lyrik

Auf Umwegen

von Mira Sonia Bahl

Jahr: 2014, Woche: 03

Der Lyriker Roman Schmid möchte nicht unbedingt verstanden werden. Aber verstören. Das ist seine Art, neue Wege zu finden. Denn er fühlt sich eher unbedeutend als sonst irgendwas in dieser Welt. Seine Lyrik soll darauf eine Antwort sein. Dass er damit nicht groß rauskommen wird, weiß er auch.

Kurz und knackig? Nicht so sein Ding. Gestapelte Gedankengebäude dafür umso mehr. Als wären die Hirnwindungen des jungen Mannes tausendfach verzweigt. Es kann schwer sein, ihm da zu folgen. Roman Schmid, 25, nennt das „Umwege gehen“. Er tut das im Kopf, und auch in seiner Lyrik. Statt leicht zugängliche Texte zu schreiben, dreht er Dinge lieber um. Seine Gedichte sollen „in die Sinnlosigkeit hinabgestürzt werden“, sagt er. Wobei er jedes Wort dehnt.
Der Eindruck des komplexen Poeten bestätigt sich in der äußeren Erscheinung zunächst nicht. Seine Kleidung ist eher unauffällig. Er trägt abgetragene Vans-Schuhe, die eine Zeit lang sehr modern waren. Mit einer klaren Stimme erklärt er seine Denke, nicht zu schnell, nicht zu leise. Er sitzt entspannt, und wenn er redet, wirkt er selbstbewusst. Alles in allem gelassen. Wie jemand, der weiß, wie man sein eigenes Ding macht.
Zu schreiben hat der aus einer Mathematiker-Familie stammende junge Lyriker schon während der Schule angefangen. Derzeit studiert Roman im elften Semester Germanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Zumindest halb autodidaktisch hat er sich das Schreibhandwerk beigebracht: Neben dem Studium taten Literaturforen im Internet und seine grundsätzliche Literatur- und Lesebegeisterung dann ein Übriges. 2013 hat er nun seinen ersten Gedichtband bei dem Hamburger Independent-Verlag Doplpack veröffentlicht.
Es sei nicht unbedingt sein Ziel, verstanden zu werden, sagt er. Vielmehr möchte er in seiner Lyrik seine verschachtelte Ansicht der Welt zum Ausdruck bringen. Er sieht die Gesellschaft auf eine große Sinnlosigkeit zusteuern. Deswegen setzt er in seinen Gedichten auf Kontraste: zum Beispiel Anfang und Ende. So versteht man den Zusammenhang nicht mehr und wird mitunter fragend zurückgelassen.
Dem jungen Mann zufolge steuern wir auf eine Zukunft zu, in der durch eine totale Überfrachtung an Informationen durch die Massenmedien kein in die Tiefe gehen mehr möglich sei. So würde irgendwann alles auf eine totale Bedeutungslosigkeit jeglicher Aussage hinauslaufen, da wir keine Zeit und Energie mehr hätten, diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Die einzige Möglichkeit, ein Gedicht „noch sinnvoll hinzubekommen“, sagt Roman, sei dann eben dieses Abknicken des Gedichtes, womit eine direkte Aussage verweigert wird. Denn eigentlich müsste er angesichts dieser Bedeutungslosigkeit – die dann ja auch die Literatur betreffen würde – aufhören zu schreiben. „In der Theorie schon“, sagt er. „Aber in der Praxis geht es halt irgendwie nicht.“ Und deswegen müsse man dann eben weiter schreiben, aber neue Wege finden und ergründen.
sehnsucht ist wie einen kreis malen morgens / mit lippenstift an den spiegel im badezimmer / oder ein hakenkreuz sehnsucht bleibt sehn / sucht wie blaukraut brautkleid bleibt
Seine Texte provozieren. So möchte er eine möglichst große Widersprüchlichkeit im Text schaffen, womit dieser wieder sinnentleert wird. „Der Einzelne und jede seiner Tätigkeiten sind total nichtig. Man hat überhaupt keinen Einfluss auf das Weltgeschehen. Jeder macht halt so sein Ding.“
Jan Struckmeier vom Lyrikkollektiv „July in der Stadt“, bei dem Roman Schmid inzwischen auch Mitglied ist, findet, dass Romans Lyrik dem Leser neue Sichtweisen eröffnen würde. Erst würde man kurz innehalten, man müsse genauer hinschauen, dann würde es Klick machen. „Man bekommt Denkanstöße“, sagt Jan. „Auch wenn ich nicht immer seiner Meinung bin, hat er auf jeden Fall eine interessante Dynamik in seinen Gedankengängen.“ Als eigenen Kopf bezeichnet er den jungen Dichter, teils auch mit einer Tendenz zum Radikalen.
Den Verleger seines Gedichtbandes, Gerold Doplbauer, hat der junge Dichter erst im Deutschen Schriftstellerforum und dann später bei einer Lesung in Hamburg kennen gelernt. „Ich kenne kaum jemanden, der Inhalte trotz der strengen lyrischen Form so gut transportieren kann“, sagt Doplbauer. Er war auf der Suche nach Dichtern, die in seinen Augen große, moderne Lyrik verfassen, aber in der Verlagswelt noch unbekannt sind. „Damals, als ich ihn kennenlernte, war er ungefähr 20 Jahre alt und schrieb diese tiefsinnigen Texte. Und gleichzeitig ist Roman dann im Wesen und Aussehen aber so locker und in seiner Zeit verankert“, sagt der Verleger.
Strenge lyrische Form, das bedeutet bei Roman meist zerpflückte Sätze, die der Leser selbst zusammensetzen muss. Anderweitig mag der junge Dichter seinen Stil nicht definieren. Also dichtet er, wie es ihm gerade einfällt. Das Buch enthält sowohl Prosa als auch Gedichte in klassischer Strophenform. Manchmal fast schon mehr Geschichten und manchmal Sonette.
Mit dem Titel „NebenWirkungen“ des Gedichtbandes bezieht sich Roman auf Erich Kästner. Der hat in den Dreißigerjahren eine „lyrische Hausapotheke“ geschrieben, die in konkreten Notsituationen des Lebens schnelle Abhilfe verschaffen sollte, so das Versprechen. Helfende Mittelchen in Gedichtform bei schmerzlichen Erfahrungen also. Roman möchte jedoch auch hier diese Intention Kästners, sofortige Hilfe zu leisten, ins Gegenteil umkehren. Poetisch verpackt soll das Leben in seiner ganzen Unberechenbarkeit auf den Leser losgelassen werden.
Bei aller Lust am Verstörend-Aufrührerischen, daran, mit seiner Lyrik irgendeinen gesellschaftlichen Einfluss haben zu können, glaubt der junge Dichter nicht. Insofern stellt seine Lyrik für ihn eher eine Art Zuflucht dar. Es ist seine Art, der Welt zu begegnen, in der er nicht das Gefühl hat, etwas bewirken zu können. Seine Lyrik sei ein „resignierendes, verzweifeltes Lachen“, das ihm diese Welt entlockt, so sagt er. „Außerdem macht es halt auch Freude. So blöd es klingt.“
Weiter erwartet er sich nichts von seiner Wortspielerei, als diese persönlichen Zwecke. „Mit Lyrik kommt man nicht groß raus“, sagt er. Deswegen hätte er da auch keine größeren Ambitionen. Seine beruflichen Pläne gehen eher in Richtung eines Volontariats beim Goethe-Institut in Westafrika, wo er schon zweimal war. Oder, als Alternative, den Doktor zu machen. In seiner Lyrik möchte er Dinge, die ihn beschäftigen, zu Papier bringen – dementsprechend gibt es auch viele private Bezüge: der Alltag, inklusive Club-Nächten, Sex, Liebeswehen und Weltgeschehen.
Möchte er für immer so weiter machen, mit dieser Art von Gedichten? Oder hat er irgendwann ausreichend Sinnlosigkeit in hübsche Gedichtform verpackt? Langfristig könne er sich schon vorstellen, sich von der Lyrik wegzubewegen. Mit seinem ersten Roman hat er schon angefangen. Allerdings fehle ihm noch, sagt er, ein wenig der „lange Atem“.

 

Foto: Ann-Sophie Wanninger

Teilen

Kommentare sind geschlossen.