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Bitte kein Starporträt

von Laura Höss

Jahr: 2010, Woche: 43

Tilman Strasser, Münchner Literaturstipendiat, schreibt an seinem Debütroman – namhafte Verlage haben bereits Interesse. Doch Starallüren sind dem jungen Mann fremd.

Keine Hornbrille. Keine Augenringe. Keinerlei Anzeichen von durchzechten oder durchgearbeiteten Nächten. Nichts. Tilman Strasser ist eine Enttäuschung – wenn man sich zu sehr verrannt hat in die romantisierte Vorstellung, wie junge Schriftsteller zu leben haben, wild und ohne Geld. Der junge Mann aus Gauting ist natürlich alles andere als eine Enttäuschung. Er ist Mitte 20, hat schon einige Kurzgeschichten veröffentlicht, schreibt gerade an seinem Debütroman, hat im vergangenen Jahr das Literaturstipendium der Stadt München erhalten – und: Er finanziert mit Schreiben sogar sein Leben. Als Ghostwriter. Er schreibt unter einem Pseudonym Filmbücher und Biografien für die Münchner Lokalprominenz.


Tilman Strasser hat Wuschelhaare. Und ein Gute-Laune-Gesicht. Wenn er lächelt, bildet sich eine kleine Falte unter einem Grübchen. Er lächelt viel, und selbst wenn er versucht, nicht freundlich zu lächeln, wirkt er spitzbübisch – eben wie ein ganz normaler junger Mann. Bescheiden gibt er sich, und wenn er überhaupt einmal seine Zurückhaltung aufgibt, dann mit der Bitte, dass er „kein Starporträt von sich wünsche“.


Tilman Strasser hat in Hildesheim studiert, an der dortigen „Autorenschmiede“, an einer von zwei deutschen Universitäten, die kreatives Schreiben als Studiengang anbieten. Was sich andere autodidaktisch aneignen, wurde ihm dort in Seminaren beigebracht. Er wollte sich nicht nur auf sein Talent verlassen, sagt er, sondern vielmehr auf eine fundierte Ausbildung. „Das Studium zeigt dir, die Stilmittel, die man durch Nachahmung bereits unbewusst verwendet, bewusst einzusetzen“, erklärt er. „Konkret sieht es so aus, dass man sich Texte vornimmt, diese dann analysiert, um die einzelnen Bausteine für seine eigenen Arbeiten zu nutzen.“ Postmoderne in Bestform sozusagen.


Und auch „Hasenmeister“, so der Titel seines ersten Romans, der ursprünglich als Kurzgeschichte gedacht war, entstand während des Studiums. Tilman entschied sich wie etwa die Hälfte seiner Kommilitonen, als Diplomarbeit einen Roman zu schreiben.


Die Hauptfigur, der Violinstudent Felix Hasenmeister, begann mehr und mehr Gestalt anzunehmen und entwickelte sich zu einem komplexen Charakter. Eingeschlossen in der Übe-Zelle eines Konservatoriums, abgeschottet von der Außenwelt und seinem Vater, der im Rollstuhl vor der Tür sitzend über das Leben und seinen Werdegang als Geiger sinniert, beginnt der Violinstudent Felix zu reflektieren. Ein Charakter, in den auch Eigenschaften des Autors eingewoben sind, etwa das musikalische Talent. Die Musik und das Üben sind aber schon die einzige Gemeinsamkeit, die der Autor mit seiner Hauptfigur hat. Der Vater im Rollstuhl, die schwierige Beziehung zu seiner Freundin – alles frei erfunden. Auf keinen Fall sei „Hasenmeister“ ein autobiografischer Roman, betont Tilman Strasser immer wieder.


Und auch sonst gibt sich Tilman Strasser eher undurchsichtig. Überlegt wählt er jedes Wort aus, immer darauf bedacht, nicht zu viel von sich preiszugeben. Als er erzählt, dass er für die Arbeit an seinem Roman vergangenes Jahr das Literaturstipendium der Stadt München erhielt, möchte er das Gesagte am liebsten sogleich zurücknehmen. Tilman Strasser erweckt den Eindruck, als fürchte er nichts mehr als unbegründete Aufmerksamkeit um seine Person – und das, obwohl die Verantwortlichen des Literaturstipendiums von seinem Roman als „einem der interessantesten der vorgelegten Projekte“ schwärmten. Dieses Literaturstipendium wird alle zwei Jahre verliehen und unterstützt vielversprechende literarische Projekte junger Autoren.


Es scheint sich demnach zu lohnen, dieses Studium. Allerdings ist es für viele schwer vorstellbar, dass man so etwas wie „kreatives Schreiben“, also das Schreiben von Geschichten lernen kann. Doch eine Ausbildung gibt Sicherheit – genauso wie ein Plan B. Und auch Tilman Strasser möchte sich nicht ganz auf das Schreiben verlassen, weshalb er versucht, sich schon jetzt mit Werbung und Public Relation ein zweites Standbein aufzubauen. Während andere vielleicht Kellnern gehen oder Taxi fahren müssen, um sich das Schreiben zu finanzieren, hat der 25-Jährige einen Nebenjob als Ghostwriter. Ein amüsanter Beruf, wie er findet: „Im Moment kann ich davon noch nicht leben, aber es wäre ein guter Job neben dem richtigen Schreiben.“


Das richtige Schreiben, das ist der Roman. Mit den ersten 30 Seiten, die für ihn gefühlsmäßig den Kern des Romans bilden, quälte er sich ein halbes Jahr. Vor zwei Monaten gelang ihm schließlich der Durchbruch, denn: „Ich wusste, mein Roman steht und fällt mit diesen 30 Seiten.“


Vielleicht auch, weil Tilman Strasser für sich die Arbeitsweise entdeckte, mit der er zurechtkam. „Ich habe mir einen ziemlich strengen Schreib-Alltag angewöhnt“, erzählt er. Das heißt: Jeden Tag schreiben, egal ob verkatert oder ausgeschlafen, und verkatert sei er des öfteren, erzählt er und lacht.


Verkatert? Alkohol? Endlich ein Schriftsteller-Klischee, endlich das Starporträt. Denn daran wird sich Tilmann Strasser wohl gewöhnen müssen: Durch das Stipendium wurden Lektoren auf seine Arbeit aufmerksam und nun steht er in Kontakt mit mehreren namhaften Verlagen, die Interesse an seinem Roman bekundet haben.

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