schülerhaus

Demokratie nach dem Schulgong

von Caroline von Eichhorn

Jahr: 2014, Woche: 12

Julia Hamm, 17, und Julian Schulz, 26, träumen von einem neuen Treffpunkt in München: Ein Haus, in dem Jugendliche alles machen können, zu dem sie in der Schule nicht kommen. So sollen sie lernen, wie Demokratie in der Praxis funktioniert.

Es ist riesig und leer. Staunend blicken Julia Hamm, 17, und Julian Schulz, 26, die hohen, dreckig-gelben Wände des Bauwerks in der Fürstenriederstraße 155 hinauf. „Das könnte ein ziemlich geniales Schülerhaus werden“, sagt Julian. Die zwei stehen vor dem gigantischen Gelände, auf dem viel Wald ein mächtiges, altes Gebäude umgibt: die ehemalige bayerische Landesschule für Gehörlose beim Westpark.

Julia, Julian und weitere Leute aus dem Münchner Schülerbüro (MSB) suchen nun schon seit zwei Jahren ganz München nach einem geeigneten Gebäude ab, in dem sie ihre Vision realisieren können: das Münchner Haus der Schülerinnen und Schüler. Sie träumen von einem großen Haus, in dem Heranwachsende alles machen können, zu dem sie in der Schule nicht kommen: Initiativen, Zeitungen, Workshops, sich mit anderen Schulen vernetzen, Ideen austauschen.
Vielleicht wäre die ehemalige bayerische Landesschule für Gehörlose dafür geeignet. Julian latscht mit den Händen in den Jackentaschen los, eine Runde um das Gebäude herum, Julia hinterher. Sie kommen an mit Blumen bemalten Wänden vorbei, an mit Holzplatten zugenagelten Fenstern und an hohen, verschlossenen Rundbogen-Gittertoren – ein ziemlich episches Anwesen. „In der Mitte ist anscheinend ein Innenhof mit einem Swimmingpool“, sagt Julian und starrt auf die Wand. Ob es den Swimmingpool tatsächlich gibt, konnte er bisher nicht erfahren.

„Ein Swimmingpool wäre natürlich eine bombastische Ergänzung für ein Schülerhaus“, sagt Julian, und weiß, dass das ein Wunschbild bleibt. Die meisten Ideen für das Schülerhaus sind allerdings inzwischen mehr als nur Träumerei. Über das genaue Konzept informieren die Initiatoren in einer DIN A4-Broschüre, in Naturpapier. „Gelebte Partizipation“ heißt es darin, das Haus sei der „Schlüssel zur Demokratie“. Alle Schulen Bayerns könnten es nutzen, es würde Schlafsäle geben sowie einen „Co-Working-Space“ und einen Bereich für Pädagogen. Geplant sind auch ein Kino und eine Bibliothek, das Haus stünde temporären und ständigen Bewohnern offen. In der Regel würde es von Gruppen genutzt werden, nur in Ausnahmen von Einzelpersonen, was die Grundidee des Schülerhauses unterstreicht: Teamarbeit. „Miteinander statt gegeneinander, aber auch Reibung und Diskussion“, sagt Julian.

Inzwischen haben Julia und Julian das Gelände der ehemaligen Gehörlosenschule fertig gesichtet, nun sind sie auf dem Weg zur nächsten Station: das Schwere-Reiter-Gelände am Leonrodplatz. Hier entsteht das Münchner Kreativ-Quartier – das wäre auch ein potenziell passender Ort für das Schülerhaus. Gerne hätten sie es in einen solchen kulturellen Kontext eingebettet und würden sich neben Filmschaffenden, Kreativköpfen und Theaterfreaks ansiedeln. „Dort könnten sich Schüler jede Menge Inspiration holen“, sagt Julia. Doch die Pläne des Münchner Kreativ-Quartiers sind schon fortgeschritten – ohne Schülerhaus. Insgeheim hoffen Julia und er, dass vielleicht doch noch Räumlichkeiten auf dem 200 000 Quadratmeter großen Areal frei werden.

Seit dem 11. Juni 2013 ist das Schülerhaus offizielle Forderung des Kreisjugendrings. Drei weitere Verbände sind an der Idee beteiligt: Die Stadtschülerinnenvertretung (SSV), das MSB und Die Aktion! Jugendbeteiligung. Beim Bürgermeister-Check im Januar 2014 haben alle Bürgermeisterkandidaten zugesichert, sich für das Schülerhaus einzusetzen. So glaubwürdig hat das Münchner Schülerbüro ihre Idee schon verkauft, die auf den ersten Blick doch irgendwie fragwürdig klingt.

Denn welcher Schüler will denn in eine freiwillige Nachmittags- und Nachtschule gehen? Freizeit ist in Zeiten von strammen Stundenplänen im achtjährigem Gymnasium doch sowieso knapp. Wer will sich da noch außerhalb der Schule mit Schulthemen auseinandersetzen? Und in Schulgebäuden ist doch an sich viel Platz – warum braucht man ein weiteres Haus?

„Wir wurden immer vom Hausmeister rausgeworfen. Wir durften die Schule nach Schulschluss nicht nutzen und auch nicht im Gebäude übernachten“, sagt Julian. In seiner Schule seien die Strukturen für Ideen und Verbesserungen nicht besonders hilfreich gewesen. Mit seinen 26 Jahren ist Julian längst kein Schüler mehr. Doch weil er genau so etwas wie das Schülerhaus früher gerne gehabt hätte, brennt er für die Idee. „Sie wird nur was, wenn jemand langfristig dafür kämpft.“ Julian sieht sich als Konstante zwischen vielen Schülern, die kommen und wieder gehen, wenn sie die Schule verlassen. Seit er begann, 2002 für die Schülerzeitung zu schreiben, interessiert und engagiert er sich für Bildungsthemen.

Er hat noch viele weitere Gründe, warum man ein Schülerhaus braucht. „Schüler lernen hier, mitzubestimmen und wie Demokratie in der Praxis funktioniert.“ Ihm fallen viele Bildungsthemen ein, an denen gearbeitet werden müsste, insbesondere mit der Hilfe von unten, also von den Schülern selbst: „bessere Ganztagsschulen und Raumkonzepte, andere Unterrichtsmethoden, weniger Frontalunterricht, die G 8/G 9-Frage, Chancengleichheit, das dreigliedrige Schulsystem, Lehrerbildung.“

Julian und Julia sind bei ihrem Erkundungszug bei der dritten Station angekommen: das Haus der Jugendarbeit in der Rupprechtstraße. Im ersten Stock sitzen das Münchner Schülerbüro, die SSV und weitere Verbände – hier entstand die Idee für das Schülerhaus. Oft schallen spätabends noch laute Stimmen aus den Fenstern. Die Wände in den Arbeitsräumen sind voller Fotos und Plakate, auf den Tischen stapeln sich Arbeitsmaterialien. Überforderte Schüler? Weit gefehlt. Stattdessen gehen hier viele junge Leute mit Schöpferdrang ein und aus.

Trotz des Engagements ist es noch ein weiter Weg bis zum fertigen Schülerhaus. Aber Julian und Julia glauben fest daran. Nach zwölf Jahren in der Bildungspolitik hat Julian gelernt, einen langen Atem zu entwickeln. Projekte hätten mindestens drei Jahre Vorlauf, bis sie umgesetzt werden. „Es dauert, bis die Leute merken, dass man etwas wirklich will“, sagt er. „Erst dann wirst du gefragt, eingebunden, redest mit, wirst ernst genommen.“ Julian und Julia nehmen es gelassen. Umso mehr Zeit bleibt ihnen, um sich Gedanken zur Ausarbeitung zu machen. „Es ist wie mit Lego. Wenn etwas zu schnell fertig ist, ist es ja langweilig“, sagt Julian.

Foto: Robert Haas

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