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„Das Vielleicht ist das neue Nein“

von Fritz Espenlaub

Jahr: 2013, Woche: 37

Der BWL-Student Philipp Nägelein, 25, will mit seiner App "PlusMe" (Foto: privat) die Tugend der Zuverlässigkeit stärken.

Der BWL-Student Philipp Nägelein, 25, und seine Freunde Maximilian Engelken, Pierre Ostrowski und Robert Kowalski wollen Verabredungen wieder verbindlicher machen. Mit „PlusMe“ haben sie eine Smartphone-Applikation entwickelt, mit der sie die alte Tugend der Zuverlässigkeit zurückbringen wollen. In wenigen Schritten wird ein Treffen ausgemacht, eine Vielleicht-Option gibt es dabei nicht.

SZ: Wie ist die Idee zur App entstanden?
Philipp Nägelein: Bei der EM 2012 wollten wir nach einem Spiel eine Afterparty organisieren, waren aber an unterschiedlichsten Orten in der Stadt. Da haben es dann die einen per Facebook probiert, die anderen per WhatsApp, wieder andere per SMS, und am Ende ist nichts passiert. Bei Verabredungen heute nutzt man verschiedene Kanäle und will sich nicht festlegen. Man bekommt ständig mit, was gerade los ist, und hat deshalb immer Angst, sich falsch zu entscheiden. Das schafft Unsicherheit bei der Abendplanung.

Wie versucht ihr, diese Unsicherheit zu vermeiden?
Der Vielleicht-Button auf Facebook war für uns das Symbol des Sich-Nicht-Entscheiden-Könnens. Das Vielleicht ist im Grunde das neue Nein. Unsere Idee war, dass man in der App auf einen Blick alle Informationen bekommt, die man braucht, und dann eine klare Ansage machen muss. Ja oder nein – und vielleicht gibt es nicht.

Ist Zuverlässigkeit überhaupt durch Technik ersetzbar?
Das ist exakt der Knackpunkt. Im Prinzip hat die Zuverlässigkeit ja durch Technik gelitten. Wenn ich mich früher mit meinen Freunden zum Fußballspielen verabredet habe, dann musste ich auch da sein. Fünf Minuten vorher per SMS absagen, das gab es nicht. Insofern hat das Mobiltelefon dazu beigetragen, extrem viel Unzuverlässigkeit aufzubauen. Jetzt ist es die Frage, ob man diesen Trend wieder umkehren kann.

Gibt es in deinen Augen die „Generation Vielleicht“?
Ja, definitiv. Die Technik hat diesen Prozess nur beschleunigt. Man hat die Möglichkeit, kurzfristig zu- oder abzusagen. Es geht aber auch darum, dass wir immer sehen, was wir gerade verpassen. Man kann nicht nur schneller seine Meinung ändern, sondern bekommt auch den Grund geliefert, warum man seine Meinung ändern sollte.

Inwiefern ist Unverbindlichkeit speziell in unserer Generation ein Thema?
Heutzutage haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, um die Welt zu reisen und in verschiedenen Ländern zu studieren. Unsere Eltern hatten diese Möglichkeiten noch nicht. Das Problem in unserer Generation ist aber eher, dass wir zu viele Möglichkeiten haben. Wenn einem vor 50 Jahren die Marmelade nicht geschmeckt hat, gab man dem Hersteller die Schuld. Heute wirft man sich selbst vor, dass man unter den zwanzig verschiedenen Sorten im Supermarkt die falsche ausgewählt hat. Zu viel Auswahl kann unglücklich machen.

Macht denn eure App etwas gegen diese Inflation an Möglichkeiten?
Ich glaube nicht, dass eine App das kann, denn die vielen verschiedenen Optionen kommen ja durch andere Kanäle. Unser Fokus ist, dass eine Einladung mit der App einen verbindlichen Charakter hat. Das war aber nur der erste Schritt, denn wir mussten feststellen, dass das Nicht-Antworten das neue Vielleicht geworden ist. Das wollen wir natürlich verhindern und entwickeln gerade ein paar Ideen, wie wir noch bessere Anreize schaffen können, sich verbindlich festzulegen.

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