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Der Junge, der „Wolf“ schrie

von Christian Carbonaro

Jahr: 2013, Woche: 28

„Das ist mal ein Ding!“ – so manche Geschichte unserer Freunde bringt uns regelrecht ins Staunen. Dass dabei manchmal geflunkert, übertrieben und ausgeschmückt wird, ist uns eigentlich klar. Ein Lügenbaron auf Wolke 7.

Ich krame meinen Tabak raus und will nach draußen, wo es hoffentlich angenehm kühl ist. Willkommende Abwechslung zur heißen Luft, die mein Sandkastenfreund Charlie drinnen an der Bar von sich gibt. Er drückt die Brust weit raus, reckt den Kopf mit den schwarzen Locken und plustert sich auf wie ein Gockel in der Balz. Und dann beginnt das mir allzu bekannte Spiel: „Charlie ist der Geilste.“

Er erzählt farbenfroh von seiner neuesten Beinahe-Eroberung. Die Schauspielerin Sibel Kekilli hätte er neulich im Kino getroffen und wäre auch beinahe mit ihr im Bett gelandet. Klar… Ich widme mich schnell meinem Bier um meinen aufkeimenden Protest runterzuschlucken, was Charlie nicht wahrnimmt. Er ist zu sehr in seiner Geschichte gefangen und holt aus zur nächsten Episode, ein weiteres Abenteuer Marke „Käpt’n Blaubär“, das ich mindestens zehn Mal in verschiedenen Ausführungen gehört habe. Und ich verziehe mich.

An solchen Abenden frage ich mich, ob Charlie eigentlich selbst an seine teilweise aberwitzigen Stories glaubt. Wahrscheinlich schon. Das Schöne ist, er ist ein außergewöhnlich talentierter Märchenonkel, ein regelrechter Homo narrans, und sein Publikum hängt ihm meist zu Recht an den feminin-geschwungenen Lippen. Ich bin da keine Ausnahme. Ich kenne zwar viele Varianten der klassischen Evergreen-Platten, die Charlie an gemeinsamen Barabenden auflegt, den wahren Kern hinter den Geschichten habe aber selbst ich als langjähriger Freund nicht immer freilegen können. Denn er bewegt sich immer so nahe an der Grenze zur Wahrheit, dass man den Braten zwar riechen, aber nicht schmecken kann.

Empfindlich kühler als nötig ist es vor der Tür. Ich setze mich, rauche und starre blödsinnig geradeaus. Eigentlich habe ich gute Lust, Charlie, der jahrelang in seine Mathelehrerin verliebt war und früher in Sachen Liebe und Sexualität eher am untersten Ende der Nahrungskette zu finden war, mal auffliegen zu lassen. Die dunkelhaarige Frau, die während ich vor mich hin brüte die Bar betritt, bemerke ich kaum. Zwei Zigaretten, einen mitgebrachten Jägermeister und 15 Minuten besonnener Kontemplation später tritt sie wieder in Begleitung von „Mr. Charlie Sheen“ auf die Straße – sein Arm um ihre Schulter. Ich bleibe unsichtbar und unter dem Licht der Straßenlaterne sehe ich ihr Profil. Moment! Diese Nase… das ist doch jetzt nicht wirklich…!

 

Schickt uns eure schönsten, absurdesten und gewagtesten Geschichten, die in eurem Freundeskreis kursieren.

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