboard über den Papprasen, finden eine Blume oder lassen einen roten Luftballon in den blauen Himmel steigen.

Da sind Rückenschmerzen vorprogrammiert: Die Musiker lagen für den Dreh auf dem Boden.

 

Ob David vor dem Dreh wusste, wie viele Fotos es brauchen würde? „Ich habe das schon grob ausgerechnet“, sagt er. Für eine normale Videoaufzeichnung brauche man 25 Bilder in der Sekunde. Der Song dauert vier Minuten. Doch gereicht haben die Fotos nicht ganz. Tags drauf mussten die Bandmitglieder trotz Rückenschmerzen also noch einmal antreten.

David aber hatte keine Zeit und da sprang Lukas Meissner ein, der eigentlich nur das Editing übernehmen wollte. Er fotografierte die Nachtszenen für das Video. Neben seiner Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton legt der 23-Jährige selbst auf und bloggt auf munichopenminded.com. Er hat die Seite mit Freunden gegründet. Sie wollen sich wehren gegen den anhalten Berlin-Trend und begeistern mit der jungen Münchner Kultur, mit neuen Bands oder aktuellen Partys: „In München geht sehr viel, nur muss man eben ein wenig danach suchen.“

Mit den Talking Pets ist Lukas schon länger befreundet – und hat „dann zum Glück noch die fehlenden Bilder aufgenommen“, sagt Bassist Christoph, der immer noch ein wenig überrascht wirkt, dass der Clip am Ende doch fertig wurde. Lukas sortierte, schnitt und spielte mit den Farben. Bis am Ende des Videos, kurz bevor Davids Hund von seinem Stuhl springen darf, bunte Pappstreifen verkünden: The End.

 

Fotos: Talking Pets

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