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Anerkennung des Neids

von Franziska Nicolay

Jahr: 2012, Woche: 29

Neid kennt jeder, nur zugeben mag es keiner. Dabei sei dies die aufrichtigste Form, Anerkennung auszudrücken. Trotzdem fällt es schwer, sich das einzugestehen - vor allem gegenüber guten Freunden.

Bekanntschaften haben wir viele: im Internet, in der Uni, im Sportverein. Gute Freunde hingegen sind rar. Umso wichtiger, dass man solche Beziehungen pflegt. Durch kleine Aufmerksamkeiten, gemeinsame Aktionen oder einfach nur indem man für den anderen da ist – eine Kolumne über das Miteinander und Füreinander.

Neid sei die aufrichtigste Form der Anerkennung, das meinte zumindest Wilhelm Busch. Aber aus welchem Grund sollte dies so sein? Erkenne ich die Leistung eines anderen tatsächlich aufrichtiger und ehrlicher an, wenn ich neidisch bin? Warum schämt man sich dann meistens für den Neid, den man meistens hegt, wenn enge Freunde etwas erreicht haben? Versucht ihn zu verbergen?

Ein guter Freund von mir hat mittlerweile Einiges erreicht: Bevor er überhaupt sein Studium beendet hat, liegt das Job-Angebot auf dem Tisch. Er hat nach zahlreichen Jahren das Mädchen zur Freundin, das er sich schon immer gewünscht hat. Und nun hat er auch noch provisionsfrei eine Wohnung ergattert. In München! In einer der schönsten Gegenden Münchens! Die Voraussetzungen dafür waren bei ihm: ein nicht besonders engagierter Student, der lieber mal ausgeht, anstatt sich um ernstere Dinge zu kümmern.  Wenn auch nicht immer habe ich im Gegenteil für gute Noten gekämpft. In der Prüfungszeit bin ich zum Einsiedlerkrebs geworden. Nur habe ich hingegen  mein Studium im Februar beendet und hangele mich nun immer noch von Praktikum zu Praktikum – obwohl mein Notenschnitt nicht schlechter war, ich bin aber eben kein BWler. Ich arbeite gerne und viel, um mir auch mein Praktikum finanzieren zu können. Meine Wohnung ist deshalb immer dreckig. Einen Freund habe ich auch, aber da treibt gerade die Eifersucht ihr intrigantes Spielchen. Von Karma halte ich momentan nicht mehr viel. Und dennoch: Ich freue mich für meinen guten Freund, er hat es verdient, ich gönne es ihm. Jeder hat ja mal so richtig Glück. Aber meine ich das ehrlich? Ist das aufrichtig? Ist das Lächeln, das ich ihm entgegen bringe nicht eher gequält?

Mein guter Freund fragt mich: „Freust du dich für mich?“. Natürlich freue ich mich, sage ich ihm. Aber auch: „Ich bin aber auch neidisch“, das würde ich mir für mich auch wünschen.

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